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Wenn sich Wien in zwei Lager teilt

Violett oder Grün, Favoriten oder Hütteldorf, „Scheiberlspiel“ oder Kampfkraft - dazwischen gibt es nichts. Denn: „Es geht um alles.“ Diese Worte von Andreas Ogris bringen die Bedeutung des Wiener Derbys zwischen Austria und Rapid auf den Punkt.

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Wenn sich am Samstag die Erzrivalen im Ernst-Happel-Stadion zur 300. Auflage gegenüberstehen, dann wird ein Großteil der Wiener Fußballfans in zwei Lager gespalten. Seit mittlerweile 101 Jahren kreuzen die beiden Teams nun schon die Klingen und fechten ihre über die Jahre gewachsene Rivalität auf dem Rasen aus.

Weltweit gibt es nur zwei Derbys, die öfters ausgetragen wurden: das „Old Firm“ in Glasgow zwischen den Rangers und Celtic (397 Spiele) und in Istanbul das Duell zwischen Galatasaray und Fenerbahce (368). 299 Wiener Derbys bieten natürlich auch viel Platz für Helden, Buhmänner, Sternstunden, Skandale und Emotionen.

Andreas Heraf (Rapid) gegen Anton Pfeffer (Austria) im Wiener Derby Austria Wien gegen SK Rapid im Jahr 1996

APA/Hans Klaus Techt

Seit 101 Jahren wird im Derby um jeden Quadratzentimeter Rasen gekämpft

Anfänge und höchste Siege

Offiziell begonnen hat die Wiener-Derby-Geschichte am 8. September 1911. Rapid setzte sich gegen die „Amateure“, wie die Austria damals noch hieß, mit 4:1 durch und landete damit den ersten Sieg, 123 weitere sollten bis in die Gegenwart folgen. Die Austria musste sich ihrerseits bis 1917 bzw. elf Spiele lang gedulden, bis der erste Erfolg eingefahren werden konnte. Im zwölften Duell gab es mit 1:0 den ersten von insgesamt 109 Derby-Erfolgen. 66-mal endete ein Spiel unentschieden.

In den Wirren der Weltkriege mussten die Austrianer auch ihre bittersten Niederlagen hinnehmen. 1916 gingen die „Veilchen“ mit 0:9 unter. Den höchsten und bisweilen einzigen zweistelligen Sieg feierte Rapid am 23. August 1942 mit 10:1. Eigentlich bescheiden liest sich danach der eindrucksvollste Austria-Erfolg. Im Oktober 1969 schossen die Violetten ein 6:0 heraus. Drei Tore gingen auf das Konto von Josef Hickersberger, der auch für beide Teams spielte und auf der Trainerbank saß.

Seitensprünge sorgen für Aufregung

Hickersbergers Seitenwechsel wäre in den Anfängen des Derbys ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Hier der bürgerliche Verein, da die proletarische Arbeitertradition - zwei Philosophien und eine historisch bedingte Rivalität. Obwohl für den harten Fankern nach wie vor ein Akt des Verrats, ist der Farbentausch mittlerweile für viele Spieler kein Problem mehr, schließlich wechselte bereits Heinrich Krczal im Jahr 1919 erstmals die Vereinsfronten.

Austria-Kapitän Herbert Prohaska überspielt Rapids Karl Brauneder (Rapid Wien)

picturedesk.com/APA-Archiv/Michael Leckel

Prohaska drückte dem Austria-Spiel 14 Jahre lang seinen Stempel auf

Bei Ikonen wie Hans Krankl und Herbert Prohaska wäre es selbstverständlich unmöglich gewesen. Gute Beispiele der letzten Jahre sind etwa Peter Stöger und Krzysztof Ratajczyk, der sogar als Rapid-Kapitän den Sprung an den Verteilerkreis wagte. Insgesamt spielten 48 Kicker ein Derby auf beiden Seiten, die Nummer 49 wird am Samstag Roman Kienast sein. Für den Erzvioletten Andi Ogris wäre das hingegen „ein Ding der Unmöglichkeit. ein Alptraum“, der ihn schwitzen lassen würde.

Torfestivals und Antifußball

Aber zurück in die Vergangenheit. Erst in den 50er Jahren wurde das Duell auch sportlich zum großen Wiener Derby, davor wurden eher Spiele von Rapid gegen die Vienna oder den FAC als solches erachtet. In diese Zeit fiel auch das „Jahrhundert-Derby“. Am 17. September 1950 ging Rapid bei strömendem Regen vor 55.000 Fans im Praterstadion als 7:5-Sieger vom Platz. Rapid führte 3:1, nach der Pause lag die Austria angetrieben von Ernst Ocwirk 5:4 in Führung, ehe Robert Dienst und zweimal Robert Körner den Rapid-Triumph fixierten.

Zuvor hatte es schon einmal zwölf Tore gegeben. Am 2. März 1930 feierte die Austria einen 8:4-Kantersieg. Dass die Derbys nicht immer so mitreißend waren, beweist aber auch ein Bericht der Austria-Wochenschau im Dezember 1962. Nach einem der insgesamt 20 torlosen Duelle hieß es: „Ein jammervolles Spiel. Es waren Stümper am Werk. Man konnte höchstens lachen über solchen Antifußball. Es wäre schade, nur eine Szene dieses Matches zu zeigen.“

Der ehemalige Rapid-Trainer Hans Krankl umarmt seinen damaligen Co-Trainer Dietmar Constantini

picturedesk.com/APA-Archiv/Kurt Keinrath

Mit seinem Assistenten Constantini durfte Krankl auch als Coach jubeln

Krankls Highlight und Torjäger

In der Geschichte des Derbys gab es aber natürlich auch jede Menge Highlights. Eines davon gelang Krankl im April 1974 als einziger Torschütze beim 4:0-Sieg. „Der Austria-Goalie (Igor Vukman, Anm.) war arm. 4:0 gewonnen und alle vier Tore geschossen, das war super“, erinnerte sich der Stürmer an eines seiner Glanzlichter. Obwohl als Trainer mit Rapid (1989 - 1992) niemals Meister, hat der „Goleador“ auf der Bank eine bessere Derby-Bilanz als als Aktiver. In seine Zeit fiel unter anderem die beeindruckende Serie von 4:1- 5:2- und 6:3-Siegen in der Saison 1989/90.

Neben Krankl schafften auch noch vier weitere Spieler vier Tore in einem Derby. Als einzigem Austria-Spieler gelang das Kalman Konrad (1926). Für Rapid trafen Josef Bican (1931), Franz „Bimbo“ Binder (1939), Matthias Kapurek (1942) und Leopold Ströll (1947) mehrmals. Binder ist auch mit insgesamt 21 Treffern der erfolgreichste Derby-Torschütze der Geschichte, Krankl brachte es auf 19. Die ewige Bestenliste der Austria führt Andreas Ogris, der 15-mal seine Visitenkarte abgab, an.

Das legendäre „Nasenreiberl“

Der Austria-Torjäger ist auch das beste Beispiel dafür, dass die Rivalität der beiden Clubs manchmal auf den Kampf Mann gegen Mann reduziert werden kann. Sein „Nasenreiberl“ am 11. August 1996 gegen Rapid-Heißsporn Dietmar Kühbauer landete als das Derby-Foto schlechthin in den Archiven und wird gern als Mutter aller Derby-Duelle angesehen.

„Er ist mir bei einem Zweikampf mit den Stoppeln über den Oberschenkel gerattert. Ich habe ihm mitgeteilt, dass er das mit mir nicht machen kann. Sollte er es noch einmal machen, fährt er fünf Minuten später mit Blaulicht“, erklärte Ogris den Auslöser. Auch Kühbauer kostet die Erinnerung an die Szene ein Schmunzeln. „Das war dabei. Auch andere nicht so schöne Worte. Aber das ist bei mir in Wahrheit da rein und dort wieder raus. Wir sind nach wie vor gute Freunde“, so der aktuelle Admira-Coach.

Von Ipoua bis zum „Papierenen“

Ogris selbst lieferte sich noch einmal 1997 eine Handgreiflichkeit mit Rapids Samuel Ipoua, die auch noch nach den Ausschlüssen durch Schiedsrichter Fritz Stuchlik eine Fortsetzung fand. Ipoua krachte auch noch einmal mit Austrias Raschid Rachimow zusammen und sah Rot. Insgesamt fasste der Kameruner in seinem einjährige grün-weißen Gastspiel in Derbys gleich acht Spiele Sperre aus.

Tumultartige Szenen im Spiel zwischen Austria Wien und Rapid im Wiener Derby im mai 1997

APA/Herbert Pfarrhofer

Die Toleranzgrenze ist in einem Derby erfahrungsgemäß niedrig

Dass nicht nur Zornbinkeln die Derby-Sicherungen durchbrennen können, beweist der Ausschluss von Matthias Sindelar. Der als fairer Sportsmann gepriesene „Papierene“ ließ sich zu einer Ohrfeige für Rapids Johann Luef hinreißen und sah die einzige Rote Karte seiner Karriere. Auch „Bimbo“ Binder kassierte seinen einzigen Platzverweis in einem Derby. Das Match im Mai 1937 war überhaupt eine Härteschlacht. Nach Ausschlüssen und Ausfällen war Rapid nur noch zu sechst, woraufhin der Schiedsrichter das Spiel beim Stand von 5:0 für die Austria abbrach.

Derby mobilisiert die Massen

Vier Jahre ununterbrochen waren indes die zwei längsten Erfolgsserien im Derby. Rapid blieb von 1996 bis 2000 insgesamt 17-mal in Serie (16 Meisterschaftsspiele und eine Cuppartie) ungeschlagen und holte dabei elf Siege bei nur vier Gegentoren. Kurz darauf konterte die Austria aber und ging zwischen 2001 und 2005 ebenfalls 17-mal nicht als Verlierer vom Platz, wobei gleich zehnmal remis gespielt wurde.

Wenn es nun am Samstag wieder um die Vorherrschaft in Wien geht, werden die Fußballfans wie schon die letzten 100 Jahre wieder in den Bann des Derbys gezogen. 64.000 Zuschauer wie beim Rekordbesuch im September 1961 im Wiener Stadion, dem heutigen Ernst-Happel-Stadion, werden es nicht werden, aber auch eine Minuskulisse wie 1919 (2.000 Zuschauer) oder beim Supercup 1986 (3.300) ist ausgeschlossen. Das Derby mobilisiert nach wie vor die Massen, denn schließlich geht es gegen den jeweiligen Erzrivalen „um alles“.

Christian Wagner, ORF.at

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