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Italien pocht auf das Gesetz der Serie

Die „Squadra Azzurra“ geht mit einer bemerkenswerten Erfolgsserie ins EM-Halbfinale gegen Deutschland: Die Italiener haben bei Großturnieren noch nie gegen die DFB-Auswahl verloren. Geht es nach Italiens Regisseur Andrea Pirlo, soll das auch so bleiben. Er wittert angesichts der historischen Serie Nervenflattern bei den Deutschen: „Sie haben Angst vor uns.“

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Das Unheil der Deutschen hatte am letzten Maitag 1962 seinen Lauf genommen. Bei der Weltmeisterschaft 1962 trennte sich eine biedere DFB-Elf in Santiago de Chile torlos von Italien. Die „Squadra Azzurra“ schied in der Vorrunde aus, die Deutschen flogen kurz darauf im Viertelfinale gegen Jugoslawien aus dem Turnier. In den folgenden fünf Jahrzehnten kam es zu sechs weiteren direkten Duellen bei Welt- oder Europameisterschaften. Italien verlor keine einzige von ihnen.

Bisherige Duelle bei EM- und WM-Endrunden:
1962 WM Deutschland - Italien 0:0 Gruppenspiel
1970 WM Italien - Deutschland 4:3 n.V. Halbfinale
1978 WM Deutschland - Italien 0:0 2. Finalrunde
1982 WM Italien - Deutschland 3:1 Finale
1988 EM Deutschland - Italien 1:1 Gruppenspiel
1996 EM Italien - Deutschland 0:0 Gruppenspiel
2006 WM Deutschland - Italien 0:2 Halbfinale
2012 EM Deutschland - Italien 1:2 Halbfinale
Gesamtbilanz (31 Spiele):
7 Siege Deutschland - 9 Unentschieden - 15 Siege Italien, 35:47 Tore

Geht es nach Andrea Pirlo, bleibt es auch am Donnerstagabend im EM-Halbfinale dabei: „Die Deutschen haben Angst vor uns“, legt der 33-jährige Regisseur den Finger auf die Wunde der Deutschen und verspricht: „Es wird ein würdiges Halbfinale.“

Fabio Grosso und Andrea Pirlo (Italien) bei der WM 2006

dapd/Jasper Juinen

Pirlo (l.) als erfahrener Deutschland-Besieger: Hier mit Grosso bei der WM 2006

Pirlo muss es wissen. Er ist am Trauma der Deutschen maßgeblich beteiligt. Der 33-jährige Lombarde stand bereits im WM-Halbfinale 2006 in Dortmund gegen die Deutschen auf dem Platz - und beendete damals die von den Deutschen zum „Sommermärchen“ hochstilisierte Heimweltmeisterschaft. Die Tore erzielten Fabio Grosso und Alessandro Del Piero in der Verlängerung. Im Finale bezwangen die „Azzurri“ Frankreich und holten ihren vierten WM-Titel.

Drei Weltmeister im italienischen Team

Aus dem damaligen Team sind neben Pirlo noch zwei weitere Weltmeister in der Mannschaft: Tormann Gianluigi Buffon und Daniele de Rossi. Ergänzt wird das Trio am Donnerstagabend wohl von einem „halben“ Deutschen: Riccardo Montolivo. Der künftige Milan-Mittelfeldspieler hat eine deutsche Mutter und einen italienischen Vater. Bis in seine Teenagerjahre verbrachte er jede Ferienwoche in Deutschland. Er vereint die deutschen Qualitäten mit seinen Vorzügen als Spielmacher: Coolness, Disziplin und Kampfgeist. „Ich glaube zwar nicht, dass die Deutschen uns gegenüber einen Minderwertigkeitskomplex haben. Aber sie respektieren uns mehr als andere. So wird es auch am Donnerstag sein“, prophezeit er der DFB-Elf einen schweren Abend.

EM-Semifinale

Donnerstag 20.45 Uhr:

Live in ORF eins und im Livestream

Deutschland - Italien

Warschau, Nationalstadion, SR Lannoy (FRA)

Aufstellungen:

Deutschland: Neuer - Boateng, Hummels, Badstuber, Lahm - Schweinsteiger, Khedira - Kroos, Özil, Podolski - Gomez

Italien: Buffon - Balzaretti, Barzagli, Bonucci, Chiellini - Marchisio, Pirlo, Montolivo, De Rossi - Balotelli, Cassano

Die Italiener wollen sich freilich nicht auf die historische Serie verlassen und gehen mit einem gewieften Coach in das Halbfinale: Cesare Prandelli gilt als Vater des Erfolges. Dabei standen die Vorzeichen für den 54-jährigen alles andere als gut: Mitten während der EM-Vorbereitung wurde das Lager der Italiener von Ermittlern gestürmt. In der Heimat loderte erneut ein Wettskandal. Linksverteidiger Domenico Criscito musste deshalb die Heimreise antreten. Goalie Buffon erklärte seine vermeintliche Millionenüberweisung an ein Wettbüro mit einem Investment in Luxusuhren.

Cassano und Balotelli dürfen poltern

Obendrein stehen mit Antonio Cassano und Mario Balotelli zwei verbriefte Skandalnudeln im Kader der Mannschaft. Einer von ihnen sorgte mit homophoben Äußerungen bei einer Teampressekonferenz für Kopfschütteln (Cassano). Dem anderen musste beim Torjubel von einem Teamkollegen der Mund zugehalten werden, damit die Schimpfworte über die Auswechslung im Spiel davor nicht bis zum Trainer durchdrangen (Balotelli).

Antonio Cassano und Mario Balotelli (Italien) im Training

APA/EPA/Maurizio Brambatti

Cassano und Balotelli - zwei Sorgenkinder auf dem Weg ins Finale

Prandelli, eher väterlicher Übungsleiter als knallharter Schleifer, lässt das alles ungerührt. Er tüftelt lieber an taktischen Konzepten, um vermeintlich stärkere Gegner auf dem falschen Fuß zu erwischen. Gegen Spanien etwa stellte er seine in einer 4-3-1-2-Formation erwartete Elf auf ein 3-5-2 um und brachte Spanien an den Rand einer Niederlage.

„Es könnte auf jede Kleinigkeit ankommen“

Vor dem Halbfinale gegen die Deutschen lässt sich der Taktiker nicht in die Karten blicken. Stattdessen versucht er sein Team in die Außenseiterrolle zu reden. So beklagte er etwa, dass Italien nach dem Elfmeterschießen gegen England zwei Tage weniger als Deutschland zur Regeneration zur Verfügung stünden: „Nach so einer kurzen Pause ein Semifinale zu spielen, ist für ein Spektakel nicht förderlich.“ Die Deutschen erwartet der „Commissario tecnico“ daher auch physisch stark: „Es wird ein enges Spiel, in dem es auf jede Kleinigkeit ankommen könnte.“

„Jede Mannschaft hat Schwächen, aber die Deutschen haben nur ganz wenige“, sagt dazu Montolivo. Er selbst hat seine eigene kleine Schwäche - ein Zugeständnis an die Herkunft seiner Mutter: Der italienische Nationalspieler trägt die deutsche Flagge auf seinen Schienbeinschonern.

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