Für A-Niveau fehlt die Basis
Prag weckt vor der WM 2015 bei Österreichs Eishockeyfans wehmütige Erinnerungen. 2004 gelang dem Nationalteam in der tschechischen Hauptstadt zum bisher letzten Mal der Verbleib in der A-Gruppe. Auch Herbert Pöck erinnert sich gerne zurück. Die KAC-Legende war damals Teamchef und damit der letzte, dem das Kunststück Klassenerhalt gelang. „Es war ein Highlight“, so Pöck im Interview mit ORF.at.
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Elf Jahre später ist der 58-jährige Kärntner, der 2005 nach dem Abstieg bei der Heim-WM - dem ersten von fünf in Folge - abgelöst wurde, nur noch Zuschauer. Und Pöck glaubt nicht daran, dass seinem Nachfolger Daniel Ratushny eine ähnliche „Genießer-WM“ wie ihm vergönnt sein wird. „Für diese Mannschaft wird es sehr, sehr schwer“, so der langjährige Teamstürmer. Der Vater von Ex-NHL-Verteidiger Thomas Pöck im Interview über Prager Erinnerungen, die Probleme des Nationalteams und darüber, warum es richtig ist, auf Vanek und Grabner zu verzichten.
ORF.at: Herr Pöck, welche Erinnerungen weckt bei ihnen die WM 2004 in Prag?
Herbert Pöck: Es war als Trainer ein Highlight. Wir waren sehr, sehr jung, wohl die mit Abstand jüngste Mannschaft im Turnier. Thomas Koch, Oliver Setzinger, Daniel Welser – der 83er-Jahrgang – waren unsere vierte Linie. Ein Thomas Vanek hat als ganz Junger in der ersten Linie gespielt, und man hat schon gespürt, da kommt etwas ganz Besonderes. Die Weltmeisterschaft war vom ersten Tag an zu genießen, weil wir gegen die Franzosen das Abstiegsspiel gleich mit 6:0 gewonnen haben. Und auch danach haben wir Bombenresultate erzielt, wie das 2:2 gegen Kanada. 2004 war eine Genießer-WM mit tollen Partien.

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Pöck war von 2002 bis 2005 Teamchef der Nationalmannschaft
ORF.at: War der Erfolg bei der WM nach dem klaren Auftaktsieg mehr oder weniger ein Selbstläufer?
Pöck: Ein Selbstläufer deshalb, weil wir und auch die anderen Kleinen ja damals eigentlich nicht in der Lage waren, einen Großen zu schlagen. Wir haben dann in dieser Euphorie und mit einer Mannschaft, die Zukunft gehabt hat, gesagt, jetzt gehen wir rein und bleiben drin. Es war unser Ziel, und das haben wir umgesetzt. Das Gegenstück war dann ein Jahr später, wo unsere vierte Linie wegen Verletzungen und so weiter auf einmal die zweite Linie war. Man hat gesehen, wenn in einem Land wie Österreich ein paar Spieler fehlen, dann ist sofort eine Riesenkluft da.
ORF.at: Waren die Erwartungen nach der WM 2004 für das Heimturnier einfach zu hoch?
Pöck: Natürlich, aber das gehört ja auch dazu. Du hast die WM daheim, du möchtest die Top Acht schaffen. Aber es hat der Mannschaft dann etwa ein Vanek gefehlt, zwei, drei Spieler sind zu spät gekommen. Es war einfach eine ganz andere Mannschaft. Du hast dann nicht die Tiefe im Kader, damit du diese Ausfälle wettmachen kannst.
ORF.at: Die Mannschaft heuer hat mit jener von 2014, die bei Olympia gut gespielt hat, auch fast nichts mehr gemein. Ist die Situation ähnlich wie vor zehn Jahren?
Pöck: Es wird ein ganz schweres Jahr. Aber durch die Modusänderung, acht Mannschaften mit sieben Spielen, hat sich schon etwas verändert. Ein Spiel reicht nicht mehr, um oben zu bleiben. Aber man hat gesehen, dass auch die kleineren Nationen wie Norwegen, Frankreich oder auch Österreich immer einen Großen geschlagen haben. Es kann immer eine Riesenüberraschung passieren. Es ist aber auch schwerer zu spielen, weil du sieben Spiele in zehn Tagen hast, und das ist brutal. Du hast auch mehr große Mannschaften, gegen die du spielst, wo du gegen zwei oder drei ordentlich einfahren kannst.
ORF.at: Ist dieser stark verjüngte und unerfahrene Kader stark genug, um den Klassenerhalt zu schaffen?
Pöck: Für diese Mannschaft wird es sehr, sehr schwer. Aber es ist nun mal nur dieser Kader da. Im Sturm ist es okay. Aber mit der Verteidigung wird es sehr, sehr zäh werden. Es sind Spieler, die noch jung sind, körperlich noch zu schwach und auch in der Liga nicht präsent sind, weil sie Ersatz sind und Sekundeneinsätze haben. Und diese Spieler müssen jetzt auf einem Niveau Powerplay spielen, das noch einmal zwei, drei Klassen höher ist. Man wird sehen, wie die Spieler das verkraften. Man hat keine Zeit zum Atmen oder um einen Pass zu spielen. Sie werden derart unter Druck sein, dass sie sich nur schwer befreien werden können. Daher kann das Ganze auch wirklich in die Hose gehen.
ORF.at: Also sind wir bei dieser WM chancenlos?
Pöck: Wichtig wird sein, wie gut können dich die Torhüter im Spiel halten. Jetzt gibt es leider nur (Bernhard, Anm.) Starkbaum, der auf diesem Niveau spielen kann. Und dann jetzt das Tamtam um Mathias Lange. Wir sind unterlegen, und du brauchst aber einen Bombentormann. Nur glaube ich, einer alleine kann das nicht spielen. Wir haben es 2004 bei Divis gesehen, der dann im vierten und fünften Spiel praktisch tot war. Bei 70 Schüssen aufs Tor ist das einfach ganz was anderes. Oben bleiben kann passieren, wenn du an einem guten Tag, wo alles passt, Frankreich schlägst und die dann nichts mehr gewinnen. Oder wenn es am Ende drei Mannschaften mit drei Punkten gibt.

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Nur mit einem Starkbaum in Überform hat Österreich laut Pöck eine Chance
ORF.at: Sieht die Zukunft des österreichischen Eishockey aus Ihrer Sicht düster aus?
Pöck: Die Nationalmannschaft ist nur ein Spiegelbild der Vereine. Vorne ist es bei den Vereinen okay, aber hinten spielen sie mit vier, fünf Legionären und dazu mit einem ausländischen Tormann. Die Liga hat aber mit der Nationalmannschaft nichts am Hut, sie macht auch einen guten Job und expandiert. Es ist eine tolle Liga, ausgeglichen und spannend. Nur die Österreicher, die dort mitspielen, sind die aussterbende Generation Ende 20, Anfang 30. Diese zehn, 15 Spieler, die sich halten und um die 25 sind, wie ein (Raphael, Anm.) Herburger, die können sicher noch lange spielen, aber das ist zu wenig. Es fehlt die Masse.
ORF.at: Einige Spieler wollen aber auch nicht mehr im Team spielen ...
Pöck: Ein paar werden immer sagen, sie haben keine Zeit oder Lust oder sind verletzt. NHL-Spieler kommen nicht, weil die Saison noch nicht vorbei ist. Ich will es nicht so düster malen, aber was hilft dir ein Michael Raffl, wenn er keinen Pass bekommt und keine Scheibe sieht. Die Spieler müssen bei einer A-WM schnell und auf höchstem Niveau lernen. Und für das Sommertraining etwas mitnehmen, wenn er sieht, die sind noch zehn Kilo schwerer und noch viel schneller als ich. Es ist halt schwierig, mit Verteidigern zu spielen, die das ganze Jahr über keinen Gegner umhauen.
ORF.at: Wie erklären Sie sich, dass gute Spieler für das Team absagen, obwohl sie vielleicht nicht verletzt sind?
Pöck: Du bist Profisportler und du spielst auf höchstem Niveau mit hoher Risikobereitschaft. Aber du bekommst nichts und du bist nicht ordentlich versichert. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Wenn du einen Zwei- oder Dreijahresvertrag hast, ist es okay. Die Vereine übernehmen das, du kannst gesund werden und du kannst nächstes Jahr wieder spielen. Aber wenn ich keinen Vertrag habe für nächstes Jahr und mein Kreuzband reißt, dann bekomme ich - Hausnummer - 15.000 Euro von der Versicherung. Davon kann ich zwar vielleicht das restliche Jahr leben, aber die Folgeerscheinung ist, dass ich dann keinen Vertrag mehr bekomme. Oder wenn, höchstens einen Einjahresvertrag und den nur mit Option bis Weihnachten.
ORF.at: Das Risiko bei einer WM zu spielen ist im Eishockey also zu hoch?
Pöck: Ich muss, wenn ich mich dort verletze, so gut versichert sein, zum Beispiel mit 100.000 Euro, dass ich ein Jahr lang leben kann, wenn ich keinen Vertrag habe. Und das ist nicht da, und daher überlegen sich das viele. Dieser Umstand wird viel zu wenig thematisiert. Das ist aber auch in anderen Ländern wie etwa Kanada so. Nur haben sie dort Verträge, wo sie besser damit leben können.
ORF.at: Zurück zur sportlichen Situation: Die Punkteregelung wird immer wieder kritisiert, um sie zu ändern brauchte man aber ein „Gentlemen’s Agreement“. Gibt es in Österreich dafür genug Gentlemen?
Pöck: Man muss da gewaltig aufpassen. Diese Punkteregelung ist ja auch gekommen, um eine ausgeglichene Liga zu schaffen, und das ist ja passiert. Bei uns ist es aber nun mal so, dass die Zahl der österreichischen Spieler limitiert ist. Aber über die Liga kannst du die Nationalmannschaft nicht besser machen. Du brauchst eine Basis, aber darüber reden wir schon seit 30 Jahren. Du brauchst vor allem mehr Eishallen. Wir haben 40 Eishallen, in der Schweiz haben sie etwa 400. Es sollte bei den Clubs jeder Jahrgang eine eigene Mannschaft haben. Bei uns spielen in einer Mannschaft drei oder vier Jahrgänge, weil es nicht anders geht. Wir haben nicht die Basis, um auf A-Gruppen-Niveau mitspielen zu können. Wir haben eine Handvoll Spieler und die anderen eine Masse.

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Ratushny sieht sich mit einer beschränkten Anzahl an Spielern konfrontiert
ORF.at: ÖEHV-Sportdirektor Alpo Suhonen sieht in der fehlenden Masse an heimischen Coaches das Hauptproblem. Wie beurteilen Sie diesen Ansatz?
Pöck: Der Ansatz ist gut. Wenn man sich die kanadischen Trainer anschaut: Wen holen die den? Sie holen ihre Leute, weil sie gewinnen wollen und müssen. Und Österreicher nehmen vielleicht eher einheimische Spieler, weil sie die besser kennen und die Clubs vielleicht dann auch sagen, wir spielen mit weniger Ausländern. Das können die österreichischen Trainer bewirken. Die Frage ist, geht das Risiko auf, Cheftrainer zu sein. Denn wenn man zwei- oder dreimal verliert, ist man schnell nicht gut genug. Ein Herbert Hohenberger hat ja deshalb auch schon aufgehört. Es ist beinhart, weil du weißt nicht, wenn du in die Kabine kommst, ob dein Platz schon ausgeräumt ist.
ORF.at: Mit Daniel Ratushny ist der aktuelle Salzburger Meistertrainer Teamchef. Lassen sich Cluberfolge so einfach auf das Nationalteam übertragen?
Pöck: Wir hatten auch schon einen Lars Bergström oder einen Jim Boni, der gerade mit Wien Meister geworden ist, als Teamchef. Ratushny hat, wenn man es genau anschaut, bei Salzburg mit drei Linien gecoacht, die vierte gab es nur auf dem Papier. Die Einsätze konnte man in Sekunden messen. Das ist aber der Erfolgsdruck und daher auch in Ordnung. Aber bei der Nationalmannschaft wäre es recht, etwa mit acht Verteidigern zu spielen, und wenn zwei ausfallen, wird es schon kritisch. Er kann nur eine gute Taktik und eine gute Vorbereitung machen. Entscheiden werden es die Spieler auf dem Eis. Wichtig ist, dass er und ein Kalt, Brandner und Divis den Spielern alles mitgeben können. Am Eis bist du dann aber allein.
ORF.at: Ist der Umstand, das ehemalige Führungsspieler Ratushny als Assistenten zur Seite stehen, im Umgang mit den Spielern ein Vorteil?
Pöck: Ich hatte damals auch einen Bergström oder Jorma Siitarinen als Assistenten, Meistertrainer in Österreich, die gute Ideen hatten. Aber wenn du limitiert bist, bist du limitiert. Man muss ja auch Ratushny fragen, jetzt hat ein Spieler bei ihm nur wenig gespielt, und dann ist der in der Nationalmannschaft, wie geht das? Die Antwort ist, er hat ja keine anderen zur Verfügung. Die paar guten Österreicher über 30 haben gesagt, nach zehn Jahren ist genug. Von Olympia ist ja auch jeder mit Zorn nach Hause gefahren. Man hat gefeiert, dass man auf diesem Niveau weitergekommen ist, und dann verliert man zwei Tage später gegen eine sehr gute slowenische Mannschaft, mit einem Superstar wie Anze Kopitar. Dass man dann so auf drauf fährt, das gibt es nur in Österreich.
ORF.at: Der Teamchef hat angekündigt Thomas Vanek und Michael Grabner nicht nachzuholen, auch wenn sie in der NHL ausgeschieden sein sollten. Kann es sich Österreich leisten, auf solche Spieler zu verzichten?
Pöck: Man ist als Teamchef in so einer Situation immer ein Getriebener und Gehetzter. Aber man muss es nur logisch durchdenken: Ein Vanek oder Grabner scheiden nach einer langen Serie aus. Man ist enttäuscht, kommt dann her und hat auf dem gleichen Niveau viel schlechtere Mitspieler. Die Spieler müssen ja auch bereit sein. Meist ist ja da auch viel Druck, „du musst“, und der Presseagent sagt, das ist gut fürs Image, und dann fährst du her und alle schimpfen, weil es nicht so läuft. Da ist es als Trainer besser zu sagen, sie sollen dort spielen, und wir spielen hier mit dieser Mannschaft. Weil dann kann sich die Mannschaft reinarbeiten. Es ist wichtig, die Spieler zu haben, die spielen wollen und ihr bestes Eishockey geben. Das ist der bessere Weg, als sich an ein paar zu klammern, die vielleicht gar nicht so wollen oder vielleicht auch nicht mehr können.
Das Gespräch führte Karl Huber, ORF.at
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