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Ein Gründungsmythos, der keiner ist

Mathias Zdarsky und William Webb Ellis haben eines gemeinsam: Beide gelten als Erfinder einer Sportart. Zdarsky war ein Pionier des alpinen Skilaufs, Webb Ellis soll es zu verdanken sein, dass es eine Weltmeisterschaft gibt, die nach dem Ort Rugby benannt ist. Die Geschichte vom frechen Schüler, der sich über die Regeln hinwegsetzte, ist jedoch im wahrsten Sinn des Wortes eine Legende.

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Die Stadt Rugby und ihre berühmte Schule gehören während der aktuellen WM für viele Fans zum Pflichtprogramm. Und Rugby, das von London aus mit dem Zug bequem in weniger als einer Stunde erreichbar ist, hat sich für dafür in Schale geworfen. An jeder Straßenecke weisen Hinweisschilder auf den richtigen Weg zur Rugby School und zur offiziellen Fanzone - der einzigen, die nicht in einem der elf Spielorte errichtet wurde - hin. Wer sich doch verläuft, kann in einem der zahlreichen Pubs, bei einem der angepriesenen „World Cup Specials“ nachfragen.

Vorfall ohne Augenzeugen

Und wird so auch die Statue des berühmtesten Sohns der Stadt finden. Irgendwann im zweiten Halbjahr 1823 soll es sich zugetragen haben, dass der 16-jährige Webb Ellis im Rahmen eines Fußballspiels an der Rugby School in der englischen Grafschaft Warwickshire „in feiner Missachtung der zu dieser Zeit gültigen Regeln“ mit dem Ball in den Händen in Richtung des gegnerischen Tors gelaufen war. Das Rugbyspiel war damit geboren und bereit, die Welt zu erobern. So erzählt es die Legende, und so ist es auch auf einer Ehrentafel am Rande der Sportplätze der 1567 gegründeten Schule zu lesen.

Statue von William Webb Ellis

ORF.at/Karl Huber

Auf diesem Feld soll sich 1823 der historische Moment abgespielt haben

Am 31. Oktober wird daher auch der achte Weltmeister im Rugby im Londoner Twickenham Stadium den „William Webb Ellis“-Pokal überreicht bekommen, der nach dem Schüler, der die Regeln brach, benannt wurde. Dabei konnte die freche Tat des späteren Priesters vor mittlerweile 192 Jahren nie bewiesen werden. Die einzige Schilderung der angeblichen Geburtsstunde des Rugbyspiels datiert aus dem Jahr 1876 und damit mehr als 50 Jahre nach dem Vorfall. Und dieser Bericht kam nicht einmal von einem Augenzeugen.

„Ein lokaler Historiker namens Matthew Bloxam schrieb in der Schulzeitung davon, dass einem Freund seines Bruders erzählt worden ist, jemand sei damals mit dem Ball in der Hand gelaufen“, erzählt Angus Gordon, der interessierte Besucher im Rahmen einer Führung durch die Rugby School mit auf eine Reise in die Geschichte des Spiels nimmt. Laut Bloxams Bericht soll Webb Ellis den Ball, nachdem er ihn gefangen hatte, nicht wie üblich weitergegeben oder gekickt, sondern mit der aufgeblasenen Schweineblase in der Hand losgelaufen sein.

Ehrentafel trotz fehlender Beweise

Auf offizielle Spurensuche begab man sich sogar noch später. „Die Old Rugbeian Society hat den Fall in den 1890ern untersucht und bei allen noch lebenden Schulkollegen von Webb Ellis nachgefragt“, so Tourguide Gordon, „man hat sich an ihn erinnert und ihn auch als guten Kricketspieler bezeichnet. Aber auch, dass er im Rugby nicht immer fair war. Aber niemand konnte sich daran erinnern, dass er jemals mit dem Ball gelaufen sei. Daher kann man annehmen, dass das Spiel nicht mit einem Knalleffekt geboren wurde.“

Plakat

ORF.at/Martin Wagner

Die Legende von der Entstehung des Rugbyspiels wird weiter gepflegt

Vermutlich hätte Webb Ellis 1823 sogar sein Leben aufs Spiel gesetzt, hätte er wirklich versucht, mit dem Ball in den Händen zu laufen. „Wenn er es wirklich gemacht hätte, wären ihm mehr Schläge und Tritte als Auszeichnungen sicher gewesen“, mutmaßt Gordon. Eine solche Aktion wäre angesichts der damals vorherrschenden rauen Sitten auf dem Feld einer Aufforderung zum Totschlag gleichgekommen. So beschreibt es auch Thomas Hughes, der Verfasser der autobiografischen Erinnerungen an seine Zeit in Rugby, „Tom Brown’s Schoolday“. Tourguide Gordon pflichtet bei: „Er hätte praktisch sein Leben in die Hand genommen.“

1895 legitimierten die Old Rugbeians die Geschichte trotzdem, wohl auch, um die Bedeutung der an ihrer Schule erfundenen Form des Fußballs mehr Gewicht zu geben. Eine eigene Art, mit dem Ball umzugehen, wurde in Rugby schon lange praktiziert. Die Regeln machten sich die Schüler, teilweise von Spiel zu Spiel, aber selbst. Um den Gegner aufzuhalten, war außer Waffengebrauch alles erlaubt. Nicht einmal die Anzahl der Spieler war festgelegt. Bei einem der wenigen Spiele aus dem Jahr 1839, über die es Aufzeichnungen gibt, standen sich 50 bzw. 200 Burschen auf dem Spielfeld gegenüber.

Erste Regeln erst 1845

Erst 1845 - und damit mehr als 20 Jahre nach dem angeblichen Verstoß von Webb Ellis - schrieben drei Schüler erstmals 37 Regeln fest und ließen diese in einem kleinen grünen Büchlein vervielfältigen. Und weil die Rugby School unter Direktor Thomas Arnold und dank dem Bestseller „Tom Brown’s Schoolday“ zu einer der renomiertesten Schulen Englands aufstieg, wurde Rugby Football schnell zur Konkurrenz des herkömmlichen Fußballs.

Statue von William Webb Ellis

ORF.at/Karl Huber

Der Ball spielte in Rugby schon immer eine Rolle - selbst beim Heckenschnitt

1863 trennten sich die beiden Varianten endgültig. Ein Streit über die Praxis des Beinstellens, auf das die Vertreter aus Rugby nicht verzichten wollten, soll einer der Hauptgründe gewesen sein. 1871 wurde ein eigener englischer Rugby-Football-Verband gegründet. Zwar spaltete sich Rugby Football 1895 nach Streit über eine Professionalisierung des Spiels in die noch heute existierenden Formate Rugby Union und Rugby League auf, der Siegeszug rund um den Globus war aber nicht mehr aufzuhalten.

Webb Ellis hat das nicht mehr erlebt. Der Engländer schlug nach seiner Schulzeit in Rugby die Laufbahn eines Priesters ein und starb 1872 - und damit vier Jahre vor der ersten Erwähnung seines angeblichen Regelbruchs. Sein Grab befindet sich in einem kleinen Ort im Süden Frankreichs. Und damit in einer Gegend, wo der Sport, der Webb Ellis dieser Tage besonders feiert, sehr populär ist.

Karl Huber, ORF.at, aus Rugby

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