Megaparty mit Pfeilen im „Ally Pally“
Während sich in den besinnlichen Tagen des alten und den ersten Tagen des neuen Jahres das Sportgeschehen etwas zurücknimmt und im Fernsehen ein kleiner Sportnotstand entsteht, steigt im Norden Londons ein Event, das sich auch auf dem Kontinent immer größerer Beliebtheit erfreut. Seit 18. Dezember bis 4. Jänner wird im Alexandra Palace der WM-Titel der Professional Darts Corporation (PDC) ausgespielt.
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Jeden Abend versammeln sich dabei 2.500 Fans in dem vor knapp 140 Jahren errichteten „Ally Pally“, um ihren Stars wie etwa dem 16-fachen Weltmeister Phil „The Power“ Taylor oder dem niederländischen Shootingstar Michael „Mighty Mike“ van Gerwen bei der Arbeit zuzusehen, wie sie aus 2,37 Meter Entfernung drei Pfeile in höchster Präzision in einer Scheibe mit 20 Segmenten versenken. Oberste Priorität hat das für die meisten Zuschauer allerdings nicht. Während auf dem Podium sportliche Höchstleistungen gezeigt werden, gleicht das Geschehen dahinter einer Mischung aus Fasching und Zeltfest.

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Den Ideen sind bezüglich Verkleidung und Sprüchen keine Grenzen gesetzt
Schneewittchen taumelt mit zwei randvoll mit Bier gefühlten „Pitchers“ zu einem Tisch, an dem sie von sieben grölenden Zwergen begeistert empfangen wird. Weltraumpiraten tanzen mit rosa Meerschweinchen, ein paar als Schlümpfe verkleidete Männer, die ebenso blau sind wie ihr Kostüm, liegen sich in den Armen, und dazwischen tummeln sich Elvis-Presley-Kopien. Plakate mit eindeutigen („Ich bin nur zum Saufen hier“) und zweideutigen Sprüchen werden in die Kameras gehalten. Erst wenn der Hallensprecher Russ Bray mit seiner Reibeisenstimme ein „One hundred and eeeeeeeighty“ mit dem Mikrofon zelebriert, rückt Darts für einen Moment in den Mittelpunkt.
Erfolg durch geniales Marketingkonzept
Was für Außenstehende auf den ersten Blick wie eine Ansammlung von Wahnsinnigen erscheinen mag, ist aber Strategie und Teil eines genialen Marketingkonzepts, das den Entertainmentgedanken in den Fokus stellt. Mastermind dahinter ist Barry Hearn, der als PDC-Chef die Welt des Dartsports revolutionierte. Der 65-jährige Sportpromoter holte das in England gerne als Volkssport bezeichnete Darts aus den verstaubten und dunklen Pub-Ecken und schaffte den Spagat, neue Zielgruppen zu erschließen, ohne dabei die Traditionalisten zu brüskieren. Das Pub- und Alkoholimage wurde dabei bewusst als zentraler Vermarktungspunkt gewählt.

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Da kann noch so viel Alkohol konsumiert worden sein, eine 180 bekommen alle mit
2007 übersiedelte die Weltmeisterschaft auch von der Circus Tavern, einem Nachtclub und Unterhaltungskomplex in den östlichen Ausläufern Londons, in den wesentlich glamouröseren Alexandra Palace. Ein weiterer Schritt ins Rampenlicht, der voll ins „Bullseye“ traf. Die Zuschauerkapazität erhöhte sich von 700 auf 2.500 Fans. Die Nachfrage für Tickets für das extravagante Spektakel ist aber noch immer höher als das Angebot. Im nächsten Jahr könnte die Kapazität auf 4.000 steigen. Auch im britischen Fernsehen genießt Darts mittlerweile einen Stellenwert wie nie zuvor. Der TV-Sender Sky startete für die WM einen eigenen Spartenkanal und schloss erst kürzlich mit der PDC einen neuen Fünfjahresvertrag ab.
Die Protagonisten profitieren
Von dieser Expansion profitierten natürlich auch die Protagonisten. 2007 betrug die Gesamtdotation noch 500.000 Pfund. Mittlerweile wird ein Preisgeld von 1,25 Millionen Pfund (1,59 Mio. Euro) ausgeschüttet, wobei der Sieger eine Viertelmillion einstreift. Nebeneffekt ist natürlich ein extremer Lärmpegel in der Halle, der eine große Herausforderung für die Spieler darstellt, müssen sie doch - manchmal auch über einen längeren Zeitraum - höchste Konzentration aufrechterhalten. Taylor und Co. haben sich aber längst daran gewöhnt und nehmen das Gejohle gerne in Kauf, bietet ihnen doch die WM aufgrund der vielen jungen Leute eine einmalige Bühne.

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Taylor ist zwar nicht mehr unantastbar, aber noch immer ein Gradmesser
„Ganz hinten schauen sie nicht einmal zu, sie feiern nur. Aber es geht nicht ohne die Fans, die sind unglaublich. Manchmal ertappe ich mich selbst dabei, wie ich mir die Kostüme ansehe“, sagte der Niederländer Raymond „The Man“ van Barneveld. Auch Taylor, dank seiner Erfolge mittlerweile Multimillionär, ist überzeugt, dass Darts eine rosige Zukunft bevorsteht. „In ein paar Jahren wird Darts genau so weit sein wie Golf oder Tennis. Der Sport wächst“, prophezeit der 54-Jährige, der noch lange nicht ans Aufhören denkt. „Ich will nicht zurücktreten. Ich werde niemals zurücktreten, wenn ich ehrlich bin. Es wäre herausragend, noch einmal den WM-Titel zu gewinnen“, sagte der Darts-Superstar.
Bei der WM hofiert wie Popstars
Taylor ist aber nur einer der Helden, die das Spektakel in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Bei der WM werden sie wie Popstars hofiert. Wie beim Boxen werden die Spieler mit lauter Musik und flankiert von zwei durchaus aufreizend gekleideten „Walk on Girls“ durch eine Gasse von enthusiasmierten Fans zur Spielplattform geleitet, um dort von ebenfalls luftig gewandeten Cheerleadern empfangen zu werden. Die Spieler selbst haben die Zeichen der Zeit ebenfalls längst erkannt. Keiner von ihnen kommt ohne Spitznamen und eigener Einmarschmusik aus. Die schrillsten unter ihnen spielen auch in einem entsprechenden Outfit.

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Peter Wright sieht es als seine Pflicht an, das Publikum zu unterhalten
Als der Paradiesvogel darf dabei durchaus Peter Wright bezeichnet werden. Mit bunten Hosen, einem grell gefärbten Irokesenschnitt und einer seinem Spitznamen „Snakebite“ geschuldeten Schlange an der Schläfe wurde der 44-jährige Schotte bei der letzten WM immerhin Vizeweltmeister. Seine Bühnenshow und sein Gebaren während des Spiels brachten ihm aber auch schon Kritik von Konkurrenten wie Adrian Lewis oder Van Gerwen ein. Simon „The Wizard“ Whitlock ist eher ein ruhiger Charakter, aber aufgrund seines markanten Zopfes und Bartes eine der auffälligeren Figuren. 2010 schaffte es der 45-Jährige als erster Australier bis ins Finale, in dem er Taylor unterlag. In diesem Jahr war allerdings schon in Runde eins Endstation.
Perfektes Paket aus Show und Sport
Ob die Fans in der Halle das frühe Aus des „Wizard“ überhaupt mitbekommen haben, steht auf einem anderen Blatt. „Ich bin kein eingefleischter Darts-Fan. Es geht mir um die Atmosphäre, und die ist fantastisch. Darts schaue ich nur ein bisschen, denn im Grunde ist es eine Möglichkeit, sich verrückt zu verkleiden und ein paar Drinks zu nehmen. Das ist alles schon ein Teil von Weihnachten und gehört dazu“, brachte etwa Dan Jones, der aus dem vier Stunden entfernten Leeds angereist kam, seine Beweggründe, das Spektakel im Alexandra Palace zu besuchen, auf den Punkt.
Die wirklichen Darts-Enthusiasten verfolgen die WM hingegen eher gemütlich in einem weichen Sessel vor dem TV. Die Partytiger strömen in die Halle und machen den Sport zu dem, was er in den letzten Jahren geworden ist. Die Organisatoren können mit beidem sehr gut leben. „Die Expansion, die wir machen, wäre nicht möglich ohne die Unterstützung unserer Sponsoren, Partner und der Sender“, stellte Hearn klar. Dass sich andere Sportveranstaltungen rund um Weihnachten und Silvester in Grenzen halten, spielt der Darts-WM natürlich in die Karten. Unter dem Strich ist der Erfolg aber deshalb so groß, weil einfach das Gesamtpaket aus Show und Sport stimmt.
Christian Wagner, ORF.at
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