„Selecao“ ohne Sieg im Halbfinale
Portugal hat auch das fünfte Spiel bei der EM in Frankreich nicht gewonnen und ist dennoch ins Halbfinale eingezogen. Die „Selecao“ setzte sich im Viertelfinale in Marseille mit 5:3 im Elfmeterschießen gegen Polen durch. Nach der regulären Spielzeit war es 1:1 gestanden.
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Robert Lewandowski brachte Polen zwar mit dem zweitschnellsten Tor der EM-Geschichte in Führung, doch Renato Sanches fand nach etwas mehr als einer halben Stunde die portugiesische Antwort auf den Rückstand. In der zweiten Hälfte ließen die Portugiesen einige gute Möglichkeiten liegen, ehe es in die Verlängerung ging. Dort belauerten die Teams einander, weshalb im Elfmeterschießen ein Sieger gefunden werden musste. Portugal-Goalie Rui Patricio bewies dabei ein goldenes linkes Händchen.
Portugal rotiert, Polen unverändert
Bei den Portugiesen kam es in der Startelf zu einer Premiere: Der 18-jährige Renato Sanches, millionenschwerer Neueinkauf von Bayern München, lief zum ersten Mal von Beginn an auf. Er sollte mit seiner Schnelligkeit und technischen Qualität Räume für Superstar Cristiano Ronaldo und Nani öffnen. Für den verletzten Raphael Guerreiro rückte zudem Eliseu auf die Linksverteidigerposition, für Joao Moutinho besetzte Adrien Silva die Position des linken Mittelfeldspielers.
Schnellste EM-Tore
Dimitri Kiritschenko (RUS)
2004, nach 67 Sekunden beim 2:1 gegen Griechenland
Robert Lewandowski (POL)
2016, nach 100 Sekunden beim 3:5 i. E. gegen Portugal
Robbie Brady (IRL)
2016, nach 119 Sekunden beim 1:2 gegen Frankreich
Sergej Alejnikow (RUS)
1988, nach 127 Sekunden beim 3:1 der Sowjetunion gegen England
Adam Nawalka blieb seiner Linie treu und schickte seine polnische Auswahl im bewährten 4-4-2 aufs Feld. Dabei vertraute er denselben Spielern wie im Achtelfinale gegen die Schweiz.
Polnischer Blitzstart dank Lewandowski
Das Spiel begann mit einem Paukenschlag: Nach einem Wechselpass auf den linken Flügel von Lukasz Piszczek verschätzte sich Cedric Adrien völlig und unterlief den Ball. Kamil Grosicki sprintete daraufhin samt Ball auf und davon, legte überlegt quer - und fand Bayern-Goalgetter Robert Lewandowski, der volley problemlos zum 1:0 einschob. Da waren gerade 100 Sekunden gespielt - es war das schnellste Tor der EM, das zweitschnellste der EM-Historie und obendrein das erste Lewandowskis bei dieser Endrunde.
(2.) Lewandowski trifft zum 1:0
Der Topstar trifft: Lewandowski verwertet eine Hereingabe von Grosicki zur frühen Führung für Polen gegen Portugal.
Nach dem blitzschnellen Treffer überließen es die Polen Cristiano Ronaldo und Co., das Spiel zu machen. Die „Selecao“ versuchte dann auch gleich vehement, den Ausgleich zu erzielen. Nach einer Spielverlagerung von Sanches legte Adrien für Ronaldo zurück, dessen Schuss wurde jedoch von den polnischen Innenverteidigern abgeblockt.
Polen im Konter weiter gefährlich
Auf der Gegenseite lief Portugal dabei aber stets Gefahr, einen Konter zu riskieren. In Minute 17 war etwa Lewandowski durchgebrochen, wurde vom Gegenspieler festgehalten und kam dennoch zum Schuss. Der Hammer ins kurze Eck konnte aber von Schlussmann Patricio in dessen 50. Länderspiel sicher unter Kontrolle gebracht werden.
Nach einem Vorstoß von Arkadiusz Milik konnte Verteidiger Pepe den Ball zur Ecke abwehren (22.). Eine Minute danach sorgte Grosicki mit einem Stanglpass für höchste Gefahr im portugiesischen Strafraum, doch Pepe und Co. konnten mit Mühe klären. Die Angriffsbemühungen der Portugiesen versandeten unterdessen spätestens im Halbfeld, wo die Polen geschickt Anspielpartner und Passwege zudeckten.

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Pazdan fällt Superstar Ronaldo, der sich aber zu theatralisch fallen lässt - und damit Referee Brych dazu verleitet, nicht auf Elfmeter zu entscheiden
Portugal reißt Kontrolle an sich
Erst nach etwa 28 Minuten fanden die Favoriten wieder einen Weg vor das polnische Tor. Nani band mit einem Dribbling mehrere Gegenspieler und legte rechtzeitig zu Ronaldo quer, der ließ mit einem schnellen Haken Michal Pazdan und Kamil Glick aussteigen, sein Distanzschuss landete aber in den Armen von Goalie Lukasz Fabianski.
Nach exakt 30 Minuten herrschte bei Portugal helle Aufregung: Ronaldo wurde im polnischen 16er von Pazdan rüde gelegt. Dabei ließ sich der Real-Superstar aber zu theatralisch fallen, weshalb der bis dahin souveräne deutsche Referee Felix Brych auf einen - durchaus berechtigten - Elfmeterpfiff verzichtete.
(33.) Sanches trifft zum 1:1
Der Jungstar gleicht aus: Renato Sanches zieht von der Strafraumgrenze ab und trifft zum 1:1-Ausgleich für Portugal.
Sanches drittjüngster EM-Torschütze
In Minute 33 belohnten sich die Portugiesen dann doch für ihre zuvor intensivierten Bemühungen. Sanches kam nach einem Doppelpass mit Nani zentral am Strafraum mit links zum Schuss, der Ball wurde von Grzegorz Krychowiak mit dem Knie noch abgelenkt - und rauschte an Fabianski vorbei ins Tor zum Ausgleich. Es war ebenfalls ein Rekordtor: Sanches ist der jüngste EM-Torschütze der K.-o.-Phase sowie der drittjüngste Torschütze der EM-Geschichte.
Bei den Portugiesen kam Ronaldo in Minute 50 erstmals wieder zu einer sehenswerten Aktion - doch Fabianski „pflückte“ die Flanke noch rechtzeitig vor dem einschussbereiten „Selecao“-Kapitän.
Jüngste EM-Torschützen
- Johan Vonlanthen (Schweiz, 18 Jahre, 141 Tage)
- Wayne Rooney (England, 18 Jahre, 237 Tage)
- Renato Sanches (Portugal, 18 Jahre, 317 Tage)
Die Polen ließen sich ihrerseits nicht vom Ausgleich beeindrucken und suchten ihr Heil gleich im Anschluss in der Offensive. In der 36. Minute ließ Milik den Ball für Lewandowski durch, ehe die Portugiesen einschritten - und den Ball direkt zum Gegner klärten. Bei zwei Flanken in den Strafraum verlor die Hintermannschaft der „Selecao“ dann völlig den Überblick, hatte aber Glück, dass die polnischen Abnehmer im Strafraum stets falsch zum Ball standen.
Keine personellen Änderungen zur Pause
In der Pause gab es für beide Teams keinen großen Grund umzustellen, folglich kamen sowohl Polen als auch Portugal unverändert aus der Kabine. Wie auch in der ersten Hälfte übten die Polen gleich zu Beginn viel Druck auf die Portugiesen aus und engten diese mit aggressivem Pressing in deren eigener Hälfte ein. Lewandowski kam in Minute 48 dank eines früh gewonnen Balles nach einer Piszczek-Flanke zu einem Flugkopfball, konnte den Schuss aber nicht mehr präzise kontrollieren.
Nach einer kleinen Schaffenspause setzte sich Ronaldo in der 56. Minute wieder in Szene, ließ am linken Flügel nach einem Pass von William Carvalho alle hinter sich und zog mit links ab, sein Schuss ging aber nur ans Außennetz - keine Gefahr für Goalie Fabianski. Nach gut einer Stunde Spielzeit schloss Ronaldo erneut zu unpräzise ab - und die polnische Abwehr konnte kontrolliert aus dem eigenen Strafraum spielen. Wenig später zog Rechtsverteidiger Soares aus 19 Metern ab, der Schuss strich aber hauchdünn am linken Pfosten vorbei.
Fehlende polnische Präzision, Portugal gefährlicher
Aufseiten der Polen, die zwar Initiative zeigten, mangelte es an Präzision in den letzten Pässen. Mehr als eine halb geglückte Flanke von Piszczek sprang in den ersten 20 Minuten der zweiten Hälfte nicht heraus. Erst in Minute 68 glückte wieder eine Aktion. Artur Jedrzejczyk legte auf Milik zurück, der auch sofort abzog, aber in Patricio, der blitzschnell auf dem Boden war, seinen Meister fand.

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Superstar, superverzweifelt: Ronaldo vergab die Riesenchance zum 2:1 im Finish der zweiten Hälfte
Im Finish der Partie zogen sich beide Mannschaften darauf zurück, möglichst keine Fehler zu begehen. Dank höherer Fehleranfälligkeit kam es dennoch zu Chancen. Zunächst sorgte Portugals Jose Fonte per Kopf für Torgefahr, der Ball war jedoch zu zentral angetragen (78.). So richtig gefährlich wurde dem polnischen Tor dann ein eigener Mann. Nach einem Vorstoß von Pepe spritzte Jedrzejczyk in letzter Sekunde in den Ball und spitzelte diesen scharf Richtung eigenes Tor. Es fehlten nur Zentimeter, und ein Eigentor hätte das Spiel entschieden (81.).
Ronaldo vergibt Matchball - Verlängerung
Den nächsten Matchball ließ Superstar Ronaldo aus. Nach einem hohen Ball des eingewechselten Joao Moutinho wähnte sich der Real-Angreifer wohl kurz fälschlicherweise im Abseits, zog dann doch ab, traf den aufspringenden Ball aber nicht mehr richtig und ruinierte damit die wohl größte Torchance der zweiten Hälfte (86.). Bis zum Ende der regulären Spielzeit passierte dann nichts mehr - und es ging erneut in die Verlängerung. Die Portugiesen verpassten es somit auch im fünften EM-Spiel, einen Sieg innerhalb von 90 Minuten einzufahren.
(86.) Ronaldo mit der Großchance
Der eingewechselte Joao Moutinho mit dem perfekten Ball auf Cristiano Ronaldo - der schlägt aber ein Luftloch und verpasst die große Chance auf das Führungstor.
Dafür hatte Ronaldo gleich in der 92. Minute einen weiteren Treffer auf dem Fuß, stoppte sich eine Eliseu-Maßflanke mit links, konnte dann aber keinen kontrollierten Schuss mehr aufs Tor abgeben. Aber auch die Polen versuchten sich zur Abwechslung in der Offensive: Milik zog aus der Distanz ab, verfehlte aber das Tor recht deutlich (100. Minute). Nani tat es ihm auf der Gegenseite gleich - und nötigte damit immerhin Fabianski ab, einen Ball zu fangen (103.).
Zähes Ringen in der Verlängerung
Nach dem Seitenwechsel in der Verlängerung traten wie zu erwarten Kampf und Krampf gegenüber Spielkultur in den Vordergrund. Beide standen einander darin in nichts nach. Portugal wirkte um eine Spur entschiedener, ein Elfmeterschießen vermeiden zu wollen. Ein geordnetes Spiel vermeiden wollte unterdessen ein aufs Feld gesprinteter Flitzer, der jedoch von einer Horde von Ordnern per Tackling erwischt und vom Feld eskortiert werden konnte.
Spektakuläreres war dann auch auf dem Feld nicht mehr zu sehen. Jedrzejczyk klärte gegen Sanches zu einer Ecke und brachte später selbst eine Flanke nicht in den Strafraum. Den Schlusspunkt setzte Piszczek, der aus knapp 25 Metern zum finalen Schuss ausholte, den Ball aber klar über das Tor setzte. Damit war die Verlängerung lediglich ein 30-minütiges Vorspiel für das Elfmeterschießen.
Shoot-out geht erneut an Portugal
Im Elfmeterschießen entschied sich Polens Kapitän Lewandowski dafür, dass die Portugiesen zuerst antreten - und dafür vor den polnischen Fans entschieden wird. Bis zu Blaszczykowski verwandelten dann alle Schützen souverän, ehe der Fiorentina-Legionär beim Anlauf zögerte und Patricio ein goldenes linkes Händchen bewies - und den halbhohen Schuss abwehren konnte. Der eingewechselte Ricardo Quaresma knallte dann den fünften portugiesischen Elfmeter ins Tor - und brachte seinem Team trotz des fünften Remis (nach regulärer Spielzeit) den Aufstieg ins Halbfinale. Damit hat die „Selecao“ Historisches geschafft: Sie ist die erste Mannschaft bei einer WM- oder EM-Endrunde, die sieglos unter den besten vier steht.
Mario Wally, ORF.at
EM in Frankreich, Viertelfinale
Donnerstag
Polen - Portugal 3:5 i. E., 1:1 n. V. (1:1, 1:1)
Marseille, Stade Velodrome, 62.900 Zuschauer, SR Felix Brych (GER)
Torfolge:
1:0 Lewandowski (2.)
1:1 Renato Sanches (33.)
Elfmeterschießen (Portugal beginnt):
0:1 - Ronaldo vollendet scharf, halbhoch links
1:1 - Lewandowski verlädt Patricio und verwandelt in die rechte Ecke
1:2 - Sanches ballert ins linke Kreuzeck
2:2 - Milik trifft flach links, Patricio ist in der falschen Ecke
2:3 - Joao Moutinho ebenfalls flach links, Fabianski verladen
3:3 - Glik scharf und halbhoch links, Patricio ohne Chance
3:4 - Nani zögert beim Anlauf und verwandelt dann nach rechts
3:4 - Blaszczykowski verzögert, Patricio streckt sich und wehrt den halbhohen Ball mit links ab
3:5 - Quaresma verwandelt zentral und scharf
Polen: Fabianski - Piszczek, Glik, Pazdan, Jedrzejczyk - Blaszczykowski, Krychowiak, Maczynski (98. Jodlowiec), Grosicki (82. Kapustka) - Milik, Lewandowski
Portugal: Rui Patricio - Cedric Soares, Pepe, Fonte, Eliseu - William Carvalho (96. Danilo) - Joao Mario (80. Quaresma), Renato Sanches, Adrien Silva (74. Joao Moutinho) - Nani, Ronaldo
Gelbe Karten: Jedrzejczyk, Glik, Kapustka bzw. Adrien Silva, William Carvalho
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