Trainer in Hochschaubahn der Gefühle
Eines muss man Gerald Baumgartner lassen: Der in den letzten Monaten schwer unter Beschuss geratene Austria-Trainer behält stets die Fassung. Auch in der Stunde des erlösenden 2:1-Derby-Sieges über Rapid kam dem Salzburger kein Wort der Genugtuung über die Lippen, schon gar kein verbales Zurückschlagen in Richtung seiner Kritiker. Im Gegenteil: Die Fans, die lautstark seinen Rausschmiss forderten, lobte Baumgartner explizit für ihre Unterstützung.
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In seinem dritten Wiener Derby nach einem 2:2 zu Hause und einem 3:2-Auswärtserfolg war der Austria-Coach am Sonntag durch Himmel und Hölle gegangen - eigentlich umgekehrt. Denn die „Baumgartner raus“-Rufe in der Generali-Arena waren schon sehr laut geworden, ehe Lukas Rotpuller in der 49. Minute der von Referee Oliver Drachta stark verlängerten ersten Hälfte zuschlug. Dass der Innenverteidiger genauso wie sein defensiver Nebenmann Vance Sikov (84. Minute) mit ihren ersten Bundesliga-Toren überhaupt zu den gefeierten Derby-Helden wurden, passte zu diesem emotionalen Fußballspiel.
Derby-Erfolg als vorläufige Rettung
„Klar habe ich die Rufe gehört“, meinte der erleichterte, aber keineswegs euphorische Baumgartner über Schmähungen aus dem Publikum. „Natürlich war das schwierig für mich. Ich gehe damit um, konzentriere mich, so gut es geht, auf das Spiel meiner Mannschaft“, fügte er hinzu. Schon am Montagabend tagte der Austria-Aufsichtsrat und bestätigte Baumgartner im Amt. Hätten die Violetten das Duell mit den Grün-Weißen nach dem frühen Tor von Steffen Hofmann (17.) nicht mehr gedreht, wäre der Trainer da mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit abgelöst worden.

APA/Herbert Neubauer
Keine leichte Situation für Gerald Baumgartner - trotz des Derby-Sieges
Auszuschließen ist aber weiterhin nicht, dass es Baumgartner in den nächsten Wochen doch „erwischen“ könnte. Denn Verunsicherung und spielerische Armut in den Austria-Reihen waren bis zum Ausgleich eklatant gewesen. Er hoffe, dass die Trainerdiskussion damit vom Tisch ist, betonte Wirtschaftsvorstand Markus Kraetschmer. „Mit weiteren Erfolgen können wir in ruhigere Gewässer kommen“, hofft er für die nächsten Runden.
Korrekturen und Glück auf Baumgartners Seite
Baumgartner kann hoffen, dass sein wichtigster Winter-Neuzugang Raphael Holzhauser dann so spielt wie gegen Rapid. Mit der Wut im Bauch, wie der Trainer treffend sagte, war der entscheidende Derby-Faktor nach einer halben Stunde ins Spiel gekommen - weil Baumgartner den jungen Tarkan Serbest, der das Gegentor verschuldet hatte, „zum Schutz“ herausnahm.

GEPA/Martin Hoermandinger
Raphael Holzhauser riss gegen Rapid das violette Ruder herum
Nicht nur seine Einwechslungen - auch Philipp Zulechner hatte er zu Beginn noch überraschend auf die Ersatzbank gesetzt - waren für Baumgartner gewinnbringend. „Auch das Glück, von dem wir in dieser Saison nicht gerade verfolgt sind, war einmal auf unserer Seite.“ Dass er „seit einer gefühlten Ewigkeit“ auf das erste Kopfballtor von Sikov gewartet und es nun gerade im perfekten Augenblick geklappt habe, sorgte ebenfalls für Glücksgefühle bei Baumgartner. Illusionen gibt er sich jedenfalls keinen hin: „Nächste Woche beginnt das Spiel wieder von vorne“, so Baumgartner - vor allem, wenn die Austria am Samstag beim Schlusslicht Admira nicht gewinnen sollte.
„Schwere Enttäuschung“ bei Grün-Weiß
Rapid-Trainer Zoran Barisic durchlief im Derby der großen Emotionen ebenfalls die gesamte diesbezüglich bereitstehende Palette. Mit dem schnellen Hofmann-Tor statt der ausgesperrten Gästefans im Rücken steuerten die Hütteldorfer weitgehend sicher einer Halbzeitführung entgegen. Das Problem war allerdings einmal mehr, dass Rapid es verabsäumte, den sprichwörtlichen Sack zuzumachen. Der Stangenschuss von Thanos Petsos in der 93. Minute war bei der mangelhaften Chancenverwertung nur das i-Tüpfelchen. Über das gesamte Spiel vergab Rapid zumindest drei bis vier „Hochkaräter“.
„Es haben mich schon einige Dinge sehr geärgert“, sagte ein „schwer enttäuschter“ Barisic nach dem Spiel. „Bei den Standardsituationen, die zu den Gegentoren führten, haben wir uns ganz schlecht verhalten“, analysierte der Rapid-Coach. Generell habe man es in keiner Phase geschafft, den Aktionsradius des besten Austrianers Holzhauser einzuschränken. „Wir wissen, dass er ein sehr guter Fußballer ist und über einen starken Schuss verfügt“, so Barisic. „Genau deshalb hatten wir uns ja auch vorgenommen, ihn daran zu hindern.“ Mit der Leistung in der zweiten Hälfte war Barisic insgesamt äußerst unzufrieden.
Rapid-Anhänger attackiert
Auf den Rängen kam es erneut zu unschönen Szenen, obwohl der Gästesektor nach Ausschreitungen im letzten Derby gemäß Bundesliga-Urteil gesperrt war. Während Austria-Fans auf der Osttribüne gegen diese und andere Strafmaßnahmen mit einem Transparent protestierten, wurden auf der Nordtribüne im Familiensektor einige der im Stadion verteilten Rapid-Fans attackiert. Laut Augenzeugenberichten hatten sie sich über das Führungstor gefreut. Dafür wurden sie von einer fünf- bis zehnköpfigen Schar beschimpft, gestoßen und mit Bier überschüttet. Erst als Ordner mit Verzögerung eingriffen, beruhigte sich die Lage.
Harald Hofstetter, ORF.at
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