Violett als Kulturgut
Acht Jahre nach dem Neubeginn in der niedrigsten Liga des Landes steht der Sportverein Austria Salzburg vor dem Einzug in die Erste Liga. Der als Gegenentwurf zu Red Bull Salzburg gegründete Club trägt das Violett des Vorgängerclubs mit Stolz - und ist mittlerweile auch in der Mitte der Salzburger Gesellschaft angekommen.
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Es gibt in der Stadt Salzburg weit lauschigere Orte als einen Fußballplatz bei zehn Grad, böigem Wind und stundenlangem Schnürlregen - noch dazu an einem Feiertag wie Christi Himmelfahrt. Knapp 2.000 Menschen im Ortsteil Maxglan sahen das am verlängerten Wochenende freilich ganz anders: Sie hüllten sich in violette Schals, stimmten Jubelgesänge an und brannten Freudenfeuerwerke ab.

Thomas Schernthanner/Pressefoto Austria
Austria-Salzburg-Obmann Walter Windischbauer bejubelt den Titel in der Regionalliga West
Mit gutem Grund: Seit acht Jahren kämpft sich der SV Austria Salzburg durch die Niederungen des österreichischen Fußballs, lehnt sich gegen die Spielregeln des von Investoren durchzogenen Fußballgeschäfts auf und setzt sich für Urtugenden des Sports ein: Zusammenhalt, Teamgeist und Traditionsbewusstsein.
Mit dem Schlusspfiff des 3:0-Heimsieges am letzten Spieltag der Regionalliga West gegen den FC Hard und dem bereits zuvor fixierten Meistertitel löste sich die seit langem aufgestaute Spannung der Anhänger in wohlige Gewissheit auf: Die violette Austria ist nur noch zwei erfolgreiche Relegationsspiele gegen den Meister der Regionalliga Ost (FAC Team für Wien) vom Comeback in den Profifußball entfernt.
Die wohl noch wichtigere Erkenntnis: Der Club, der vor acht Jahren von Red Bull enttäuschten Fans gegründet wurde und sich als rechtmäßiger Nachfolger der Salzburger Austria sieht, ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Bezeichnend auch, dass sich die Chance zur Rückkehr auf die große Fußballbühne ausgerechnet 20 Jahre nach dem legendären UEFA-Cup-Finale der Salzburger Austria gegen Inter Mailand bietet.
Ernüchterung nach Einstieg von Red Bull
Rückblende: Im Jahr 2005 übernahmen Red Bull und Dietrich Mateschitz den finanziell maroden Verein - zur Freude von Anhängern und Präsident Rudolf Quehenberger. Auf die anfängliche Euphorie folgte die baldige Erkenntnis, dass sich der Getränkekonzern den Verein vorwiegend wegen der Bundesliga-Lizenz einverleibt hatte. Die seit über 70 Jahren bestehenden Vereinsfarben wurden geändert, das Gründungsjahr 1933 aus den Annalen gestrichen - gegen alle Widerstände einer von Fans gegründeten „Initiative Violett Weiß“.

GEPA/Franz Pammer
Austria Salzburg anno 1994: Die Violetten im UEFA-Cup-Finale gegen Inter
Im Herbst 2005 waren die Fans heimatlos – und versuchten in ihrer Verzweiflung einen violetten Neubeginn in Kooperation mit dem Polizeisportverein Schwarz-Weiß Salzburg in der vierten Leistungsstufe. Als auch dieses Experiment scheiterte, entschieden sich die Anhänger 2006 für eine komplette Neugründung des Clubs als Sportverein Austria Salzburg - und damit auch für den bitteren Gang in die siebente und niedrigste Leistungsstufe. Der zentrale Punkt des Clubs wurde gleich in den ersten Paragrafen des Vereinsstatuts gehoben: „Die Farben des Vereins sind Violett und Weiß und sind wie der Name SV Austria Salzburg als von den Mitgliedern zu förderndes Kultur- und Gedankengut zu betrachten. Die Errichtung von Zweigvereinen ist nicht beabsichtigt.“

ORF.at/Mario Wally
Die Fans in Maxglan werden per Plakat zum Mitsingen animiert
„Kommerzfußball frisst Gefühlsfußball“
Während sich die zu Beginn beliebig zusammengewürfelte Mannschaft von Liga zu Liga mühte, fand die Eigeninitiative der Fans rege Beachtung bei Anhängern anderer Clubs - und bei internationalen Medien. „Es gibt also jetzt zwei Austria Salzburgs in Salzburg. Es geht nicht nur um Farben, es geht um Werte, um eine Haltung. Die Geschichte spielt in Salzburg, aber sie könnte überall spielen, wo der moderne Kommerzfußball den alten Gefühlsfußball frisst“, analysierte die „Süddeutsche Zeitung“ das Schicksal der Salzburger im Jahr 2010. Das Team spielte damals in der ersten Landesliga, der vierten Spielklasse - und feierte den Durchmarsch, den vierten Aufstieg in Folge, in die Regionalliga West.
Aufmerksamkeit erlangten die Salzburger jedoch auch für die über die Stränge schlagende Leidenschaft ihrer Anhänger: Im Herbst 2009 stürmten im Spiel gegen Saalfelden mehrere Angehörige der besonders hartgesottenen Fans das Spielfeld und attackierten dabei den eigenen Fanbeauftragten. Die Folge: Stadionsperren für mehrere Austria-Fans. Im Jahr darauf kam es beim Westderby zwischen Wacker Innsbruck und der Austria zu Auseinandersetzungen der rivalisierenden Fangruppen mit fünf Verletzten, woraufhin die Stadtverwaltung die Begegnung bei Union Innsbruck aufgrund von Sicherheitsbedenken untersagte. 2013 wurde beim besonders brisanten Derby gegen Red-Bull-Zweitclub Liefering der eigene Vorsänger - eine Art Oberhaupt der Fankurve - verletzt. Einige seiner Kollegen sollen das Rote Kreuz bei der Bergung behindert haben.
Windischbauer: „Angst bei den Gegnern ist gewichen“
Vorfälle, die bewältigt und aufgearbeitet seien, sagt Walter Windischbauer, seit 2010 Obmann der Austria und im Brotberuf Vorstand der Salzburger Mieterschutzvereinigung, gegenüber ORF.at: „Das Verhalten unserer Fans wurde heuer als untadelig gelobt. Die Situation hat sich von Jahr zu Jahr gebessert. Die Angst bei den Gegnern ist gewichen, weil sie uns kennengelernt haben; weil sie gewusst haben, wie wir ticken und dass sich unsere Fans vorbildlich verhalten.“
Das Publikumsinteresse scheint zumindest nicht nachzulassen: Über 10.000 Kartenanfragen registrierten die Austria-Verantwortlichen für das Relegationsrückspiel gegen den FAC. Binnen 48 Stunden waren sowohl das Hinspiel in Wien als auch die Begegnung in Salzburg ausverkauft. Die Anhänger, erklärt Windischbauer, seien integrierter Teil der weiteren Professionalisierung des Vereins: „Professionalisierung und Verbundenheit mit den Fans schließen einander nicht aus. Zielsetzung ist keinerlei Konfronation mit den Fans und sich trotzdem in alle Richtungen zu professionalisieren."
„Heimat für die Austria“ sammelt Geld für Ausbau
Sportlich fühlen sich die Salzburger nach acht Jahren organischen Wachstums bereit für höhere Weihen. Windischbauer: „Jetzt ist die Erwartungshaltung sehr groß, dass wir den nächsten Schritt machen. Es ist viel weitergegangen.“ Infrastrukturell soll der Club sukzessive ausgebaut werden.
Für den Bau einer zusätzlichen Fantribüne – im Fall einer längeren Erstklassigkeit sogar Lizenzbedingung – wurde die Initiative „Heimat für die Austria“ gegründet. Seit 2010 wurden per Sammelaktion über 107.000 Euro eingenommen, was mit den eingetroffenen Geldern passiert, wird auf der Website transparent abgebildet. Kosten soll die Zusatztribüne insgesamt etwa eine halbe Million Euro. Auf dem Trainingsgelände wurde zudem ein Kunstrasenplatz angelegt, der von einem guten Dutzend an vereinseigenen Mannschaften genutzt werden kann.
Auch Stadt steht hinter der Austria
Auch die Gemeinde Salzburg ist dem Club wohlgesonnen: Gelingt der Aufstieg, finanziert die Stadt die für die Erste Liga notwendige TV-adäquate Flutlichtanlage. Kostenpunkt: zwischen 500.000 und 600.000 Euro. Zudem bekannte Heinz Schaden, Bürgermeister der Festspielstadt, anlässlich der Regionalliga-Meisterfeier, ein „violettes Herz“ zu haben – nicht die schlechtesten Voraussetzungen, um sich im Konzert der Proficlubs zu etablieren.

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Stadion Vöcklabruck als Ausweich-Heimstätte: Die Red-Bull-Arena war belegt, in Grödig hatte man Angst vor zu vielen Zuschauern aus der Landeshauptstadt
Sollte das Unternehmen Aufstieg gelingen, müssen die Anhänger dennoch vorerst deutlich längere Anfahrtswege zu den Heimspielen in Kauf nehmen: Während der Umbauphase in Maxglan fänden die Heimspiele im rund 60 Kilometer entfernten Vöcklabruck statt, weil die Stadien in der Nähe nicht als Ausweichorte infrage kommen. In der Red Bull Arena in Wals-Siezenheim sind bereits zwei Clubs (Red Bull Salzburg und Liefering) beheimatet, zudem wäre wohl selbst ein befristeter Umzug moralisch nicht zu vertreten. Und in Grödig sperrt sich die Gemeinde gegen die etwaigen Gäste – man befürchtet zu großen Fanandrang aus der Landeshauptstadt.
Bis auf die große Entfernung zu Salzburg scheint Vöcklabruck den Bedürfnissen der Violetten ohnehin eher entgegenzukommen: Der Platz ist neutral, die Zuschauer sind mittels Dach vor gefürchtetem Schnürlregen geschützt. Auch die Stadionanlage kann die traditionelle Tormusik der Austria in adäquater Lautstärke wiedergeben – den Triumphmarsch aus Giuseppe Verdis „Aida“.
Mario Wally, ORF.at
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