Superstar gegen Aufsteiger
Die 48. Ausgabe der Super Bowl in East Rutherford ist nicht nur das Duell der Denver Broncos und der Seattle Seahawks, sondern auch das Duell der Quarterback-Generationen. Der 37-jährige Peyton Manning auf der einen, der um zwölf Jahre und 250 Tage jüngere Russell Wilson auf der anderen Seite. Während Manning seine große Karriere krönen könnte, geht es für Wilson um seinen ersten Titel.
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Manning fehlt heuer nur noch der Super-Bowl-Sieg zum perfekten Abschluss einer in der Geschichte der National Football League (NFL) wohl einzigartigen Saison. Der 37-Jährige stellte heuer mit 55 Touchdownpässen und 5.477 Yards Raumgewinn neue NFL-Rekorde für Quarterbacks auf. Kein Wunder, dass Manning dafür auch zum fünften Mal zum „Wertvollsten Spieler der Saison“ (MVP) gekürt wurde - ebenfalls einsamer NFL-Rekord. 49 von 50 Stimmen entfielen auf ihn, nur ein stimmberechtigter Reporter entschied sich für Tom Brady von den New England Patriots.
Karriere am seidenen Faden
Manning nahm die Auszeichnung jedoch nicht persönlich entgegen - das übernahmen Vater Archie und Sohn Marshall -, sondern konzentriert sich voll auf das Finale. „Ich bin in meiner 16. Saison. Ich weiß, wie hart es ist, überhaupt ins Endspiel zu kommen. Jetzt zum zweiten Mal die Super Bowl zu gewinnen, wäre etwas ganz Besonderes“, sagte der 37-Jährige. Dass Manning überhaupt die Chance hat, nach 2007 erneut Meister zu werden, war vor rund zwei Jahren von vielen bezweifelt worden. Damals spielte er bei den Indianapolis Colts - jenem Verein, der durch ihn überhaupt erst zu einer festen Adresse auf der Ligalandkarte wurde.

Reuters/Ray Stubblebine
Manning ist voll und ganz auf seinen zweiten Titel fokussiert
Vor allem seinetwegen gewannen die Colts 2007 den Titel und standen 2010 erneut im Finale. Mehrere Nackenoperationen, deretwegen er die gesamte Saison 2011/12 pausieren musste, warfen Manning jedoch fast aus der Bahn. Als die Colts ihm Anfang März 2012 einen Bonus von 28 Millionen Dollar für die kommende Saison hätte zahlen müssen, zog Teambesitzer Jim Irsay einen Schlussstrich. Das Risiko war ihm zu groß, zumal der Verein mit Andrew Luck bereits den Quarterback der Zukunft im Blick hatte. Manning wurde entlassen - und in Denver mit offenen Armen aufgenommen. Er unterschrieb einen Fünfjahresvertrag über 96 Millionen Dollar.
Manning spricht vom „zweiten Kapitel meiner Karriere“ und „einem spannenden Abschnitt“. Die Vorsaison endete zwar gegen die Baltimore Ravens abrupt im Playoff-Viertelfinale, in dieser Spielzeit wurden Denver und Manning ihrer Favoritenstellung aber bisher gerecht. „Er hatte eine unglaubliche Saison. Aber er ist dieser Wettkampftyp, der nach den Operationen vor zwei Jahren unbedingt zurückkommen wollte“, sagt Quarterback-Legende und Broncos-Vizepräsident John Elway, der den Verein 1999 als Quarterback zur bisher letzten Meisterschaft geführt hatte und danach zurückgetreten war.
Nun soll Manning es wieder richten. Aufgrund seiner Rekordsaison wurde in den Tagen vor der Super Bowl auch darüber diskutiert, wo Peyton Williams Manning in der Rangliste der Quarterbacks einzuordnen sei. Einige sehen in ihm eine Legende, andere verweisen darauf, dass er das Gros seiner Karriere in Indianapolis und somit in einer Halle gespielt habe - bei optimalen Bedingungen. Seine Playoff-Bilanz ist mit 11:11 lediglich ausgeglichen. Er gilt als wetteranfällig, sobald die Temperaturen in den Keller sinken. Bei Temperaturen unter fünf Grad Celsius konnte Manning in vier Versuchen noch kein Play-off-Spiel gewinnen.
Der unterschätzte Aufsteiger
Auf der anderen Seite steht Russell Wilson. Der 25-jährige Spielmacher der Seahawks hat bereits eindrucksvoll bewiesen, dass man auch als eher kleiner Quarterback - Wilson ist nur 1,80 Meter groß - auftrumpfen kann. Wilson spielt erst seine zweite Saison, ist aber längst zu einem Star aufgestiegen. Bereits in seinem zweiten Jahr führte er die Seahawks zum zweiten Mal in deren Geschichte ins Endspiel. Im Vorfeld der Super Bowl agierte Wilson so cool wie ein Routinier. Sein Motto: „Hab ein Lächeln im Gesicht, genieße den Moment und schlage zu, wenn ein entscheidender Spielzug ansteht.“

Reuters/USA Today Sports
Wilson spielte sich bereits in seiner zweiten Saison ins große Finale
Der Mann aus Cincinnati im Bundesstaat Ohio wurde von Anfang an unterschätzt, obwohl er als Quarterback der Wisconsin Badgers bereits im College einige Duftmarken setzte. Im Draft 2012 wurde Wilson nur an 75. Stelle und erst als sechster Quarterback gezogen. Alles sprach damals nur über seine Kollegen Andrew Luck und Robert Griffin III., die an Position eins und zwei gezogen wurden. Seattle-Trainer Pete Carroll musste sogar dazu überredet werden, Wilson zu nehmen. Im Trainingscamps stach der 25-Jährige dann locker den teuer verpflichteten Matt Flynn aus und führte die Seahawks gleich zu einer „Winning Season“ und ins Play-off.
Vorbild Drew Brees
Wilson bestach und besticht vor allem mit seiner Wendigkeit, mit der er den Verteidigern der Gegner regelmäßig entkommt. Dazu vermeidet der 25-Jährige konstant grobe Schnitzer. In seiner ersten NFL-Saison warf Wilson bei 26 Touchdowns nur zehnmal zum Gegner. Eine stolze Bilanz für einen Rookie. Heuer unterliefen dem Quarterback bei abermals 26 Touchdownpässen nur neun Interceptions. Sein Trainer ist davon überzeugt, dass Wilson auch in der Super Bowl nicht die Nerven wegwerfen wird. „Er ist genau dort, wo er sich sein Leben lang gesehen hat“, sagte Carroll, „er ist bereit, eine große Partie abzuliefern.“
Zusätzliche Motivation für Wilson ist der Umstand, dass Manning schon einmal gegen einen vermeintlich „kleinen“ Quarterback in der Super Bowl den Kürzeren zog. 2010 führte Drew Brees, nur drei Zentimeter größer als Wilson, die New Orleans Saints gegen die Colts zum Titel und ist seit jeher Vorbild des Seahawks-Spielmachers. „Zu Drew Brees habe ich seit dem Zeitpunkt, von dem mir mein Vater damals in der Schule von ihm erzählt hat, aufgesehen“, sagte Wilson. Aufgesehen hat der 25-Jährige auch zu Peyton Manning. Als Kind besuchte Wilson ein Trainingscamp Mannings für talentierte Passer. Wie viel er damals gelernt hat, kann Wilson am Sonntag beweisen.
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