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Italien feiert seinen „Helden“

Cesare Prandelli hat als Nationaltrainer den italienischen Fußball in seinen Grundfesten erschüttert, den Catenaccio überwunden und seinem Team bei der EM 2012 einen für unmöglich gehaltenen Angriffsfußball verordnet. Besser einmal 0:3 verlieren als zehnmal 1:1 spielen, lautet das für Italiener bisher wohl undenkbare Credo des 54-Jährigen.

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Der Erfolg gab Prandelli Recht. Seit dem Einzug ins EM-Halbfinale gegen Deutschland wird er in Italien als Held gefeiert. „Italien wie von einem anderen Planeten“, jubelte der „Corriere dello Sport“. Die „Gazzetta dello Sport“ verneigte sich mit den Worten: „Das ist eine Kulturrevolution. Und die ist allein Prandellis Verdienst.“

Prandelli hat in Italien tatsächlich einen Mentalitätswechsel geschafft. Spieler, Fans und Medien sind nach 120 Minuten kompromisslosem Angriffsfußball gegen England begeistert. „Prandelli hatte den Mut, unitalienisch zu spielen“, sagte der ehemalige italienische Nationalspieler Gianfranco Zola.

„Habt keine Angst, greift an“

Dabei wollte Prandelli eigentlich einmal Architekt werden. Statt Häuser konstruierte er eine neue „Squadra Azzurra“. Als der damalige Florenz-Coach das Nationalteam nach dem WM-Debakel 2010 von Marcelo Lippi übernahm, hielten das viele für ein Himmelfahrtskommando. Prandelli sah nur die Chance zum Systemwechsel. „Geht lachend auf den Platz, habt Spaß, keine Angst, greift an, seid mutig“, predigte er seinen Spielern.

Doch ein nachhaltiger Wandel braucht Zeit. „Geraten wir in Schwierigkeiten, fallen wir wieder in unsere alte Spielweise zurück“, räumte Kapitän Gianluigi Buffon ein und mahnte Geduld ein. Die hat Prandelli genauso wie Courage. „Ja, ich bin mutig“, sagte Prandelli im EM-Quartier der Italiener nach dem Einzug ins Viertelfinale, wobei ihm das Eigenlob sichtlich peinlich war.

Nervenstark und ausgekocht

Allen Warnungen zum Trotz hat Prandelli auf die genauso talentierten wie schwierigen Stürmer Antonio Cassano und Mario Balotelli gebaut. Auch als der Wettskandal, Buffons dubiose Überweisungen an einen Wettbürobesitzer und die Schwulen-Affäre die Azzurri zu zerreißen drohten, behielt Prandelli die Nerven. Auf dem Höhepunkt der Hysterie sorgte er mit einem Satz erst für einen Aufschrei, dann für Ruhe: „Wenn es hilft, müssen wir nicht zur EM fahren.“

Italiens Coach Cesare Prandelli mit Antonio Cassano

AP/Jon Super

Prandelli schenkte auch Cassano Vertrauen

Prandelli ist ein ausgekochter Fuchs. Italiens Verbandspräsident Giancarlo Abete hat ihn bis zur WM 2014 im Amt bestätigt. Die Spieler schätzen seine akribische Vorbereitung auf den Gegner mit Videos und Taktiktraining. „Wer weiß, was er zu tun hat, muss auch keine Angst vor großen Gegnern haben“, sagte Prandelli vor dem mit Spannung erwarteten Semifinale gegen Deutschland am Donnerstag.

Fußball nicht Alles im Leben

„Ich nehme die Spieler gern in die Verantwortung, spreche viel mit ihnen und lerne auch von ihnen“, erläuterte Prandelli, der zweimal zum Trainer des Jahres in Italien gewählt wurde. Seine größte Stärke aber ist Gelassenheit und seine Überzeugung, dass Fußball nicht alles im Leben ist. Als seine Frau Manuela schwer erkrankte, gab er seinen Job beim AS Rom auf. Der Deutsche Rudi Völler sprang 2005 kurzfristig für ihn ein. Prandellis Jugendliebe starb. „Eine Katastrophe“, sagte Prandelli einmal in einem Interview der „Repubblica“.

Seine neue Lebensgefährtin begleitet ihn auch bei der EM. Oft sehen sie einander nicht, weil sich Prandelli für alle Zeit nimmt - für die Reporter, seinen Sohn Niccolo, der als Konditionstrainer Mitglied der „Squadra Azzurra“ ist, und für seinen Glauben. Nach dem Erreichen des Viertel- und Halbfinales pilgerte Prandelli stundenlang jeweils mitten in der Nacht zu Klöstern.

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