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„Es geht in beide Richtungen zu schnell“

Gregor Schlierenzauer hat mit 25 Jahren schon 53 Weltcup-Skispringen, zwei Weltcup-Kristallkugeln (2009, 2013), zwei Vierschanzentourneen (2012, 2013), WM-Einzel-Gold (2011), fünfmal WM-Team-Gold und Olympia-Mannschaftsgold (2010) gewonnen. Dennoch hatte dem vor der WM formschwachen Tiroler in Falun niemand Großes zugetraut. Und gerade deshalb freut sich Schlierenzauer über seine Silbermedaillen aus Schweden wie der sprichwörtliche Schneekönig.

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Nach dem Sieg in Lillehammer vor drei Monaten hatte die Saison für den Weltcup-Rekordmann einen unglücklichen Verlauf genommen. Ausgerechnet bei der WM riss Schlierenzauer auf der Großschanze das Ruder herum und flog zu Silber. Die junge, neu formierte ÖSV-Equipe führte er unter Neo-Coach Heinz Kuttin schließlich zum silbernen Abschluss. Im ORF.at-Interview gewährt Schlierenzauer Einblicke in seine Gefühlswelt, Rückblicke auf die emotionale WM und Ausblicke auf weitere Ziele. Zu den Schattenseiten der österreichischen Mentalität und zum Umbau im Team fand er ebenfalls klare Worte.

ORF.at: Gregor, gehören die letzten fünf, sechs Tage zu den schönsten in Ihrer Karriere?

Gregor Schlierenzauer: Es waren sehr lehrreiche und emotionale Tage, die definitiv in Erinnerung bleiben - das ist gar keine Frage.

ORF.at: Womit kann man Ihr Gefühl nach diesen zwei Medaillen am besten beschreiben? Waren Erleichterung und Genugtuung auch dabei?

Schlierenzauer: Mit einer extremen Freude darüber, dass es sich auszahlt, den Glauben und die Leidenschaft nicht zu verlieren. Kampfgeist lohnt sich, das hat die Weltmeisterschaft wieder einmal verdeutlicht - und ein klein wenig Genugtuung ist sicherlich auch dabei.

ORF.at: ORF-Experte Martin Koch hat gesagt, dass es sehr schwer, fast unmöglich ist, während einer Großveranstaltung in Topform zu kommen. Sie haben es geschafft. Wie und warum?

Schlierenzauer: Ich bin immer positiv geblieben, weiß, was ich kann und was möglich ist. Abgesehen davon bin ich Teil eines tollen Teams. Die Trainer haben einen super Job gemacht.

Gregor Schlierenzauer und Stefan Kraft

GEPA/Oliver Lerch

In Falun holte Schlierenzauer seine WM-Medaillen Nummer zehn und elf

ORF.at: Die entscheidenden Umstellungen im Materialbereich und in der Technik - können Sie die im Detail erklären oder zumindest kurz anreißen?

Schlierenzauer: So viel war es nicht. Es sind Kleinigkeiten, die bekanntlich den Unterschied ausmachen - zum Beispiel die leicht veränderte Kopfhaltung beim Anlauf. Der Knackpunkt im positiven Sinne war aber sicher der Probedurchgang auf der Großschanze. Es war kein weiter Sprung, trotzdem hat es sich erstmals auf dieser Schanze richtig gut angefühlt. Ich habe die Bewegungsabläufe und dieses gute Gefühl verinnerlicht und gewusst, was zu tun ist.

ORF.at: Diese von ihnen oft angesprochene Sensibilität des Skispringens: Wie würden Sie die wichtigsten Punkte dabei benennen? Worauf genau kommt es zum Beispiel beim WM-Einzel-Springen von der Großschanze an?

Schlierenzauer: Auf einen kühlen Kopf, den Glauben an seine Möglichkeiten, einen schnellen Ski, den richtigen Mix aus Konzentration und Lockerheit, ein gutes Timing, ordentlich Saft in den Beinen, das richtige Gefühl in der Luft und das nötige Quäntchen Glück.

ORF.at: Kann man ein Skispringen nur gewinnen, wenn an diesem Tag Kopf, Körper, Material und äußere Verhältnisse bei zwei Sprüngen perfekt passen? Ist es so extrem eng?

Schlierenzauer: Ja. Du kannst noch so gut springen - wenn der Wind nicht mitspielt hast du keine Chance. Und umgekehrt, wenn die Verhältnisse passen, kann die Hälfte des Feldes Bestweite markieren. Durch die Materialänderungen ist es sicherlich einfacher geworden, ein Springen zu gewinnen. Dafür ist es noch schwerer geworden, den Level konstant oben zu halten.

ORF.at: Eine WM oder Olympische Spiele genauso wie eine Vierschanzentournee zehren enorm an der Substanz. Hilft Erfahrung dabei, oder wird es immer anstrengender, je länger eine Karriere dauert?

Schlierenzauer: Mit zunehmendem Alter wird es sicher nicht leichter. Da hilft dir die Erfahrung schon weiter, denn der Substanzverlust ist gerade bei Großveranstaltungen enorm. Du musst dir die Kräfte schon richtig einteilen und gut taktieren.

ORF.at: Das junge Team, mit dem ihr Silber geholt habt - Michael Hayböck (23), Stefan Kraft (21) und Manuel Poppinger (25). Wenn Sie es mit dem altbekannten Team der letzten Jahre vergleichen: Was sind die Unterschiede?

Schlierenzauer: Das kann man nicht vergleichen. Es sind andere Charaktere und Typen, was uns aber damals wie heute ausgezeichnet hat, ist der Erfolgshunger.

Gregor Schlierenzauer und Stefan Kraft

GEPA pictures/ Florian Ertl

Im Kreise der im Vergleich zu ihm noch unerfahrenen Teamkollegen Kraft, Poppinger und Hayböck lief Schlierenzauer bei der WM zu Topform auf

ORF.at: Ist der Umbruch, der Generationswechsel in Eurer Mannschaft – eigentlich rund um Sie herum – etwas, das Sie beflügelt?

Schlierenzauer: Auf jeden Fall. Ich bin zwar kaum älter als die Jungs, aber eben schon eine Weile dabei. Im Vorjahr habe ich mir die Leaderrolle noch mit Thomas (Morgenstern/Anm.) geteilt, jetzt habe ich in dieser Hinsicht noch mehr Verantwortung. Es ist eine neue Herausforderung die mich sicher beflügelt.

ORF.at: Welchen Anteil hat Trainer Kuttin an Ihren Medaillen bzw. den Medaillen des Teams?

Schlierenzauer: Einen sehr großen. Heinz hat einen sehr positiven und produktiven Zugang, er spielt mit offenen Karten, verlangt und gibt viel. Die Chemie passt ganz einfach.

ORF.at: Sie haben im ORF-Interview das extreme Schwarz-Weiß-Denken in Österreich kritisiert. Jetzt werden Sie wieder in den Himmel gehoben. Ist es schwierig, sich daran zu gewöhnen?

Schlierenzauer: Es ist irgendwie befremdend und für mich nicht immer nachvollziehbar. Bei uns landet man schnell in der Schublade, das stört mich. Es ist klar, dass man als Sportler am Erfolg gemessen wird, aber wir sind keine Maschinen. Es geht nicht auf Knopfdruck, und es steckt brutal viel dahinter, das wird zumeist übersehen. Auf der anderen Seite bin ich auch nicht der Superstar und Held, als der ich oft dargestellt wurde. Ich denke, dass es in beide Richtungen zu schnell geht, zu viele Superlative gebraucht werden. Abgesehen davon kann man Menschen nur beurteilen, wenn man sie kennt, ihnen nahe ist. Umso wichtiger ist Feedback meiner sportlichen und persönlichen Umgebung.

ORF.at: Die Saison geht dem Ende zu. Was sind Ihre verbleibenden Ziele in den nächsten Wochen?

Schlierenzauer: Ich möchte fortsetzen, was zuletzt in Falun sehr gut geklappt hat. Wichtig ist, Konstanz in die Leistung zu bringen. Wenn mir das bei den letzten Springen gelingt, bin ich wieder einen Schritt weiter.

ORF.at: Wissen Sie jetzt schon, woran Sie im Sommer am meisten arbeiten müssen?

Schlierenzauer: Im Sommer habe ich die Zeit, die ich während der Saison nicht habe. Damit kann ich meinen Prozess in Ruhe fortsetzen, aber noch habe ich meinen Kopf im Hier und Jetzt. Wir haben mit dem Nordic Tournament und Planica noch attraktive Bewerbe vor uns, darauf zielt mein Fokus aktuell ab.

ORF.at: Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn eine Saison zu Ende geht?

Schlierenzauer: Auf die Zeit, die ich mit den mir wichtigen Menschen verbringen kann, die ich im Winter viel zu sehr vernachlässige. Und auf die Momente, wo ich einfach in den Tage hineinlebe und ohne Plan funktioniere.

Das Interview führte Harald Hofstetter, ORF.at

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