Die „Wohlfühloase“
„Das Konzept des Vertrauens hat sich voll ausgezahlt“, hat Marcel Koller nach der erfolgreichen EM-Qualifikation am Dienstag über seine Linie gesagt, die er seit vier Jahren mit dem österreichischen Nationalteam geht. Dabei war dem 54-jährigen Schweizer bei seiner Ernennung zum ÖFB-Teamchef 2011 noch heftiger Gegenwind entgegengeschlagen.
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Sogar Kurt Jara, der einst bei Grasshoppers Zürich mit Koller spielte und oft ein Zimmer mit ihm teilte, war beleidigt und hielt sich für die bessere Wahl als Teamchef. Koller konterte damals in der Sendung ZIB2 und meinte: „Ich lasse auch andere Meinungen zu, aber man sollte meine Arbeit erst ein bisschen später beurteilen.“ Nach der im 14. Anlauf endlich auf sportlichem Weg geschafften Qualifikation für eine EM-Endrunde ist die Zeit gekommen, um Koller und seine Arbeit zu beurteilen und zu durchleuchten.
Eine Fußball-Leidensgeschichte
Mit der erfolgreichen Qualifikation für die Endrunde bei der Fußball-EM geht auch eine lange und erfolglose Tradition des österreichischen Fußballs zu Ende.
Besonnener Schaffer statt Blender
16 Teamtrainer hat der ÖFB verbraucht, bis endlich die EM-Quali aus eigener Kraft geschafft wurde. Dass es ausgerechnet Koller schafft, hätten dem Schweizer zu Beginn auch nur wenige zugetraut. „Die Österreicher haben Marcel Koller nicht gerade freundlich empfangen. Doch mittlerweile ist er für sie zum absoluten Glücksfall geworden“, meinte der 117-fache Schweizer Rekordinternationale Heinz Hermann im Züricher „Tages-Anzeiger“. Doch was macht Koller aus?
„Marcel ist kein Blender, sondern ein ruhiger und besonnener Schaffer, akribisch in seiner Arbeit, fachlich hochkompetent und ein Trainer, der seine Spieler mit Argumenten überzeugt“, so der 57-jährige Hermann, der Koller noch von den Grasshoppers und aus gemeinsamen Nationalteamzeiten kennt. Koller habe die österreichische Nationalmannschaft seit seinem Amtsantritt taktisch und technisch nicht nur einen, sondern gleich fünf Schritte weitergebracht, meinte Hermann.
Zusammenhalt und Kontinuität
Koller hat es zweifelsfrei verstanden, eine Mannschaft zu formen. „Wir verstehen uns am und abseits des Platzes sehr, sehr gut, sind eine eingeschworene Truppe, in der es keine Einzelgänger und Extrawürste gibt. Die Leidenschaft und der Hunger nach Erfolg schweißen uns zusammen, und natürlich hat der Teamchef großen Anteil. Wir werden hervorragend eingestellt und haben seine Philosophie verinnerlicht, er und das gesamte Betreuerteam habe einen super Job gemacht“, meinte etwa Aleksandar Dragovic zu den Qualitäten, die Koller als Trainer ausmachen.

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David Alaba und Marcel Koller: Im Team untrennbar miteinander verbunden
Der Teamchef selbst bezeichnete auch den Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft und die personelle Kontinuität als wesentliche Faktoren für den Erfolg. „Wir hatten wenige Wechsel, dadurch konnten wir gut aufbauen. Das Konzept, diesen Spielern zu vertrauen, hat sich ausgezahlt.“ Viel Skepsis war Koller zu Beginn entgegengebracht worden, wenn er auf Spieler wie etwa Marc Janko und Robert Almer setzte, die in ihren Clubs nicht zum Einsatz kamen.
Die Säulen des Erfolgs
Koller wollte nach eigenen Worten das Nationalteam zu einer „Wohlfühloase“ machen. Er selbst kam immer gerne zur Nationalelf und genau so solle es auch seinen Spielern gehen. „Die Spieler kommen mit Begeisterung und Freude zum Team. So soll es auch sein, denn wir müssen viel laufen. Das ist unser Stil. Aber jeder haut sich rein, und auch deshalb haben wir bisher nur drei Tore bekommen.“

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Auf seine Spieler kann sich ÖFB-Teamchef Marcel Koller (M.) verlassen
Die taktische Disziplin, das vertraute Spielsystem, die individuelle Stärke der Spieler, die als Legionäre in starken Ligen engagiert sind, das wachsende Selbstvertrauen nach überzeugenden Auswärtssiegen sowie einer Erfolgsserie, die bereits fast zwei Jahre anhält und eben Kollers Coaching-Qualitäten sind das Fundament des ÖFB-Höhenflugs auf Platz elf des FIFA-Rankings im Oktober.
Start von Platz 72
Im Oktober 2011 trat Koller seinen Job in Österreich an. Damals stand das Team auf dem 72. Platz der Weltrangliste noch hinter Teams wie den Kapverden und Albanien. Hält der Aufwärtstrend unvermindert an, geht sich auch der zweite Leistungstopf für Österreich bei der Gruppenauslosung für die Europameisterschaft 2016 am 12. Dezember in Paris aus.
„Das Team hat sich seit vier Jahren unglaublich entwickelt“, so Koller. In der Stunde des Erfolges schaute er auf den Weg zurück, den er beharrlich mit dem Team und seinen Vorstellungen folgend gegangen ist. „Die Spieler sind eng zusammengerückt, und wir konnten durch ständige Wiederholung mit demselben Stamm die Dinge festigen“, sagte der frühere Coach des 1. FC Köln und des VfL Bochum.
EM-Zug in voller Fahrt
Aber natürlich gebe es noch Steigerungspotenzial, und Talente hätten weiter die Chance, auf den EM-Zug aufzuspringen. Auch wenn ein Umbruch in der Stammformation unwahrscheinlich ist. „Wenn Neue dazukommen, muss ich ihnen das neu mitgeben, was die anderen seit vier Jahren hören“, gab Koller zu bedenken. Aber: „Wir werden die Augen offenhalten“, versprach Koller. Ob er die Nationalmannschaft auch nach der EM 2016 trainiert, ließ er vorerst noch offen. „Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.“
Martin Wagner, ORF.at
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