„Mir fällt ein Stein vom Herzen“
Mit 29 Jahren hat Mario Scheiber seine Karriere beendet, um sogleich ins neue Leben einzutauchen. Im Interview mit ORF.at sprach der Osttiroler über die Hintergründe, ein Leben ohne Angst und Risiko und seine Gedanken an den am Samstag verstorbenen Skicrosser Nick Zoricic. Der Kanadier wurde im gleichen Jahr wie er geboren.
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ORF.at: Herr Scheiber, was hat Sie konkret zu Ihrem Rücktritt bewogen?
Mario Scheiber: Die Verletzungen 2005 und 2006 im rechten Knie. Die wurden zuletzt wieder akut und immer schlimmer, auch Schmerzmittel halfen nicht mehr. Im Rennen hatte ich mentale Probleme. Sobald Schläge oder sonst was kamen, zog ich zurück, war nicht mehr voll auf Spannung. So hat man im Weltcup aber kein Leiberl. Das war letztlich ausschlaggebend für meine Entscheidung, die in den letzten Wochen und Monaten immer konkreter wurde und nun fix ist.
ORF.at: Welche Rolle spielte der Sturz in Chamonix im Vorjahr?
Scheiber: Der hat viel dazu beigetragen, ich kann nicht mehr richtig ans Limit gehen. Ich wollte es noch einmal probieren, noch einmal richtig Gas geben, aber es kam immer was dazwischen. Im Sommertraining in Chile war ich krank, von Amerika musste ich zu Saisonbeginn auch heimfliegen. Gröden war gut, Bormio war dann die erste Watschen, Wengen die nächste, danach weitere Watschen. In Sotschi war es mit dem Knie dann vorbei. Eine schlechte Saison ist kein Problem, aber wenn der Körper nicht mehr will, dann bringt es einfach nichts mehr.

APA/EPA/Nicolas Bouvy
Der Sturz in Chamonix war der Anfang vom Ende
ORF.at: Welche Rolle spielte Ihre Familie?
Scheiber: Sie spielte auch eine Rolle, aber nicht die wichtigste. In erster Linie war es die Gesundheit. Die Familie hat mir nur geholfen, die Entscheidung leichter zu treffen. Trotzdem ist sie mir schwergefallen. Aber die Tochter, meine Familie, dass es ihnen gutgeht, ist für mich nun am wichtigsten, viel wichtiger als Erfolg im Sport. Es gibt zum Glück ein Leben danach.
ORF.at: Ein Leben mit weniger Risiko, ohne Streif, ohne Angst um Ihr Leben?
Scheiber: Ja, gerade nach dem Tod von Nick Zoricic, das war tragisch und zeigte, wie schnell sich alles ändern kann. Er war mein Jahrgang. Da hat es mich gerissen. Davor Sarah Burke. Das ist unsere Sportart, sie ist gefährlich, auch wenn an den Tod keiner denkt. Aber Nicks Tod hat mich geschockt. Dass so etwas passiert, ein Wahnsinn. Ich hoffe, dass Vergleichbares im Skisport in Zukunft nicht mehr geschieht.
ORF.at: Fiel Ihnen die Entscheidung dadurch noch leichter?
Scheiber: Einerseits schon sehr, weil der Druck und die Gefahren nun weg sind, da fällt einem ein Stein vom Herzen. Andererseits habe ich die Gefahr geliebt. Ich bin auch die Streif gerne gefahren, hatte dort immer gute Resultate. Es ist aber kein Nachteil, wenn ich sie nun nicht mehr runtermuss. Um sie heil zu überstehen, muss man nämlich gut fahren, und ich weiß nicht, ob mir das in Zukunft immer gelingen würde.
ORF.at: Bedauern Sie Ihr Fehlen bei der Heim-WM 2013?
Scheiber: Nein, ich habe schon zwei Weltmeisterschaften wegen Verletzungen versäumt, da kommt es auf die eine mehr auch nicht an. Das ist nicht schlimm. Gerade jetzt, wo ich meinen Rücktritt ausgesprochen habe, schon gar nicht. Der Druck ist weg. Ich fühle mich befreit. Im Rennen fuhr zuletzt immer die Angst mit. Wenn du immer Schmerzen hast, oft verletzt warst und dann auch noch schwer stürzt, ist das normal. Das bleibt mir in Zukunft erspart, dieses Gefühl ist nun verschwunden.
ORF.at: Was nehmen Sie aus dem Sport in Ihr späteres Leben mit?
Scheiber: Die ganzen Stockerlplätze und schönen Erlebnisse. Die Höhen und Tiefen, ich habe viel erlebt. Auch das Wissen, dass man es immer wieder probieren und immer wieder aufstehen muss. Ich für mich habe es oft und sehr lange probiert, aber irgendwann ist dann Schluss. Man muss sich eingestehen, wenn es Zeit ist zu gehen. Es war eine schöne Zeit, in der ich viele liebe Menschen kennengelernt habe, die auch in schweren Zeiten hinter mir standen. Dafür möchte ich mich bedanken. Aber jetzt ist es vorbei.
ORF.at: Sie werden dem Skisport fehlen.
Scheiber: Im Endeffekt muss jeder selbst die Entscheidung treffen, kein anderer weiß, wie es in deinem Körper ausschaut, keiner fühlt deine Schmerzen, spürt die Angst. Das weiß und fühle nur ich selbst. Ich habe den Entschluss gefasst, und ich ziehe das durch. Auch wenn ich nie ein Weltcup-Rennen gewann, nie Olympiasieger oder Weltmeister war. Denn wie gesagt, es gibt ein Leben danach. Wie auch immer das aussehen mag. Aber ich freue mich auf eine neue Herausforderung. Es wird ein neuer, schöner Abschnitt in meinem Leben.
Das Gespräch führte Michael Fruhmann, ORF.at
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