Kolumbien kann kommen
In der Nacht auf Samstag beginnt für Österreichs U20-Nationalmannschaft das WM-Abenteuer in Kolumbien. Dem Auftaktmatch gegen Panama in Cartagena (0.30 Uhr, live in ORF eins) wird - wie bei jedem anderen großen Turnier auch - eine Schlüsselbedeutung beigemessen. „Ein Sieg könnte schon die halbe Miete im Kampf um den Aufstieg ins Achtelfinale sein“, glaubt Kapitän Michael Schimpelsberger.
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Ob den rot-weiß-roten Talenten unter der Führung von Coach Andreas Heraf in Gruppe E gegen Ägypten und Brasilien wirklich der Einzug in die K.-o.-Phase gelingt und damit das vor der WM angepeilte Ziel erreicht wird, hängt vor allem von zwei Faktoren ab. Das Team muss sich Tausende Kilometer entfernt von der Heimat als eingeschworenes Kollektiv präsentieren. Zweitens gilt es mit den extremen klimatischen Bedingungen mit Hitze und Luftfeuchtigkeit in Kolumbien fertigzuwerden.
„Wir sind wie Brüder“
Für Sebastian Prödl, ÖFB-Kapitän bei der WM 2007 in Kanada, war das Auftreten als perfekte Turniermannschaft der Schlüssel für das Erreichen des sensationellen vierten Platzes. „Wir waren eine Einheit, es hat keine disziplinären Fehltritte gegeben, jeder hat optimal mitgezogen. Der Grund für den Erfolg war das Kollektiv. Jeder war sich im Klaren über seine Rolle und hat gewusst, was er zum Erfolg beitragen kann“, erinnert sich der nunmehrige A-Team-Spieler.

GEPA/Christian Ort
Coach Andreas Heraf überlässt in Kolumbien nur wenig dem Zufall
Die aktuellen U20-Kicker stehen in puncto Zusammenhalt ihren Vorgängern um nichts nach. „Wir sind eine echte Einheit“, versicherte Schimpelsberger. „Wir sind zu einer Familie geworden, sind wie Brüder“, erklärte der unfreiwillig daheim gebliebene David Alaba, der seinen Teamkollegen vor dem Abflug aus dem Bayern-Trainingslager noch die besten Wünsche ausrichten ließ. Und Heraf bestätigte: „Die Mannschaft hat einen unglaublichen Teamgeist, es gibt eine fantastische Stimmung.“
„Heiß wie in einer Sauna“
Auch die 24-stündige Anreise inklusive des wegen der Zeitanpassung auferlegten Schlafentzugs ging reibungslos über die Bühne. Die berühmte „Hitzwatschn“ kassierten aber alle. „Es ist heiß wie in einer Sauna, aber wir haben uns schon ein bisschen daran gewöhnt. Von der Kondition her ist es kein Problem, doch wir müssen im Spiel immer voll konzentriert sein, denn unter der Hitze leidet die Konzentration“, erklärte Schimpelsberger die Problematik.
Teamchef Heraf sieht in der Einstellung auf das Klima überhaupt den Knackpunkt für ein erfolgreiches Auftreten: „Ein Kontaktmann von mir hat sich bei südamerikanischen Trainern erkundigt, wie man mit so extremen Bedingungen in Cartagena umgehen kann. Alle haben gesagt, dort gewinnt nicht immer die bessere Mannschaft, sondern die, die sich mehr quälen kann und den Sieg mehr will.“
Bei 35 Grad Celsius und 85 Prozent Luftfeuchtigkeit wird eine Kühlweste zum wichtigen Begleiter bei den abendlichen Trainingseinheiten. „Es geht richtig zur Sache. Das ist auch gut so, denn wir müssen uns an einen Matchlevel herantasten“, erklärte Tobias Kainz. „Wir haben einige Tests gemacht. Es schaut ganz gut aus. Die Spieler vertragen das Klima schön langsam“, ist Heraf bezüglich der Anpassung optimistisch.
Polsters Leiden bei und nach Mexiko 1983
Wie negativ sich klimatische Bedingungen auf die Leistung auswirken können, haben auch Kapfenberg-Coach Werner Gregoritsch und ÖFB-Rekordtorschütze Toni Polster bei ihren erfolglosen U20-WM-Abenteuern am eigenen Leib gespürt. „Es war eine extreme Erfahrung, weil wir diese dünne Luft und große Hitze nicht gewohnt waren“, erklärte Polster, der 1983 in Mexiko im Einsatz war.
Der Trip hatte für den 47-Jährigen auch Tage nach der Landung in Wien noch körperliche Auswirkungen. „Nach meiner Rückkehr zur Austria bin ich zum ersten und letzten Mal in meiner Karriere bei einem Spiel in der Pause zu einem Trainer gegangen und habe um meine Auswechslung gebeten“, erinnert sich der Ex-Torjäger an ein Gespräch mit seinem damaligen Coach Wenzel Halama. „Für Außenstehende mag das wie eine Ausrede klingen, aber nach ein, zwei Sprints ist einem das Blut in den Kopf geschossen und man hat keine Luft mehr bekommen.“
Gregoritsch und die „knusprigen Burschen“
Auch Gregoritsch und seine Mitstreiter hatten 1977 als Ersatzmannschaft für die BRD in Tunesien mit großer Hitze zu kämpfen, was laut dem Kapfenberg-Trainer auch wesentlich zum Ausscheiden mit einem Punkt und 1:6 Toren beitrug. „Damals hatte es Temperaturen bis zu 45 Grad. Da ist man rausgegangen und hat schon geschwitzt“, erklärte Gregoritsch, der sich an die Kasernierung erinnert: „Wir knusprigen Burschen waren praktisch drei Wochen lang kaserniert, und nirgends war eine Frau zu sehen.“
Außenseiterrolle als Vorteil
Das Fehlen weiblicher Gesellschaft sollte aber nicht zum Problem werden. Was der U20-Auswahl allerdings in die Karten spielt, ist angesichts der Konkurrenz wie Frankreich, Portugal, Spanien, England, Brasilien und Argentinien wie schon 2007 die Rolle des klaren Außenseiters. „Wir werden sicher unterschätzt“, erklärte Schimpelsberger mit einem Hinweis auf das am Flughafen in Bogota aufliegende offizielle Turnierheft. Dort ist nämlich die Mannschaft der Bayern Amateure als „Team Österreich“ abgebildet.
Auch die gesunkene Erwartungshaltung aufgrund der Ausfälle von Alaba, Aleksander Dragovic und Raphael Holzhauser, die von ihren Vereinen keine Freigabe erhielten, kann sich am Ende vielleicht positiv auswirken. „Wir haben sehr gute Spieler in unseren Reihen, auch wenn Alaba, Dragovic und Holzhauser, die in ihrem Altersbereich als Weltklasse einzuordnen sind, fehlen. Sie hätten uns weitergeholfen, aber mit denen, die mir zur Verfügung stehen, bin ich topzufrieden“, stellte Heraf klar.
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