Fußball in Perfektion
Spätestens nach dem Champions-League-Triumph in London zählt die aktuelle Mannschaft des FC Barcelona zu den besten Clubteams aller Zeiten. Um das argentinische Genie Lionel Messi, der keinen Vergleich mit Diego Maradona und Pele zu scheuen braucht, schuf Josep Guardiola eine funktionierende Einheit von Weltklassespielern mit einem perfekten System.
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„So hat uns noch niemand verprügelt“, sagte der 69-jährige Alex Ferguson, seit mehr als 25 Jahren Trainer von Manchester United. „Barcelona verzaubert mit seinen Kombinationen.“ Wie bereits 2009 beim 2:0 im CL-Finale von Rom zeigten die Katalanen auch am Samstag einem der besten Teams der Welt die Grenzen auf. Auch für United-Torhüter Edwin van der Sar war Barca wieder einmal „nicht zu schlagen“. Gründe für die Dominanz gibt es einige, ORF.at liefert eine Analyse des Phänomens FC Barcelona.
Weltklasse auf allen Positionen
Bei der Suche nach so etwas wie einem Schwachpunkt wird der Gegner - wenn überhaupt - auf der Torhüterposition fündig. Victor Valdes strahlt nicht in jedem Spiel die Sicherheit eines absoluten Spitzengoalies aus, seine starken Reflexe im Eins-gegen-eins machen gelegentliche Konzentrationsfehler aber wett. Wenn der Gegner wie Manchester am Samstag aber nur einmal in der gesamten Partie aufs Tor schießt, sind diesbezügliche Überlegungen zu vernachlässigen. Ansonsten verfügt Guardiola auf allen Positionen über Weltklassespieler, die im felsenfesten 4-3-3-System noch dazu perfekt miteinander harmonieren.

APA/EPA/Jonathan Brady
Xavi Hernandez leitete gegen Manchester unzählige gefährliche Angriffe ein.
Innenverteidiger wie Gerard Pique, Kapitän Carles Puyol und Javier Mascherano sind hinten eine Bank und vorne bei Standardsituationen gefährlich. Sie beherrschen den eröffnenden Pass aus der eigenen Hälfte ebenso gut wie die Außenspieler Eric Abidal und Daniel Alves, die auf den Flanken noch dazu enormen Offensivdrang entwickeln. Im Mittelfeld zerlegt das magische Dreieck mit Xavi Hernandez, Andres Iniesta und Lionel Messi jeden Gegner in seine Einzelteile.
Im Champions-League-Finale spielte sich das Supertrio untereinander 305 Pässe zu, mehr als das gesamte Team von United. Unglaubliche 124 von 136 Zuspielen von Xavi erreichten den geplanten Empfänger, Iniesta brachte 98 seiner 107 Pässe an den Mann. Und im Sturm gibt es neben Messi mit Pedro und David Villa zwei echte Vollstrecker, sollten Xavi und Iniesta nicht ohnehin gleich selbst abschließen. Als „Karussell“ bezeichnete Ferguson einst die nicht enden wollenden Ballstafetten der Barca-Elf - für fast alle Gegner ist es ein Karussell des Grauens.
Jeder Ballverlust eine persönliche Beleidigung
Insgesamt 772 Pässe ließen den Ball gegen Manchester in den Reihen des FC Barcelona zirkulieren, 86 Prozent davon kamen an. Im Besitz des Balles spielten die entfesselten Katalanen im Schnitt alle 4,5 Sekunden einen Pass. Meistens folgt auf einige Zuspiele in die Breite oder sonstige Spielverlagerungen sofort einer der gefürchteten Nadelstiche in den Strafraum. 63 Prozent Ballbesitz hatte Barca im Finale. Wäre man es in der letzten Viertelstunde nicht „gemächlicher“ angegangen, stünde wohl der übliche Wert um die 70 Prozent zu Buche.
Verliert die Mannschaft von Guardiola nach einer gefühlten Ewigkeit das Spielgerät an den Gegner, wird das als persönliche Beleidigung empfunden und dementsprechend beantwortet. Blitzschnell verwandeln sich die Offensivkünstler in schnelle Abfangjäger, die in der gegnerischen Hälfte ein erbarmungsloses Pressing aufziehen. Kämpferische Tugenden gehören ebenso zur Barca-Philosophie wie Kurzpassorgien, spektakuläre Dribblings und Sololäufe.

GEPA/Walter Luger
Guardiola hat sein Ensemble seit drei Jahren fest im Griff.
Guardiola mit 40 schon einer der Größten
Die millionenschweren Stars tun das, weil es ihnen in jedem Training eingeimpft wird. Guardiola ist mit seinen 40 Jahren schon einer der größten Clubtrainer, in drei Jahren als Chefcoach des FC Barcelona holte er zehn nationale und internationale Titel. 1992 gewann der damals 21-jährige Mittelfeldstratege unter seinem Lehrmeister Johan Cruyff den Europacup der Meister - ebenfalls in London. Auf dem Spielfeld war er der verlängerte Arm der niederländischen Barca-Ikone, jetzt setzt Guardiola dessen Dogma vom totalen Fußball als Trainer fort. „Auf die Art und Weise, wie wir gewonnen haben, bin ich am meisten stolz“, sagte er nach dem 3:1 über Manchester.
Dabei hatte der smarte Offensivapostel im Vorjahr gegen Inter und die Zerstörungstaktik von Jose Mourinho Lehrgeld bezahlen müssen, was Guardiola nur noch stärker machte. United-Trainerlegende Ferguson versuchte nun schon zum zweiten Mal, die Taktik des um 29 Jahre jüngeren Kollegen mit einem überfallsartigen Start auszuhebeln. Wie 2009 scheiterte er auch in London, Guardiola feierte den zweiten Triumph in der Königsklasse als Trainer. Seine Spieler gehen für „Pep“ durch dick und dünn, von einem Kumpeltypen ist der Disziplinfanatiker in seiner Art aber weit entfernt.
Messi auf Augenhöhe mit Maradona und Pele
Was er an seinem Spielmacher und Torjäger in Personalunion hat, weiß Guardiola genau. „Messi ist der beste Spieler, den ich je gesehen habe und wahrscheinlich sehen werde“, meinte er über den legitimen Nachfolger der argentinischen Legende Diego Maradona. Auch mit dem brasilianischen Idol Pele sehen ihn viele Experten auf Augenhöhe - auch wenn Messi noch keinen WM-Titel wie Maradona, Pele und seine spanischen Clubkollegen holte. Im Finale gegen Manchester wurde der kleine Wirbelwind zum Mann des Spiels gewählt, seit drei Jahren heißt der Torschützenkönig der Champions League immer Messi.
Im Gegensatz zum argentinischen Nationalteam ist Messi in Barcelona in ein perfekt abgestimmtes Kollektiv eingebettet, so hält der rechte Außenverteidiger Daniel Alves dem Offensivstar perfekt den Rücken frei. Auch Sergio Busquets räumt im Mittelfeld verlässlich ab, wenn Messi gerade im gegnerischen Strafraum gezaubert hat. Messis „Pech“ ist also, dass Alves ein Brasilianer und Busquets ein Spanier ist und sie ihn bei WM-Endrunden nicht unterstützen können. Was Barcelona betrifft, will Guardiola aber weiter dafür sorgen, dass der erst 23-jährige Messi das Team hat, das er braucht.
Harald Hofstetter, ORF.at
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