Heiß begehrte Weltmeisterschaften
Ein Wort springt Besuchern auf sämtlichen Homepages der Kandidaten für die WM-Endrunden 2018 und 2022 sofort ins Auge: „Dream“. Neun Bewerber auf vier Kontinenten verfolgen zumindest derzeit noch den Traum von der WM im eigenen Land. Milliarden von Dollar und Millionen Hoffnungen stecken in den Kampagnen. Am 2. Dezember fallen in Zürich beide Entscheidungen.
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Eine sechsköpfige FIFA-Delegation, angeführt vom chilenischen Verbandspräsidenten Harold Mayne-Nicholls, nahm Mitte September alle Kandidaten unter die Lupe. Den Anfang machten Japan und dann Südkorea, die erst 2002 gemeinsam die erste WM in Asien ausgetragen hatten. 20 Jahre danach will man die Fußballwelt erneut empfangen, diesmal als alleiniger Veranstalter. Größere Chancen werden Australien eingeräumt, das in der vergangenen Woche inspiziert wurde.
AFC-Boss bringt Heimat Katar in Stellung
Kandidaten für WM 2018
England, Russland, Niederlande/Belgien, Spanien/Portugal
Kandidaten für WM 2022
Australien, Japan, Südkorea, Katar, USA, Russland
Mitten in den ambitionierten Auftritt der „Aussies“ platzte dann ein Vorstoß des Präsidenten des Kontinentalverbandes Asien (AFC). Mohammad Bin Hammam, Mitglied des 24-köpfigen FIFA-Exekutivkomitees, legte sich vorzeitig fest, seine Stimme im Dezember seinem Heimatland Katar geben zu wollen. Für 2022 deutet so manches auf eine WM-Premiere in „down under“ oder im Mittleren Osten hin, obwohl auch die USA Chancen auf ihre zweite WM nach 1994 besitzen.
2018 sollte zunächst wieder „good old Europe“ am Zug sein. England lechzt nach mehr als vier Jahrzehnten geradezu nach der WM, Russland und seine Oligarchen fühlen sich nach der milliardenschweren Eroberung der Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi bereit für einen weiteren Großevent. Die Niederlande und Belgien probieren es wie bei der EM 2000 ebenso als Partner wie die iberische Achse Spanien und Portugal.
Ein Land wird klimatisiert
Geld spielt bei allen Bewerbungen eine wichtige Rolle - außer in Katar. Die Pläne der Scheichs sind zwischen atemberaubend und größenwahsinnig anzusiedeln. Zwölf nagelneue WM-Stadien sollen um vier Milliarden Dollar aus dem Wüstensand gestampft werden, alle im Umkreis einer Autostunde. „WM der kurzen Wege“ wäre in diesem Fall also eine Untertreibung, und auch die lästige Hitze soll den besten Kickern der Welt nicht den Spaß am Spiel verderben.

APA/EPA
Hassan Al-Thawadi wirbt bei Sepp Blatter um die WM 2022.
Mit umweltfreundlicher Energie betriebene Klimaanlagen „der zweiten Generation“ sollen mehr oder weniger das ganze Land von 41 Grad Celsius (Durchschnittstemperatur in den Monaten Juni, Juli und August) auf 27 Grad abkühlen. Sämtliche Stadien, Trainigsgelände und Fanzonen könnten laut Bewerbungsboss Hassan al-Thawadi mit dieser Technologie ausgestattet werden, womit als letzte Hürde noch der für Fußballfans kaum geeignete restriktive Umgang mit dem Alkohol bleibt.
Feuerwasser und nackte Haut erlaubt
Auch hier zeigen sich die Wüstensöhne geschäftstüchtig und flexibel. In den WM-Fanzonen soll der Konsum von Alkohol erlaubt sein. Böse Fanzungen behaupten ohnehin, dass die exklusiv angebotenen Produkte der FIFA-WM-Sponsoren die Lust auf exzessive Berauschung in überschaubaren Grenzen halten. Wie auch immer, Al-Thawadi sieht „keine kulturellen Unvereinbarkeiten“, man werde fremde Vorlieben und Gewohnheiten so weit wie möglich akzeptieren.
Als erster Organisationstest könne der Asien-Cup 2011 dienen, für den mit fünf Milliarden Dollar zurzeit ein neuer Flughafen errichtet wird. „Unsere Chancen sind gut“, glaubt Al-Thawadi an die WM, zumal an den Hotelpools dann ausnahmsweise auch freizügige Bademode erlaubt sein soll. „Mit einer WM in Katar würde die FIFA die nächsten Grenzen überwinden.“ Öl und Gas werden den Scheichs bis 2022 jedenfalls nicht ausgehen, womit der Weltverband auch Planungssicherheit hätte.

APA/EPA/Ali Haider
Modell vom Al-Wakrah-Stadion
Weisheit schafft Vertrauen
Die Stimme von AFC-Chef Bin Hammam hat Katar schon sicher, wobei diesem nur die gleichzeitige Vergabe von zwei Turnieren Kopfzerbrechen bereitet. „Ich war dagegen, über zwei Weltmeisterschaften im selben Raum am selben Tag zu entscheiden“, sagte Bin Hammam. „Aber ich vertraue auf die Erfahrung und Weisheit meiner Kollegen im Exekutivkomitee.“ Ob die Weisheit der FIFA ausreicht, um die WM endlich einmal in der Wüste auszutragen, wird sich bald zeigen.
Harald Hofstetter, ORF.at
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