Schwarzer Sonntag in Südafrika
Der Engländer Howard Webb hat das Finale mit einem „Höllenritt“ verglichen. Auch einige andere Schiedsrichter behielten die WM wohl in keiner guten Erinnerung. Unter Webb verkam das Endspiel zwischen Spanien und den Niederlanden zu einer Härteschlacht, als schwärzester Tag für die Referees ging aber der 27. Juni in die WM-Annalen ein.
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Der Uruguayer Jorge Larrionda und der Italiener Roberto Rosetti leisteten sich an jenem Sonntag mit ihren Assistenten bei den Achtelfinal-Spielen zwischen Deutschland und England (4:1) in Bloemfontein bzw. Argentinien und Mexiko (3:1) in Johannesburg haarsträubende Fehler, die alle umstrittenen Pfiffe, die in der Gruppenphase für manches Kopfschütteln gesorgt hatten, klar in den Schatten stellten.
„Für diese Fehlentscheidungen gibt es keine Entschuldigung, aber Fehler passieren“, sagte Österreichs FIFA-Referee Thomas Einwaller, der im erweiterten Kader der Referees für Südafrika gestanden war, aber letztlich nicht in den Kreis der WM-Schiedsrichter Aufnahme gefunden hatte, zu den zwei eindeutigen Situationen, die über WM-Aufstieg bzw. -Abschied mehr oder weniger beigetragen oder sie zumindest beeinflusst haben.
Verkehrtes „Wembley-Tor“ in Bloemfontein
Den Engländern wurde in der 38. Minute, unmittelbar nach dem Anschlusstor zum 1:2, ein klarer Treffer von Frank Lampard verweigert. Der hatte mit einem Schuss die Latte getroffen, von wo der Ball für alle im Stadion und TV-Zuschauer sichtbar deutlich mit vollem Umfang hinter der Linie aufsprang. Linienrichter Mauricio Espinosa sah das aber anders, Schiedsrichter Larrionda ließ weiterspielen, und den „Three Lions“ blieb der Ausgleich verwehrt.

APA/EPA/Jon Hrusa
Nur Linienrichter und Schiedsrichter sahen den Ball nicht hinter der Linie.
Das Tor ließ natürlich Erinnerungen an das an das berühmte „Wembley-Tor“ im Finale der WM 1966 wach werden. Damals gewannen die Engländer auch dank des bis heute umstrittenen Treffers von Geoff Hurst gegen Deutschland nach Verlängerung.
Klares Abseitstor von Tevez anerkannt
Wenige Stunden später sah ein Linienrichter im Soccer-City-Stadion von Johannesburg wieder Offensichtliches nicht: Carlos Tevez verlängerte in der 25. Minute einen Heber von Lionel Messi zum 1:0 ins Tor, stand dabei aber klar im Abseits, war sogar letzter Mann. Der italienische Assistent Stefano Ayroldi sieht das ebenso wenig wie Referee Rosetti, der 2008 in Wien den 1:0-EM-Finalsieg Spaniens gegen Deutschland geleitet hatte.
Die Fans in England und Mexiko, aber auch neutrale Anhänger verstanden die Fußballwelt nicht mehr. Sie stellten sich die Frage, warum es nicht das elektronische Auge wie etwa im Eishockey nicht schon längst auch in „ihrem“ Sport gibt. Der Videobeweis wird von der FIFA aber weiter abgelehnt.
Sergeant Webbs „Höllenritt“
Zum „Buhmann“ mutierte am 11. Juli auch Finalschiedsrichter Webb. „Das waren die schwersten Momente meiner Laufbahn, die man am besten mit einem Höllenritt beschreiben kann, der zwei Stunden dauerte“, sagte der 38-jährige Engländer der Zeitung „Daily Mail“.
Der ehemalige Polizist hatte in dem extrem hart geführten Endspiel insgesamt 13 Gelbe Karten und einmal Gelb-Rot gegen den Niederländer John Heitinga gezückt. Dabei war das Problem gar nicht die Flut an Karten, sondern deren falsche Farbe. Webb agierte sogar zu milde. Ausschlüsse gegen Mark van Bommel und Nigel de Jong, der Xabi Alonso mit einen Kung-Fu-Tritt gegen die Brust verpasste, wären schon in der ersten Hälfte zwingend gewesen und hätten das rüde Spiel vielleicht gerade noch rechtzeitig beruhigt.
„Das hätte sogar ein Blinder gesehen“
Paradoxerweise maulten dann die überharten Niederländer über Webb. Kurz vor dem spanischen Siegestor durch Andres Iniesta verweigerte er ihnen einen klaren Eckball, ein angebliches Foul an Eljero Elia blieb ungeahndet. „Das hätte sogar ein Blinder gesehen“, ereiferte sich Torwart Maarten Stekelenburg, der gegen den Iniesta-Schuss in der 116. Minute chancenlos gewesen war. Trainer Bert van Marwijk behauptete gar: „Der Mann war auf Spaniens Seite.“
Die englische Presse, selten um originelle Vergleiche verlegen, versuchte, ihren Landsmann gnädig zu behandeln. Aber: Im Polizeieinsatz in Yorkshire hätte Sergeant Webb die Niederländer nicht so leicht davonkommen lassen dürfen, sondern wegen versuchter Körperverletzung festnehmen müssen, meinte der „Daily Telegraph“.
Rudolf Srb, ORF.at
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