Themenüberblick

„Drei Punkte wären schon gut“

Mehr als eine Woche Vorberichterstattung für ein Spiel ist nicht einfach. Die Begeisterung, mit der sich schwedische Journalisten vor dem WM-Qualihit in Wien auf die Geschichte der ihnen davor unbekannten Schwedenbomben stürzten, ist der beste Beweis dafür. Eine in Österreich beliebte Süßigkeit, die noch dazu im Strudel einer Firmenpleite gerettet werden musste, eignet sich optimal zur Auflockerung mehr oder weniger spannungsgeladener Fußballstorys.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Die Mitteilung von Kapitän Christian Fuchs, dass der ÖFB 20.000 Euro für die Opfer der Überschwemmungen spendet, führte wiederum heimischen Pressevertretern vor Augen, dass man sich bei aller sportlicher Bedeutung der Partie angesichts der dramatischen Ereignisse dieser Tage in Zurückhaltung üben sollte. Unbestritten blieb bei der traditionellen Pressekonferenz am Vortag des Spiels dennoch, dass ein Duell mit Kultfaktor auch diesmal vorentscheidenden Charakter tragen wird. Im Rennen um Platz zwei hinter Deutschland braucht Österreich in der Gruppe C dringend einen Heimsieg gegen Schweden.

Teamchef Marcel Koller

GEPA/Christian Ort

Energisch schreitet Koller voran

Mut zum Risiko

„Drei Punkte wären schon gut“, brachte es Fuchs auf den Punkt. Zumindest die Statistik sollte dem Schalke-Legionär und seinen Kollegen eine breite Brust geben. Von bisher elf Spielen gegen Schweden in Wien ging nicht eines verloren. Acht Siege bei drei Remis lautet die Bilanz, von der sich Teamchef Marcel Koller aber nichts kaufen kann. Dass der Schweizer auch diesmal nicht von seiner Grundphilosophie des frühen, aggressiven Pressings abgehen wird, steht fest. „Volle Konzentration“ fordert Koller daher von Beginn an. Mut zum Risiko setzt er voraus.

„Natürlich besteht immer der Wunsch nach einem frühen Tor“, formulierte Fuchs den optimalen Spielverlauf. „Zu Hause wollen wir dem Spiel unseren Stempel aufdrücken und explosiv beginnen.“ Er selbst wolle neben seinen Defensivaufgaben wie gewohnt auch vorne für Akzente sorgen, versicherte der linke Außenverteidiger. „Über die Seiten zum Erfolg kommen“, gab Kapitän Fuchs als Devise für den Qualihit am Freitagabend (20.30 Uhr, live in ORF eins und im Livestream) im mit Sicherheit brodelnden Ernst-Happel-Stadion aus.

Die richtige Dosis Euphorie

Vor Heimspielen der österreichischen Nationalmannschaft entgleist die öffentliche Erwartungshaltung regelmäßig und total. „Auch diesmal ist die Euphorie groß“, weiß Fuchs und führt das auf den respektablen Auftritt beim 2:2 in Irland mit dem Last-Minute-Ausgleichstor durch David Alaba zurück. „Der zwölfte Mann im Rücken wird uns gut tun“, betont er die Bedeutung der 48.500 Fans im ausverkauften Ernst-Happel-Stadion. „Das ist keine Siegesgarantie, aber eine große Unterstützung“, so Fuchs, der auf einen stimmungsvollen Abend brennt.

Dass man gegen Schweden, das seit Österreichs letzter Qualifikation (WM 1998 in Frankreich) bei sechs EM- oder WM-Endrunden vertreten war, Favorit sein soll, wies der Niederösterreicher aber vehement zurück. „Jeder ist hundertprozentig motiviert, und mit der Hilfe unserer Fans ist sicher alles möglich“, so Fuchs. „Aber Favorit sind wir nicht. Schweden hat einen starken Kader mit starken Einzelspielern.“ Zustimmendes Nicken erntete der Kapitän dafür von Koller. Auch der Cheftrainer will die bestehende Euphorie in der richtigen Dosis nutzen. „Leidenschaft, Lust und Laune“, wolle man ausleben und entfachen.

WM-Qualifikation, Gruppe C

Freitag, Beginn 20.45 Uhr:

Live in ORF eins und im Livestream

Österreich - Schweden

Wien, Ernst-Happel-Stadion, SR Rocchi (ITA)

Aufstellungen:

Österreich: Almer - Garics, Dragovic, Pogatetz, Fuchs - Alaba, Baumgartlinger - Harnik, Junuzovic, Arnautovic - Janko

Schweden: Isaksson - Lustig, Olsson, Granqvist, Wendt - Larsson, Källström, Elm, Kacaniklic - Ibrahimovic, Elmander

Taktisch muss es „knacken“

Spätestens nach dem irren Finish der Schweden von 0:4 auf 4:4 in Deutschland weiß man um die Qualität einer entfesselten Offensive um Zlatan Ibrahimovic. „Neben ihm gibt es aber noch weitere gefährliche Spieler wie Elmander, Elm oder Kacaniklic“, betonte Koller die Ausgeglichenheit einer „kompakten und eingespielten schwedischen Mannschaft“. Auch taktisch sieht der ÖFB-Teamchef die Auswahl von Trainer Erik Hamren jedenfalls „auf sehr hohem Level“.

Diese Stärken will Koller mit seiner Elf „knacken“, um gegen die in Gruppe C punktegleichen Schweden - die allerdings ein Spiel weniger ausgetragen haben - die Oberhand zu gewinnen. Überraschungsmomente wird es nicht viele geben, zumal die Kontrahenten einander mehrmals beobachtet und ausführlich analysiert haben. Dennoch wolle man den Gegner sowohl mit als auch ohne Ball unter Druck setzen und so zu Fehlern zwingen, kündigte Koller an. Fuchs wiederum haben die schwedischen Spione als mögliche ÖFB-Schwachstelle in der Defensive ausgemacht, was ihm „zusätzlichen Ansporn“ verschafft.

Reserven für Finish dringend benötigt

Am Ende einer langen Saison wird es auf beiden Seiten ans „Eingemachte“ gehen. „Im Training hat man gesehen, dass alle topfit sind und voll im Saft stehen“, stellte Fuchs klar. Für ein möglicherweise heißes Finish gegen die körperlich starken Schweden in den letzten 20 Minuten sehe er daher „kein Problem“. Für den Fall des Falles werde man noch einmal zulegen können, versprach Fuchs.

Dass der eine oder andere „gelb vorbelastete“ Akteur dabei gehemmt agieren könnte, schließt man im ÖFB-Lager kategorisch aus. Im Falle einer weiteren Gelben Karte wären David Alaba, Marc Janko, Martin Harnik, Fuchs, Julian Baumgartlinger, Sebastian Prödl oder auch Philipp Hosiner für das Auswärtsspiel am 6. September in München gegen Deutschland gesperrt. „Damit muss man umgehen können“, meint Koller. „Solche Gedanken haben im Hinterkopf nichts verloren.“

Teamchef Marcel Koller und Christian Fuchs (AUT)

GEPA/Christian Ort

Zwischen Marcel Koller und Kapitän Christian Fuchs stimmt die Chemie

Rückhalt im Tor

Robert Almer und Heinz Lindner erfuhren es am Donnerstagabend nach dem Abschlusstraining. Der Rest von Österreich wird erst eine Stunde vor Spielbeginn wissen, wen Koller gegen Ibrahimovic und Co. ins Tor stellt. „Wir haben mit Robert gute Erfahrungen gemacht. Er hat uns nie enttäuscht“, sagt Koller über Almer, der in der abgelaufenen Bundesliga-Saison bei Düsseldorf nicht über die Reservistenrolle hinauskam. „Als er verletzt war, hat Heinz gegen die Färöer und Irland gut gespielt“, ließ sich der Teamchef auch die Variante mit Austria-Meistergoalie Lindner offen.

Wer auch immer das Rennen macht, er wird wohl einen arbeitsreichen Abend verleben. Die Schusstechnik von Ibrahimovic bedarf nach seinem Jahrhundert-Fallrückzieher im Freundschaftsspiel gegen England keiner Beschreibung mehr. Und falls es dann doch - was Kollers „Eleven“ und vor allem der auserwählte Keeper unter allen Umständen verhindern wollen - im ÖFB-Tor einschlagen sollte, hätten die schwedischen Journalisten dank der schokoladeüberzogenen Kalorienbombe auch gleich das passende Wortspiel parat.

Harald Hofstetter, ORF.at

Links: