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50 Jahre zwischen Genie und Wahnsinn

In Argentinien vergöttert, von der restlichen Fußballwelt verehrt: Einer der besten Fußballer feiert am Samstag ein rundes Jubiläum: Diego Armando Maradona wird 50. Er blickt auf ein Leben auf einer Achterbahn zurück. Sportlichen Höhen folgte der tiefe Fall. Kaum ein Sportler verkörpert Genie und Wahnsinn so wie die legendäre Nummer zehn.

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Nicht nur in Villa Fiorito, einem Slum am Stadtrand von Buenos Aires, wo Maradona aufwuchs und das Fußballspielen erlernte, wird der 50. Geburtstag seines berühmtesten Sohnes gefeiert. Auch in Neapel, wo dem Argentinier seine größten Erfolge auf Clubebene gelangen, wird so manche Geburtstagsparty zu Ehren des Jubilars steigen. Vielleicht auch hinter vorgehaltener Hand, denn noch immer schuldet der Argentinier dem italienischen Fiskus Millionen.

WM-Gold dank „Hand Gottes“

„Fußball war immer schon eine Show“, sagte Maradona einst in einem Interview. Und so präsentierte er sich auf dem Spielfeld. Sein Name ist untrennbar mit der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko verbunden, wo der damals 26-Jährige Argentinien zum zweiten und bisher letzten WM-Titel führte. Legendär sein Handtor gegen England („die Hand Gottes“) und sein Solo über das halbe Feld mit Abschluss im gleichen Spiel, das von der FIFA zum WM-Tor des Jahrhunderts gekürt wurde. Im Finale gab „El Diez“ („Die Zehn“) den entscheidenden Pass zum 3:2 über Deutschland.

Diego Maradona bei der WM 1986

AP/Carlo Fumagalli

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere: Maradona lässt sich bei der WM 1986 feiern.

Auch den SSC Napoli führte Maradona zu ungeahnten Höhen, was in zwei Meistertiteln (1987, 1990) und einem Europacup-Sieg (UEFA-Cup 1989) gipfelte. 1990 stand der Ballkünstler noch einmal mit seinem Heimatland in einem WM-Finale, diesmal zog man jedoch gegen Deutschland (0:1) den Kürzeren. Anfang der 90er Jahre traten neben fußballerischen Glanzlichten auch immer mehr seine Eskapaden in den Vordergrund.

„Ich bin wie aus heiterem Himmel aus den Tiefen der Villa Fiorito bis auf den Gipfel des Mount Everest aufgestiegen. Und einmal ganz oben angekommen, war ich plötzlich auf mich allein gestellt, weil mir niemand erklärt hatte, wie man sich in einer solchen Situation verhält“, fasste der Fußballstar einst sein Leben und seine Exzesse zusammen, „welcher Fußballer hätte ich werden können, wenn ich nicht drogenabhängig gewesen wäre?“

Kokain und Doping

Schon 1991 wurde Maradona erstmals positiv auf Kokain getestet und vom argentinischen Verband für 15 Monate gesperrt. Zusätzlich erhielt der Fußballstar eine 14-monatige bedingte Freiheitsstrafe. 1994 sorgte Maradona bei der WM in den USA erneut durch einen positiven Dopingtest, diesmal wegen Ephedrin-Missbrauch, für Schlagzeilen.

Zwischen 2000 und 2007 musste ein schwer übergewichtiger Maradona mehrmals wegen Herzattacken und Schwächeanfällen ins Krankenhaus eingewiesen werden. Die Ärzte führten den Vorfall auf übermäßigen Kokain- und Alkoholkonsum zurück. Übereifrige Medien berichteten sogar vom Tod des Argentiniers. Maradona begab sich mehrmals auf Entziehungskur, erlitt aber immer wieder Rückfälle.

Diego Maradona bei Qualifikationsspiel zur WM in Südafrika

APA/EPA/Cesaro De Luca

Nach Drogen- und Alkoholskandalen führte Maradona Argentinien 2010 zur WM.

Beschimpfungen bei WM-Quali

Seinen berühmtesten Ausraster der letzten Zeit legte Maradona 2009 als argentinischer Teamchef hin. Nach in letzter Sekunde geglückter Qualifikation für die WM 2010 ließ er sich bei der folgenden Pressekonferenz zu wüsten Beschimpfungen der anwesenden Journalisten, die ihn im Vorfeld kritisiert hatten, hinreißen. Die Reporter hatten noch Glück: Einige Jahre zuvor beschoss Maradona lästige Journalisten mit einem Luftgewehr.

Die WM 2010 war auch der bisher letzte große Auftritt Maradonas. Der Argentinier begeisterte nicht nur durch modische Anzüge und elegantem Vollbart, sondern auch durch seine emotionalen Ausbrüche an der Seitenlinie inklusive Küsschen für seine Spieler. Das blamable 0:4 im Viertelfinale gegen Deutschland warf Maradona aus seinen Träumen und in der Folge vom Teamchefsessel. Wie angekündigt im Falle des WM-Titels nackt durch Buenos Aires zu laufen, blieb ihm somit erspart.

Diego Maradona bei der WM 2010

APA/EPA/Vassil Donev

In Südafrika brillierte Argentiniens Teamchef vor allem als „Showman“.

Der „heilige Diego“

Seinen Fans waren und sind Misserfolge als Trainer und seine Skandale jedoch egal. Maradona ist in seiner Heimat ein „Heiliger“ – und das im wahrsten Sinn des Wortes. In der argentinischen Stadt Rosario gründeten Maradona-Fans 1998 am 38. Geburtstag ihres Idols die religiöse Bewegung „Iglesia Maradoniana – La Mano de D10S“ zu Ehren der Fußballlegende.

Das Wortspiel „La Mano de D10S“, eine Kombination aus dem spanischen „Diez“ (Zehn) und „Dios“ (Gott), ist eine Anspielung auf Maradonas legendäres Tor gegen England und steht symbolisch für die Gabe, mit der die ehemalige Nummer zehn in den Augen seiner Fans gesegnet ist. Laut eigener Website hat die Maradona-Kirche bereits über 40.000 Anhänger weltweit.

Den Kult um seine Person nimmt der Jubilar in Kauf. „Schauspieler bekommen ein Skript und lesen es. Ich lese es nicht, ich lebe. Das ist meine Rolle“, beschreibt Maradona sein Selbstverständnis. Die schlimmsten „Aufzüge“ hat Maradona nach eigenen Aussagen ohnehin hinter sich: „Ich war ganz unten, und meine Töchter haben mich da herausgeholt“, sagte Maradona in diesem Jahr: „Jetzt beginnt für mich in der Früh stets ein neuer Tag.“

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