Der Einmarsch der Opferlämmer
Kurz vor 20.45 Uhr schritt das ÖFB-Team mit dem Vorhaben, etwas Großes zu leisten, in die Veltins Arena. Mit dem Wissen, wie dieses Spiel enden wird, kommt man im Nachhinein nicht umhin, darin den Einmarsch der Opferlämmer zu sehen. Denn was in den 90 Minuten danach folgte, war eine deutsche Demonstration modernen Fußballs, dem ein rot-weiß-rotes Begleitservice rein gar nichts entgegensetzen konnte.
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Kaum gewonnene Zweikämpfe, viel zu weit vom Gegner weg und eine defensive Bankrotterklärung führten zur Erkenntnis, dass Österreich vom zielgerichteten, beweglichen, schnellen und intensiven Tempofußball, wie ihn die Deutschen zelebriert haben, weiter weg ist als befürchtet. „Jeder hat gesehen, dass ein Riesenunterschied zwischen Deutschland und Österreich besteht. Das Ergebnis ist schlimm, aber wir hätten auch noch mehr Tore kriegen können. Das nehme ich natürlich auf meine Kappe“, sagte ÖFB-Teamchef Dietmar Constantini nach der Partie.

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Ratlosigkeit auf der ÖFB-Betreuerbank
„Werde nicht von alleine zurücktreten“
Trotz dieses Eingeständnisses sind persönliche Konsequenzen vonseiten Constantinis - ungeachtet einiger Spekulationen im Vorfeld der Deutschland-Partie - nach dem 2:6-Debakel nicht zu erwarten. „Wenn ein Trainer nix gewinnt, dann wird er entlassen. Ich halte meinen Vertrag ein und werde nicht von alleine zurücktreten“, stellte der Tiroler klar. Er wolle bis zum 31. Dezember im Amt bleiben, womit er den Ball ins Präsidium spielt.
Allein bei ÖFB-Boss Leo Windtner liegt damit die Entscheidung, wer bis zum Jahresende, in dem noch die EM-Qualispiele gegen die Türkei, Aserbaidschan und Kasachstan sowie die Testpartie im November gegen die Ukraine auf dem Programm stehen, auf der Trainerbank sitzen wird. Windtner hat allerdings vor dem Spiel in Gelsenkirchen klar gemacht, dass er, egal wie die Partie enden wird, an Constantini festhalten und das „ganz klare Agreement“ einhalten möchte.
DFB-Team marschiert „mit unserer Mithilfe“
Was der Präsident allerdings bei seinem Bekenntnis pro Constantini nicht wissen konnte und womit er wohl auch nicht wirklich gerechnet hatte, war, wie diese Partie gegen Deutschland dann wirklich ablaufen würde. Der Plan, mit einer hängenden Spitze Deutschlands Sechser Sebastian Schweinsteiger zu entschärfen, und mit zwei defensiven Mittelfeldspielern die Kreise von Mesut Özil und Toni Kroos zu stören, ging von der ersten Minute an überhaupt nicht auf.

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Bastian Schweinsteiger war nicht zu bändigen
Deutschland marschierte nach Belieben und durch das ÖFB-Zentrum. „Mit unserer Mithilfe ist ihnen alles aufgegangen. Wenn man zuschaut, hat man keine Chance. Wir sind zu weit auseinander gestanden. Wir wollten zehn Meter vor der Mittellinie attackieren, haben das aber phasenweise schon am Strafraum gemacht. Pressing kann man nur im Block spielen, dass haben wir nicht eingehalten. Ein System hängt von Menschen ab und die machen eben Fehler“, analysierte Constantini.
Keine Reaktion von der Trainerbank
Ob sich Constantini damit selbst, nur die Spieler oder alle zusammen gemeint hat, bleibt Interpretationssache. Den Vorwurf, dass er auf das offensichtliche Missverhältnis im Mittelfeld nicht entsprechend reagiert hat, muss sich der Teamchef aber schon alleine gefallen lassen. Zwar hat er von draußen gerufen(„Wundert mich eh, dass ich noch eine Stimme habe“), als das aber ungehört verhallte, blieb eine personelle („Ein, zwei Spieler wollten zu viel“) oder taktische Änderung allerdings aus. Der einzige Austausch erfolgte erst in der 73. Minute.
Fragen, die sich Constantini stellen muss
Auch die Personalentscheidungen in der Anfangsformation muss Constantini hinterfragen. Franz Schiemer nach fünfmonatiger Verletzungspause so kurz nach seinem Comeback in der Innenverteidigung einzusetzen, war ein vorhersehbares Risiko. Warum David Alaba, der in Wien DFB-Kapitän Philipp Lahm große Probleme bereitete und zuletzt auf der linken Mittelfeldseite immer sehr gute Leistungen gezeigt hatte, in der Zentrale zum Einsatz kam, ist eine weitere Frage. Dort war er gemeinsam mit Julian Baumgartlinger der DFB-Überlegenheit heillos ausgeliefert.
Ob Marko Arnautovic die ideale Solospitze in einem System ist, das auf frühes und konsequentes Attackieren ausgerichtet ist, lässt sich auch anzweifeln. Der einzige positive Aspekt ist, dass mit dem Exzentriker die zuletzt bemängelte Chancenauswertung in Gelsenkirchen behoben wurde. Ein Tor und ein mit viel Übersicht gespielter Assist sprechen für eine Zugehörigkeit des 22-Jährigen zum ÖFB-Team. Vorausgesetzt Arnautovic hat sich in Zukunft halbwegs im Griff.

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Arnautovic erzielte sein gut platziertes Kopfballtor nach Flanke von Florian Klein
Ebenfalls ein Rätsel ist, wie Spieler, die in der deutschen Bundesliga ihren Mann stellen, im Team dermaßen abfallen können. Bestes Beispiel dafür ist Christian Fuchs. In der Bundesliga klettert der ÖFB-Kapitän Saison für Saison die Karriereleiter nach oben und ist bei Schalke 04 Stammspieler. Gegen Thomas Müller hatte man den Eindruck, Fuchs würde sein erstes und nicht sein 43. Länderspiel bestreiten. Aber vielleicht funktionieren diese zweifelsfrei talentierten Spieler nur in einem strengen taktischen Korsett, was wieder Trainersache ist.
Ein Özil-Satz mit Symbolcharakter
So lange das nicht funktioniert, wird sich Österreichs Nationalteam in der internationalen Wahrnehmung weiter auf einem tiefen Niveau bewegen. Bezeichnend dafür war ein Satz vom überragenden Mesut Özil, der ohne den Anflug von Überheblichkeit oder Schadenfreude auf der Pressekonferenz trocken konstatierte: „Ich bin sehr zufrieden. Wir haben gezeigt, dass wir auch gegen so eine kleine Mannschaft dominieren können.“ Eine Aussage, die in Gelsenkirchen in jeder Hinsicht den Tatsachen entsprach.
Christian Wagner, ORF.at
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