Materialschlacht in den Schweizer Bergen
Die Ski-Maschinerie hinter Marcel Hirscher läuft bei der WM in St. Moritz auf Hochtouren. Während er selbst vor dem ersten WM-Wochenende noch erkältet mit Fieber im Bett lag, herrschte im Servicebereich Hochbetrieb. Zum Testen gab es ausreichend. Der aggressive Schnee stellte seine Serviceleute in der Schweiz vor eine Herausforderung - an Material ermangelte es nicht.
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Mit der von Atomic für Hirscher nach St. Moritz gekarrten WM-Ausrüstung könnten jedenfalls zwei Schulskikurs-Klassen versorgt werden. Das gesamte Equipment wurde von den Servicemännern Thomas Graggaber und Johann Strobl per Bus nach St. Moritz gebracht. Für eventuell notwendigen Materialnachschub aus der Firmenzentrale in Altenmarkt wäre auch gesorgt. Hirscher selbst, so war der Plan, wird die ganze Zeit über in der Schweiz bleiben. Für kurzfristige Heimatbesuche würde ein Helikopter zur Verfügung stehen.
Erfolge sind kein Zufall
Mit neun Leuten - nicht exklusiv, aber intensiv - für Hirscher rückte Atomic nach St. Moritz an. Graggaber und Strobl kümmern sich um seine Ski, für die Schuhe sind Johannes Holzmann und Philipp Schwarzkogler verantwortlich. Technischer Koordinator und Helfer in allen Equipment-Lebenslagen ist Andreas Dudek. Logistische und organisatorische Probleme vor Ort werden durch Joe Libra gelöst. Um Marketing und Kommunikation ist ein dreiköpfiges Team (Dominic Tritscher, Jakob Reisinger und Karin Kaswurm) besorgt.

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Bei den Skischuhen legt auch Hirschers Bruder Leon die Hand an
Hinzu kommen die ÖSV-Betreuer an Hirschers Seite. Sein langjähriger persönlicher Pressemann Stefan Illek, Trainer Mike Pircher und Physiotherapeuth Josef Percht. Vertrauensperson Nummer eins ist freilich Vater Ferdinand Hirscher, der sprichwörtlich in allen Gassen daheim und um die perfekte Material-Abstimmung und Vorbereitung des fünffachen Weltcupgesamtsiegers bemüht ist. Dem Zufall wird im Team Hirscher nichts überlassen - oder andersrum: Seine großen Erfolge sind kein Zufall.
15 Kilo Wachs, 60 Ski, 70 Feilen
Ergo wird beim Material aus dem Vollen geschöpft. Insgesamt kam Hirscher mit 60 Paar Ski nach St. Moritz (je zehn für Super-G und Abfahrt, je 20 für Slalom und Riesentorlauf) inklusive Bindung, Platten und allen Schrauben, Sechs Skibrillen mit 60 Ersatzscheiben und acht Paar Skischuhen mit Reserveschnallen und Ersatzschrauben. Weiter drei Helme für RTL, Super-G und Abfahrt sowie zwei für den Slalom. Abgerundet wird das Equipment von 15 Kilogramm Grundwachs und Rennwachs, 70 Feilen und 40 Abziehklingen.

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Kaum zu glauben, was bei Schuhen so alles justiert werden kann
Suche nach perfektem Set-up
Material, so scheint es, ist im Überfluss vorhanden. Jetzt kommt das perfekte Set-up ins Spiel - oft zitiert, doch was heißt das konkret? Atomic-Rennchef Christian Höflehner dazu auf ORF.at-Nachfrage: „Grob gesagt geht es darum, wie der Ski auf dem Schnee reagiert. Bei eisigen Pisten muss das Set-up eher aggressiv sein um genügend Grip zu haben. Das gelingt durch schärfere Kanten, bodenseitig weniger hängende Kanten oder direktere Schuheinstellungen (Canting, Anm.), wodurch der Ski auf kleinste Bewegungen des Fahrers sofort reagiert.“

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Hirschers Ski-Servicemann Thomas Graggaber bei der Arbeit
Ganz ähnlich verhalte es sich laut Höflehner bei „totem“ Schnee oder Frühjahrsschnee: Durch aggressivere Abstimmung entstehe mehr Dynamik. Bei aggressivem Schnee wie in St. Moritz („kalt, trocken, ausgefroren, aber trotzdem hart“) werde das Set-up wiederum entschärft, um zu verhindern, dass die Ski zu schnell reagieren bzw. sich im Schnee eingraben. Das würde zu mehr Reibung führen und damit geringerem Tempo. Der berühmte finale Feinschliff in der Abstimmung werde durch verschiedene Kantenwinkel bzw. Kanten- oder Belagsstrukturen erreicht und optimiert.

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Auf die Kanten wird besonders viel Wert gelegt
All diesen Entscheidungen in Material- und Abstimmungsfragen voran gehen intensive Gespräche und Austausch des gesamten Betreuerteams. Wobei darüber beraten wird, welche Materialkombination bei den gegebenen Schneeverhältnissen, Temperaturen, der Kurssetzung und der Hangneigung am besten funktionieren könnte. Die Entscheidungen werden auf Basis der Erfahrungen bei ähnlichen Verhältnissen bei Trainings oder Rennen getroffen. Die Letztentscheidung obliegt allerdings immer, und so auch in St. Moritz, Hirscher.
Warten bis zum letzten Moment
Jedoch kann selbst unmittelbar vor dem Rennen noch fast alles verändert werden: Ski, Schuhe, Platte, und Kantenschärfe. Während des Rennens nicht mehr zu ändern ist der Kantenwinkel. „Weil er bodenseitig nur mit einer Maschine verändert werden kann“, erläuterte Höflehner. Zumeist werden bei einem Rennen verschiedene Skimodelle eingesetzt. Höflehner: „Wenn man glaubt, der eine Ski ist etwas zu aggressiv - vom Tuning her oder von der Konstruktion -, wird der ganze Ski gewechselt. Beim Schuh können Einstellungen wie Canting, Vorlage verändert werden oder auch der ganze Schuh gewechselt werden.“

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Herumgeschraubt wird bis zum letzten Moment
Grundsätzlich entschieden werde für gewöhnlich nach dem Einfahren bzw. nach der Besichtigung, sobald die Verhältnisse möglichst gut eingeschätzt werden können. Höflehner: „Es kann aber durchaus auch sein, dass zwischen zwei Durchgängen das Material gewechselt wird (andere Kurssetzung oder andere Temperaturen, Anm.). Nicht alle Läufer gehen mit diesen Möglichkeiten gleich um. Manche wie Hirscher können sich auf kurzfristige Veränderungen schnell (auch zwischen den Durchgängen, Anm.) einstellen. Anderen fällt das schwerer, sie verlassen sich lieber auf ihr gewohntes Material.“ Wieviel Geld Atomic für Hirscher pro Jahr in die Hand nimmt, verriet Höflehner nicht.
Michael Fruhmann, ORF.at aus St. Moritz
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