„Das Team funktioniert“
Die Frage, die sich Freitagabend wohl jeder österreichische Fan im Ernst-Happel-Stadion gestellt hat, lautet: Warum nicht gegen Belgien auch so? Was Österreichs Nationalelf vor 47.500 Zuschauern trotz der am Ende bitteren 1:2-Niederlage ablieferte, war eines der besten Spiele der letzten Zeit. Und das gegen den Weltranglistenvierten und Erzrivalen aus Deutschland.
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Das Spiel war ein Lebenszeichen des heimischen Fußballs und brachte die Erkenntnis, dass nach den beiden 0:2-Pleiten gegen Belgien und die Türkei und einer durchwachsenen Bundesliga-Saison doch einiges Potenzial in der ÖFB-Elf steckt. Zuletzt schien es so, als wäre der moderne Tempofußball an Österreich zielsicher vorbeigegangen. Fast unisono dann auch der Tenor der Mannschaft nach dem „gefühlten“ Remis: „Wir können stolz sein auf uns. Aber es gibt nichts zu feiern.“

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Nach dem Ausgleich durch ein Friedrich-Eigentor herrschte allgemeine Freude.
Das große Plus
„Wir haben uns nicht viel vorzuwerfen“, fand auch Stuttgart-Stürmer Martin Harnik, dessen Absicht an diesem Abend klar war. Er wollte gewinnen und dabei ganz Fußball-Deutschland beweisen, dass Österreich kein Team von Fußball-Exoten ist. „Wir können stolz auf uns sein, aber deshalb dürfen wir noch nicht zufrieden sein“, wollte er keine Niederlage schönreden. Warum es diesmal besser gelaufen war als zuletzt, wusste Harnik auch: „Unser großes Plus heute war die Laufbereitschaft. Wir haben nie aufgehört zu kämpfen.“
Erst ein Kopfballtor von Doppeltorschütze Mario Gomez (44., 90.) in der letzten Minute manifestierte einen „glücklichen“ Sieg für Deutschland. Davor bot das Team von Dietmar Constantini dem ungeschlagenen Tabellenführer der EM-Qualifikationsgruppe A fast über die gesamte Spielzeit Paroli und beherrschte gut eine halbe Stunde nach dem Pausenpfiff überhaupt das Geschehen auf dem Spielfeld.

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Fuchs und Co. haben „den Deutschen das Leben schwergemacht“.
Am Ende gewinnen immer die Deutschen
Ein Punkt wäre nicht nur ein immens wertvoller Prestigeerfolg gewesen, sondern auch noch wichtig für die Qualifikation für die EM 2012 in Polen und in der Ukraine. Die Chancen dafür sind zwar weiter geschrumpft, aber auch aufgrund des 1:1 zwischen Belgien und der Türkei in Brüssel theoretisch noch immer vorhanden. Österreich ist Vierter, hat bei einem Spiel weniger vier Zähler Rückstand auf Belgien und bei gleich vielen Partien drei Punkte weniger als die Türkei, die am 6. September noch nach Wien kommt.
Doch nach Punkterechnerei war an diesem Abend in den Katakomben des Happel-Stadions keinem Österreicher so wirklich. Die vergebene Chance auf den ersten Punktgewinn gegen Deutschland in einem Pflichtspiel seit 28 Jahren (EM-Quali 1983, 0:0 in Wien) ärgerte die ÖFB-Kicker sichtbar. „Wir haben den Deutschen das Leben schwergemacht“, wusste Teamkapitän Christian Fuchs, „aber am Ende hat sich wieder das Sprichwort bewahrheitet.“ Der Mainz-Legionär meinte damit den Gary-Lineker-Spruch: „Fußball ist ein einfaches Spiel. 22 Männer jagen 90 Minuten einem Ball nach, und am Ende gewinnen immer die Deutschen.“
„Glück und Effizienz“
Von Glück allein wollte Fuchs nicht sprechen. „Das ist Glück und Effizienz. Wir hatten auch gute Aktionen, standen geordnet in der Defensive und haben sie gut gestört“, so der Linksverteidiger, „aber am Ende bleiben die beiden bitteren Tore.“ Das überraschend forsche Auftreten der ÖFB-Elf war für ihn keine Überraschung. „Wir waren sicher, dass uns was gelingen wird.“
Vor allem die heimischen Deutschland-Legionäre schienen hochmotiviert. Allen voran die beiden besten Österreicher an diesem Abend Harnik und David Alaba. Beide fielen durch unermüdlichen Einsatz, eine ans Erschöpfende grenzende Laufbereitschaft und Offensivdrang auf.

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Harnik wirbelte die DFB-Abwehr durcheinander.
Alaba, der in drei Wochen seinen 19. Geburtstag feiert und mit seiner scharfen Flanke Arne Friedrich zum Eigentor zum 1:1 zwang, war enttäuscht über den Verlauf des Spiels. „Wir hatten einen sehr großen Aufwand, wir haben alles gegeben. Es gab Chancen auf beiden Seiten. Wenn wir Glück haben, können wir das Spiel gewinnen. Man muss bis zum Schlusspfiff konzentriert bleiben.“

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Von der Leistung des ÖFB-Teams waren nicht nur die Fans überrascht.
„Haben uns super verkauft“
Der späte Siegestreffer nagte auch an Paul Scharner, der diesmal als Innenverteidiger eine schnörkellose Partie bot. Der Spannungsabfall im ÖFB-Team in den letzten zwei, drei Minuten war im Stadion förmlich spürbar. „Vielleicht waren wir zu sicher, dass wir das 1:1 rüberbringen“, meinte der West-Bromwich-Legionär. Aber sonst habe sich Österreich „super verkauft.“
„Wir haben sie bis zum Schluss gefordert und zweimal nach Standards ein Tor bekommen. Das ist bitter“, so Scharner, der aber auch die positiven Seiten der Vorstellung gegen Deutschland sah: „Das Potenzial ist da. Man muss uns nur Zeit geben, es auch abzurufen und uns zu entwickeln.“ Für ihn steht jedenfalls fest: „Das Team funktioniert.“ Rapid-Arbeitsbiene Stefan Kulovits, der in seinem erst zweiten Länderspiel eine tadellose Vorstellung ablieferte, meinte gar: „Wenn einer für den anderen läuft, dann kann man auch so einen Gegner schlagen.“
Kein Unruheherd im Team
Mit ein Grund für die mannschaftliche Geschlossenheit war für Scharner auch der Umstand, dass diesmal „echter Teamspirit“ vorhanden gewesen sei. Ohne einen Namen zu nennen, warum das Team diesmal mehr als Einheit auftrat, erklärte er: „Es hat diesmal auch keine Unruhe im Team gegeben. Zuletzt war ja viel zu viel Aufregung in und um die Mannschaft.“
Teamchef Constantini hatte diesmal im Gegensatz zu den Spielen gegen Belgien und die Türkei auf Bremen-Legionär Marko Arnautovic verzichtet. Der Jungstar bekam vorerst eine Nachdenkpause verordnet und war nur auf Abruf im Teamkader. Nicht von Anfang an dabei war auch Zlatko Junuzovic. Der Austria-Regisseur kam erst in der 67. Minute für den unauffälligen Ekrem Dag aufs Feld. „Wir können stolz auf uns sein“, meinte auch er. „Wir haben mehr oder weniger die zweite Hälfte dominiert. Wir wussten, dass wir so eine Leistung bringen können, wir mussten sie nur abrufen.“
Martin Wagner, ORF.at
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