Viel Schweizer Präzision, wenig Käse
Ein Jahr Marcel Koller: Seit seinem Debüt als ÖFB-Teamchef am 15. November 2011 hat der Schweizer einiges bewegt - obwohl wie beim damaligen 1:2 in der Ukraine auch der vorläufige Abschluss mit 0:3 gegen die Elfenbeinküste verloren ging. Die erste Bilanz über Kollers Arbeit bleibt positiv, weil er akribisch genau und konsequent einen Weg beschreitet, der die Nationalmannschaft weiterbringen kann.
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„Das Pflänzchen ist am Wachsen“, hatte Koller vor dem jüngsten Auftritt seiner Schützlinge in Linz gemeint. Niedergetrampelt wurde es auch von den als „Elefanten“ bekannten Ivorern nicht. Rückschläge gehören zur Entwicklung einer Mannschaft dazu und verhindern sie nicht, solange eine strategische Richtung erkennbar ist. Bei Koller ist das im Gegensatz zu einigen seiner Vorgänger der Fall - wie aus der Analyse von ORF.at hervorgeht. Spätestens in der WM-Quali gegen die Färöer und in Irland (22. bzw. 26. März) müssen auch die Ergebnisse passen.
System steht - und fällt auch noch
Der seit vergangenem Sonntag 52-jährige Koller hat dem Team ein mutiges 4-2-3-1 verpasst, von dem er in bisher neun Partien (vier Siege, zwei Remis, drei Niederlagen) nicht abrückte. Am besten funktionierte das couragierte und gut organisierte Angriffspressing in der ersten Spielhälfte gegen Deutschland, als Mesut Özil und Co. im kochenden Ernst-Happel-Stadion wenig bis gar nichts eingefallen war, um sich gegen den aggressiven ÖFB-„Bienenschwarm“ durchzusetzen.

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Marcel Koller geht seinen Weg - führt er Österreich zur WM 2014?
Die Schattenseite dieser von Koller konsequent durchgezogenen Taktik sah man bei der Nullnummer in Kasachstan. Dort wussten wiederum die Österreicher nicht, wie sie einen Gegner, der sich von der ersten Minute an weit zurückzog und ausschließlich destruktiv agierte, wirksam hätten bekämpfen können. Insgesamt hat Kollers System jedenfalls nicht nur für ÖFB-Boss Leo Windtner „eine Handschrift“. Auch Kapitän Christian Fuchs betont: „Man erkennt einen Stil, den wir uns angeeignet haben.“
Zufall hat ausgespielt
Offiziell war Koller erst ab dem 1. November des vergangenen Jahres als Teamchef tätig. Gearbeitet hatte der ehrgeizige Eidgenosse, den Windtner in Linz mit einer „Schweizer Präzisionsuhr“ verglich, aber schon ab seiner ersten Vorstellung am 4. Oktober. Seither beobachtet Koller nationale und internationale Spiele mit österreichischen Teamkandidaten in einem Rhythmus, den einige ÖFB-Cheftrainer der vergangenen Jahrzehnte nicht einmal im Traum absolviert hätten.
Mit Fleiß sowie akribischer Vorbereitung auf Lehrgänge und Länderspiele erarbeitete sich Koller den Respekt jener Experten, die ihm bei seiner Bestellung skeptisch gegenübergestanden waren. „Das hat er bravourös gemeistert“, so Windtner. Kollers Ansehen sei wie das der Mannschaft deutlich gestiegen. „Da wird nichts dem Zufall überlassen“, beschrieb er Kollers Herangehensweise an organisatorische und sportliche Herausforderungen. Das Trainerteam mit den Assistenten Fritz Schmid, Thomas Janeschitz und Tormanncoach Otto Konrad harmoniert auch.
Zusammenhalt bei Rückschlägen
Als Sebastian Prödl unmittelbar nach Heinz Lindners Patzer beim Tor von Didier Drogba zum 0:2 gegen die Ivorer zum ÖFB-Goalie lief, um den Unglücksraben aufzumuntern, sah man den oft erwähnten Teamgeist in der Nationalmannschaft ganz deutlich. Auch Koller betont immer wieder, dass man die Freude der Spieler, beim Team zu sein, sowohl auf dem Platz als auch im Mannschaftshotel deutlich spüren kann. Neben der neuen spielerischen Identität haben Marko Arnautovic, Marc Janko und Co. also auch mehr zueinander gefunden.
Meinungsverschiedenheiten in sportlichen Fragen werden direkt von Angesicht zu Angesicht ausgetragen. Auch nach der Enttäuschung in Astana gab es keine Misstöne. Mit Paul Scharner hat ein langjähriger Legionär schmerzhaft erfahren, was Koller von Alleingängen hält. Der Innenverteidiger wurde vom sonst diplomatischen Schweizer eiskalt abserviert, weil Scharner einen Fixplatz gefordert haben soll - was er danach vehement bestritt. Für Koller zählt das Kollektiv, weshalb er vorerst darauf verzichtete, die Mannschaft zugunsten potenzieller Newcomer zu verändern.
Klare Linie und strikte Prinzipien
Das führt den Beobachter zur nächsten sichtbaren Veränderung in der noch jungen Ära Koller: Die Zusammenstellung des Teamkaders erfolgt - überspitzt formuliert - unabhängig von der jeweiligen Tagesform. Wenn Philipp Hosiner in Österreichs Bundesliga öfter trifft als in den Wochen davor, ist das für Koller noch kein Grund, deshalb sofort Premier-League-Youngster Andreas Weimann aus dem Aufgebot wegzulassen. Auch Marc Janko genießt in einer eher schwierigen Phase seiner Karriere die volle Rückendeckung des Teamchefs, wofür sich der Trabzonspor-Stürmer zuletzt mit einem Doppelpack gegen Kasachstan bedankte.

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Kollers Pläne kommen bei David Alaba und Kollegen direkt an
Wenn es um die Außendarstellung des Nationalteams und seiner Person geht, kennt Koller ebenfalls keinen Spaß. Pressekonferenzen, Interviews oder allgemeine Medientermine werden nicht nebenbei, sondern voll konzentriert und gut vorbereitet absolviert. Via Facebook und eigener Homepage hält Koller die Öffentlichkeit genauso wie die Journalisten (die er allesamt gleich behandelt) über seine Arbeit auf dem Laufenden. „Wenn mich etwas gestört hat, als ich hierhergekommen bin, dann war es das Raunzen“, berichtete er über seine ersten Eindrücke. „Dieses Raunzen ist jetzt weg.“
Auswärts- und Abschlussschwäche blieben
Nicht weg sind leider zwei Probleme, die Österreich schon unter Kollers Vorgängern begleitet hatten. Vor dem Tor ist das ÖFB-Team zu harmlos, und auswärts fehlt generell noch immer die Konstanz. „Der Weg ist noch lange nicht abgeschlossen“, räumt der Teamchef folgerichtig ein. In den nächsten Qualifikationspartien müssen die Fehlerquote in der Abwehr und die Fehlschüsse im gegnerischen Strafraum reduziert werden, sonst bleibt die WM-Endrunde 2014 in Brasilien ein Traum.
Auf der Torhüterposition kündigen sich zunehmend Probleme an, weil Robert Almer in Düsseldorf auf der Ersatzbank sitzt und Austria-Goalie Lindner die Schwächen gegen die Elfenbeinküste noch länger verfolgen werden. Da die Qualität des Kaders unter Koller insgesamt gestiegen ist, darf man sich in Dublin und auch in Schweden aber doch einiges erwarten. Internationaler Erfahrungsschatz und Konstanz von Bayern-Jungstar David Alaba, Zlatko Junuzovic (Bremen) und Co. steigen mit jedem Einsatz. Das muss man nun auch im Team sehen.
Harald Hofstetter, ORF.at
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