„Ich sehe kein Qualitätsdefizit“
Was die Spatzen seit Wochen von den Dächern gepfiffen haben, hat Rapid am Montagvormittag auch offiziell präsentiert: Peter Schöttel, von den Fans 1999 ins Rapid-Team des Jahrhunderts gewählt, ist der neue Cheftrainer der Hütteldorfer. Zwei Runden absolviert der 44-Jährige noch als Coach in Wiener Neustadt, ab 1. Juni soll der ehemalige Kapitän den Grün-Weißen wieder auf die Sprünge helfen.
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„Ich bin wieder hier, in meinem Revier. War nie wirklich weg ...“, singt Marius Müller-Westernhagen. In gewisser Weise gilt dieser Songtext auch für den Rapid-Rekordspieler Schöttel (524 Pflichtpartien), der von 2003 bis 2006 auch schon Sportdirektor der Hütteldorfer war und davor zwei Jahre als Trainer der Rapid-Amateure gearbeitet hatte. Viereinhalb Jahre nach seinem kontroversen Abgang kehrt Schöttel nun zu seinem Stammclub zurück, und das um einige Erfahrungen reicher.
Kein Sportdirektor, dafür zwei Sportmanager
„Die Scheuklappen, die man entwickelt, wenn man 30 Jahre bei einem Verein ist, sind weg“, sagte er daher bei seiner Rückkehr. In der Saison 2007/2008 trainierte Schöttel den Wiener Sportklub in der Regionalliga. Im Anschluss daran übernahm er den Posten als Sportdirektor beim damaligen Regionalligisten Vienna, ehe Schöttel im Dezember 2009 als Trainer und Sportdirektor bei Frank Stronach in Wiener Neustadt anheuerte. Auch bei Rapid wird Schöttel im sportlichen Bereich das alleinige Sagen haben.

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Zoran Barisic, Peter Schöttel, Stefan Ebner, Carsten Jancker sind „Rapid neu“.
Das Amt des Sportdirektors, das in den vergangenen Jahren - eher zum Leidwesen von Ex-Trainer Peter Pacult - Alfred Hörtnagl bekleidet hatte, wurde abgeschafft. Wie Präsident Rudolf Edlinger erläuterte, ist der bisherige Teammanager Stefan Ebner nun als Sportmanager für den Profibereich verantwortlich. Ex-Rapid-Sturmtank Carsten Jancker, zuletzt schon im Nachwuchsbereich tätig, wird diesem nun als zweiter Sportmanager vorstehen. Pacults Interimsnachfolger Zoran Barisic kehrt in die zweite Reihe zurück und übernimmt das Amateurteam.
In Österreich „die reizvollste Aufgabe“
Im österreichischen Clubfußball ist der Trainerjob bei Rapid für Schöttel „die reizvollste Aufgabe“. Gleichzeitig weiß er aus eigener Erfahrung: „Bei Misserfolgen wird es sehr schnell sehr schwierig.“ Seinen Abschied im November 2006 hatte schließlich ein Platzsturm der Rapid-Fans nach einem 1:1 im Hanappi-Stadion gegen Pasching beschleunigt. Auch die heftige Kritik von Rapid-Ikone Hans Krankl in dessen Zeitungskolumne hatte Schöttel damals getroffen. Nicht zuletzt deshalb waren die letzten Jahre für den Heimkehrer eine sehr wichtige Zeit.
„Ich hatte mich nach Veränderung gesehnt“, erinnert sich Schöttel. „So konnte ich Rapid auch von außen sehen. Die Erfahrungen als Trainer, Manager und Sportdirektor haben mich weitergebracht.“ Was er auch als Gegner immer wieder erkannte: „Wie wichtig Rapid für Fans und Medien ist. Das hat mir in Wiener Neustadt gefehlt“, so Schöttel. Die vorletzte Partie mit den Niederösterreichern gegen Titelfavorit Sturm am Wochenende liege ihm aber noch besonders am Herzen. „Ich habe das verlorene Cupfinale noch gut in Erinnerung“, brennt der scheidende Coach der Wiener Neustädter auf Revanche.

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Thomas Hickersberger war schon bei der Vienna Assistenztrainer.
Suche nach Dynamik und Schnelligkeit
Zwei Jahre läuft nun der Rapid-Vertrag von Schöttel, der auf die „Fachkenntnis und Loyalität“ von Thomas Hickersberger als Assistenztrainer vertraut. Dessen Vater Josef Hickersberger war als Sportdirektor im Gespräch, für Rapid aber wohl zu teuer. Neuer Tormanntrainer wird Raimund Hedl, der seine aktive Karriere daher als Nummer zwei hinter seinem künftigen Schützling Helge Payer beenden wird. Mit seinem zweiten Assistenztrainer Dritan Baholi, verantwortlich für Fitness und Kondition, arbeitete Schöttel schon in Wiener Neustadt zusammen.
Die Aufgabe für das neue und extrem junge Rapid-Trainerteam ist keine leichte. Nach einer auch für Clubboss Edlinger „sehr enttäuschenden“ Saison mit einem „unentschuldbaren Ergebnis“, nämlich dem Verpassen eines Europacup-Platzes, soll Schöttel „an große Zeiten anknüpfen“. Qualitätsmängel in der Mannschaft von Rapid sieht Schöttel trotz der sportlichen Krise jedenfalls nicht: „Ich erkenne vorhandenes Potenzial und fußballerische Qualität im Team. Auf manchen Positionen fehlt noch Dynamik und Schnelligkeit, aber ich sehe kein Qualitätsdefizit.“
„Das wollen wir ändern“
Talentierte Spieler, die vor einiger Zeit noch zu den Besten in Österreich gezählt hatten, würden es derzeit nicht tun. „Und das wollen wir ändern“, kündigte Schöttel an. „Das Selbstvertrauen ist im Moment weg, aber es wird wiederkommen.“ Mit Guido Burgstaller, den Schöttel aus Wiener Neustadt mitnimmt, habe man einen ersten Schritt im Angriff gemacht. Einen Stürmer und einen Verteidiger - beide möglichst dynamische, schnelle Spielertypen - will man noch holen. Zunächst soll der Kader aber gesundgeschrumpft werden, drei, vier Profis könnte es treffen.
„Ich arbeite lieber mit weniger Spielern“, sagte Schöttel in Anbetracht der verpassten Doppelbelastung bei einer Europacup-Teilnahme. „Bei Problemen kann man auf den guten Nachwuchs zurückgreifen.“ Das sportliche Ziel wurde Schöttel auch gleich vorgegeben. „Wie immer das Erreichen eines internationalen Startplatzes“, sagte Edlinger, der neben der neuen Struktur im Verein vor allem einen Punkt hervorhob: „Dass die darin handelnden Personen auch miteinander können.“
Die nicht gerade harmonische Beziehung von Pacult und Hörtnagel, „die Erfahrung der letzten Jahre“, hat Edlinger in der Entscheidungsfindung der neuen sportlichen Leitung begleitet. „Stefan Ebner und ich kennen und schätzen uns schon sehr lange“, betonte auch Schöttel. Zumindest für neue Harmonie ist in Hütteldorf also gesorgt.
Harald Hofstetter, ORF.at
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