Politik versucht zu beruhigen
Knapp eine Woche vor Beginn der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine sorgt die Debatte über Rassismus in den Stadien für Unruhe bei den Gastgeberländern. Vor allem die dunkelhäutigen Spieler des englischen Nationalteams sorgten mit ihrer Entscheidung, ihre Familien vor einem EM-Besuch zu warnen, für Aufregung. Italiens Stürmer Mario Balotelli goss mit brisanten Aussagen zusätzlich Öl ins Feuer.
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TV-Berichte über anhaltende rassistische Attacken in Polen und der Ukraine, vor allem im Zusammenhang mit Fußball, ließen im englischen Lager die Alarmglocken schrillen. Mehrere Teamspieler rieten ihren Familien, aus Sicherheitsgründen nicht zur EM zu reisen. Der ehemalige Teamspieler Sol Campbell empfahl sogar den Fans von der Insel, dem Turnier in Polen und der Ukraine fernzubleiben.

Reuters/Giorgio Benvenuti
Balotelli nahm sich in einem Interview kein Blatt vor den Mund
Balotelli droht Fans
„Bleibt zu Hause, schaut es im Fernsehen an“, sagte Campbell in der BBC. „Riskiert nichts, sonst könntet ihr in einem Sarg zurückkehren.“ Die Familien der dunkelhäutigen Teamspieler Theo Walcott und Alex Oxlade-Chamberlain von Arsenal waren die Ersten, die ihre Reise zu den EM-Spielen der „Three Lions“ stornierten. Für zusätzliche Aufregung sorgten zuletzt die Aussagen von Balotelli, der in England bei Manchester City sein Geld verdient. Im Falle von rassistischen Schmähungen hatte der Stürmer den Übeltätern mit schweren Konsequenzen gedroht.
„Wenn man auf der Straße eine Banane nach mir wirft, werde ich ins Gefängnis gehen, weil ich diese Leute umbringen werde“, sagte der Manchester-City-Stürmer dem französischen Fachmagazin „France Football“. Während seiner Zeit bei Inter Mailand war Balotelli immer wieder Zielscheibe von rassistischen Verbalattacken. "Wenn Ähnliches bei der EM passiert, „verlasse ich das Spielfeld und gehe nach Hause“, sagte der 21-Jährige.
Starke rechtsextreme Szene
Die Angst der Spieler vor rassistischen Übergriffen ist nicht unbegründet. Obwohl Aufrufe zu ethnischem oder religiösem Hass, sowie die Leugnung des Holocausts etwa in Polen per Gesetz verboten sind, ist das Problem allgegenwärtig. Eine rechtsextreme Szene, die auch Teile der gewalttätigen Hooligans einschließt, macht immer wieder auf sich aufmerksam. Hakenkreuz-Schmierereien auf jüdischen Friedhöfen gehören ebenso dazu wie die Sprechchöre „Juden ins Gas“, die den Fans gegnerischer Clubs mitunter entgegenschallen.
Die antifaschistische Organisation Nigdy wiecej (Nie wieder), die eine Liste rechtsextremer Vorfälle in den Stadien führt, verzeichnete zwischen September 2009 und März 2011 insgesamt 133 rechtsextreme Vorfälle in den polnischen Stadien. Das sei, so betonen die Mitarbeiter von Nigdy Wiecej in ihrer Statistik, nur die Spitze des Eisbergs. Auch bei Mitveranstalter Ukraine wurden in den vergangenen zwei Jahren knapp 80 Vorfälle in den Stadien erfasst.

Reuters/Peter Andrews
Manche Fangruppen in Polen schrecken vor deftigen Symbolen nicht zurück
Proteste gegen fremde Spieler
Wie fließend die Übergänge zwischen rechtsextremen Parteien und Fans sind, wurde im September 2010 in Kiew deutlich. Rund 5.000 Fans forderten gemeinsam mit Neonazis ein Verbot ausländischer Fußballer in der ukrainischen Liga. Doch es ist nicht nur die rechtsextreme Szene, die Hass auf Minderheiten schürt. Einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zufolge sind Antisemitismus und Intoleranz in Polen und anderen mitteleuropäischen Staaten erschreckend weit verbreitet, bis in die Mitte der Gesellschaft hinein.
Nach der im vergangenen Jahr veröffentlichten Studie war fast jeder zweite Befragte der Meinung, dass Juden in Polen zu viel Einfluss haben. Mehr als 70 Prozent der befragten Polen waren der Meinung, die eigene Kultur müsse vor dem Einfluss fremder Kulturen geschützt werden. Und fast 42 Prozent glaubten an eine „natürliche Hierarchie“ zwischen Menschen verschiedener Ethnien.
„Keine polnische Erscheinung“
Vonseiten der Politik versucht man im Vorfeld des EM-Turniers zu beruhigen. „Rassismus ist keine polnische Erscheinung. Niemand, der zur EM kommt, wird in irgendeiner Weise bedroht“, sagte der polnische Regierungschef Donald Tusk. Der Außenminister der Ukraine bezeichnete die Vorwürfe als „Kampagne“. Die Ex-Sowjetrepublik kündigte harte Strafen für rassistische Parolen und Handlungen an. Beleidigungen etwa gegen dunkelhäutige Spieler würden nicht geduldet, teilte das Außenministerium in Kiew mit.
„Die Ukraine ist ein sehr friedliches Land mit sehr freundlichen Menschen“, betonte Nationalstürmer Andrej Schewtschenko. Ängste vor fremdenfeindlichen Übergriffen seien überflüssig, sagte auch Tusk. „Wir hatten noch nie einen rassistischen Zwischenfall, der durch englische Besucher gemeldet wurde.“ Jedes Wochenende seien Tausende Touristen im südpolnischen Krakau unterwegs, in dem auch die englische Nationalmannschaft ihr Quartier hat.
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