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18. Elfmeter bringt die Entscheidung

Deutschland hat sein Italien-Trauma im Viertelfinale der EM 2016 überwunden. Die Mannschaft von Teamchef Joachim Löw setzte sich am Samstag in einem nervenaufreibenden Spiel in Bordeaux gegen Italien nach einem 1:1 (0:0) nach 120 Minuten im Elfmeterschießen mit 6:5 durch und feierte damit den ersten Sieg über die „Azzurri“ bei einem großen Turnier.

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Im neunten Anlauf konnten die Deutschen Italien bei einer WM- oder EM-Endrunde besiegen. 40 Jahre nach dem verlorenen Elferschießen im EM-Finale 1976 gegen die Tschechoslowakei konnte der Weltmeister die Italiener vom Elfmeterpunkt in die Knie zwingen. In der regulären Spielzeit hatte Mesut Özil (65.) Deutschland vor 38.764 Zuschauern in Führung geschossen, Leonardo Bonucci war 13 Minuten später vom Elfmeterpunkt der Ausgleich gelungen (78.).

Jubel von Jonas Hector (Deutschland)

Reuters/Christian Hartmann

Hector schoss Deutschland vom Elferpunkt in die Runde der besten vier

Im Elferschießen verwertete Jonas Hector den insgesamt 18. Versuch zur Entscheidung, nachdem zuvor gleich mehrere Spieler auf beiden Seiten ihre Nerven weggeworfen hatten. Für Deutschland war es im siebenten „Shoot-out“ bei einem großen Turnier der sechste Sieg. Der regierende Weltmeister trifft nun am Donnerstag (21.00 Uhr, live in ORF eins) im Semifinale in Marseille auf Gastgeber Frankreich.

Schweigeminute vor Anpfiff

Der deutsche Teamchef hatte schon nach dem Achtelfinale gegen die Slowakei Änderungen nicht ausgeschlossen, 3:0 hin oder her. Überraschend war es dann aber doch, dass Benedikt Höwedes, anstelle von Julian Draxler - gegen die Slowaken Man of the Match - den Vorzug erhielt. Taktisch grub Löw jene Formation wie beim 4:1 im Testspiel im März aus. In der Verteidigung bedeutete das eine Dreierkette. Bei Italien wurde Daniele de Rossi nicht rechtzeitig fit. Für ihn rutschte Stefano Sturaro in die Startelf. Detail am Rande: Auch die „Azzurri“ setzten auf eine Dreierabwehr.

Gedenkminute vor der EM-Partie Deutschland - Italien

APA/AFP/Nicolas Tucat

Vor dem Spiel wurde der Opfer des Geiseldramas in Dhaka gedacht

Obwohl das Stadion in Bordeaux bis auf den letzten Platz gefüllt und die Spannung zum Greifen war, kehrte bei einer Schweigeminute vor dem Anpfiff kurz Ruhe ein. Grund war das blutige Geiseldrama in Bangladesch. In der Hauptstadt Dhaka waren bei einer Attacke der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) 20 Geiseln getötet worden. Unter den Opfern waren auch neun Italiener zu beklagen. Daher bestritten die Italiener das Spiel auch mit einem Trauerflor.

Deutschland muss früh umstellen

Die Italiener begannen durchaus engagiert. Zwei Eckbälle in den ersten fünf Minuten durften dafür als Indiz herangezogen werden. Wirklich hoch war das Tempo aber nicht. Die Deutschen hielten ihr taktisches Konzept ebenso straff ein wie der Gegner. Lücken in der Defensive waren hüben wie drüben nicht leicht zu finden.

Bis zum ersten Torschuss dauerte es daher auch eine Viertelstunde: Alessandro Florenzi gab diesen Richtung Manuel Neuer ab, doch der Schuss fiel in die Kategorie Edelroller. Die deutschen Offensivpläne waren da schon etwas über den Haufen geworfen. Sami Khedira hatte sich kurz vor Florenzis Schüsschen am Oberschenkel verletzt und konnte trotz aller Bemühungen nicht mehr weiterspielen. Bastian Schweinsteiger übernahm und holte sich auch gleich die Kapitänsbinde von Neuer.

Einwechselung von Bastian Schweinsteiger (Deutschland)

Reuters/Michael Dalder

Für Italien-Legionär Khedira (l.) war das Spiel bereits nach 15 Minuten vorbei

Viel Vorsicht, wenige Highlights

Optisch hatte Deutschland mehr vom Spiel, der Respekt vor den Kontern der „Azzurri“ war aber groß. Und dann lag der Ball plötzlich im italienischen Tor, am Spielstand änderte das aber nichts: Schweinsteiger hatte Mattia De Sciglio unfair aus dem Weg geräumt (27.). Dann war wieder einmal Italien dran. Bei einem Stanglpass von De Sciglio war Jerome Boateng mit der Zehenspitze gerade noch vor Emanuele Giaccherini am Ball (30.).

Die Partie blieb von Taktik geprägt, der gegenseitige Respekt hemmte zum Leidwesen der Fans den Spielfluss. Erst kurz vor dem Pausenpfiff ging es dann endlich einmal rund: Zuerst fiel ein Schuss von Thomas Müller eine Spur zu schwach aus, um Gianluigi Buffon ernsthaft gefährden zu können (42.). Dann fälschte Boateng - wieder mit der großen Zehe - einen Schuss von Sturaro gerade noch ab (44.). Mit 0:0 ging es in die Kabine.

Özil bricht den Bann

Die Fans beider Teams durften sich in der Pause zumindest an einer Statistik aufmuntern: 15 der 18 Tore in den bisherigen WM- oder EM-Duellen waren in der zweiten Hälfte gefallen. Fast wäre kurz nach der Pause das 16. dazugekommen, doch ein Schuss Müllers wurde auf dem Weg ins Netz von Florenzi gerade noch abgefälscht (54.). Dann schoss Boateng drüber (55.). Deutschland bekam die Partie nun etwas besser in den Griff. Die Italiener konterten mit Härte. Sturaro, De Sciglio und Marco Parolo sahen innerhalb weniger Minuten Gelb.

Özil erzielt das 1:0 (65.)

Mesut Özil steht nach einer abgefälschten Hereingabe von Jonas Hector goldrichtig und bringt Deutschland in Führung.

Der immer größer werdende deutsche Druck wurde in der 65. Minute nach der bisher besten Aktion im Spiel auch belohnt. Nach einem abgefälschten Querpass von Hector schaltete Özil am schnellsten und bugsierte den Ball in die Maschen. Aufgrund der Spielanteile eine verdiente Führung für den Weltmeister. Nur kurz darauf hatte Mario Gomez das 2:0 auf der Ferse, doch Buffon rettete seinem Team mit einer Riesenparade die Haut (68.). Ein zweites Gegentor wäre wohl die Entscheidung gewesen.

Italien schlägt vom Elferpunkt zurück

Der verpasste K.-o.-Schlag rächte sich zehn Minuten nach dem Führungstreffer. Es war aber kein Geniestreich der Italiener, sondern ein Fehler von Boateng, der den Ausgleich brachte. Der sonst so sichere Abwehrturm fuchtelte bei einer Flanke mit den Armen herum und bekam die Kugel im Strafraum auch prompt an den Arm. Schiedsrichter Viktor Kassai zeigte sofort auf den Elferpunkt, Bonucci hämmerte den Ball ins Eck. Neuer war nach 437 Minuten - Rekord bei einem Großereignis - erstmals bei dieser EM bezwungen (78.).

Ausgleich vom Elfmeterpunkt

Jerome Boateng springt der Ball im Strafraum an den Arm. Leonardo Bonucci tritt zum Elfmeter an und verwandelt souverän zum 1:1.

Der Ausgleich weckte nicht nur die Fans auf, sondern beflügelte auch die „Azzurri“. Jetzt wollten sie das Spiel noch vor dem Ende der 90 Minuten entscheiden. Deutschland begann zu wanken, fiel aber nicht. Auch weil Graziano Pelle an der Strafraumgrenze den Ball nicht richtig traf (81.). Die Deutschen fingen sich zwar wieder, trotzdem war Italien in der Schlussphase der Partie dem Siegestreffer näher. Ganz nahe kam ihm De Sciglio, doch der Schuss des Spielers vom AC Milan ging außen ans Netz (89.).

Dramatischer Elfmeterkrimi

Der Viertelfinal-Schlager ging damit in die Verlängerung. Wie die 90 Minuten davor regierte aber auch dort die Vorsicht. Torchancen waren Mangelware. Am nächsten war der Entscheidung noch der für Gomez eingewechselte Draxler, der den Ball nach einem Missverständnis in der italienischen Abwehr aus kurzer Distanz über die Querlatte hob (107.). Der Wolfsburger stand allerdings denkbar ungünstig mit dem Rücken zum Tor. Auf italienischer Seite scheiterte der kurz zuvor ins Spiel gekommene Lorenzo Insigne mit einem zentralen Schuss an Neuer (113.).

Entscheidung im Elfmeterschießen

Deutschland steht im EM-Halbfinale. Der regierende Weltmeister setzt sich gegen Italien in einem wahren Elfmeterthriller mit 6:5 durch.

Die Entscheidung musste daher im Elfmeterschießen fallen. Das hatte es zwischen Deutschland und Italien davor noch nicht gegeben. Erfahrungswerte hatte man daher keine. Das „Shoot-out“ wurde zur Nervenschlacht. Simone Zaza, Pelle und Bonucci bei den Italienern sowie Müller, Özil und Schweinsteiger - der den Matchball am Fuß hatte - scheiterten am eigenen Unvermögen oder am Torhüter. Erst der insgesamt 18. Elfer brachte Deutschland das Ticket nach Marseille. Denn diesen verwandelte Hector unter Buffon, der noch mit dem Unterarm am Ball war, durch, nachdem Matteo Darmian zuvor an Neuer gescheitert war.

Karl Huber, ORF.at

Fußball-EM, Viertelfinale

Samstag:

Deutschland - Italien 1:1 n. V. (1:1, 0:0), 6:5 i. E.

Stade de Bordeaux, 38.764 Zuschauer, SR Kassai (HUN)

Torfolge:
1:0 Özil (65.)
1:1 Bonucci (78./Handelfmeter)

Elfmeterschießen:
0:1 Insigne trifft
1:1 Kroos trifft
1:1 Zaza verschießt
1:1 Müller scheitert an Buffon
1:2 Barzagli trifft
1:2 Özil schießt an die Stange
1:2 Pelle verschießt
2:2 Draxler trifft
2:2 Bonucci scheitert an Neuer
2:2 Schweinsteiger verschießt
2:3 Giaccherini trifft
3:3 Hummels trifft
3:4 Parolo trifft
4:4 Kimmich trifft
4:5 De Sciglio trifft
5:5 Boateng trifft
5:5 Darmian scheitert an Neuer
6:5 Hector trifft

Deutschland: Neuer - Höwedes, Boateng, Hummels - Kimmich, Khedira (16./Schweinsteiger), Kroos, Hector - Müller, Gomez (72./Draxler), Özil

Italien: Buffon - Barzagli, Bonucci, Chiellini (121./Zaza) - Florenzi (87./Darmian), Sturaro, Parolo, Giaccherini, De Sciglio - Pelle, Eder (108./Insigne)

Gelbe Karten: Hummels, Schweinsteiger bzw. Parolo, De Sciglio, Sturaro, Pelle, Giaccherini

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