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Gratwanderung auf der Kandahar-Piste

Die pickelharte Kandahar-Piste hat auch im WM-Super-G der Herren am Mittwoch ihren Tribut gefordert. Die Fahrer standen durchgeschüttelt im Ziel. Manche waren auch gerührt - wie der 30-jährige Hannes Reichelt, der als Vizeweltmeister hinter dem Südtiroler Christof Innerhofer über seine erste Medaille jubeln durfte. Die Strapazen der anspruchsvollen Piste waren ihm ins Gesicht geschrieben. 30 von 71 erreichten das Ziel nicht.

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Es war eine Fahrt „an die Grenzen der Leistungsfähigkeit“, wie Benjamin Raich sagte, der als Fünfter in Garmisch an seiner zehnten WM-Medaille nur um 62 Hundertstelsekunden vorbeigeschrammt war. Auch Reichelt behagen diese Verhältnisse für gewöhnlich nicht.

Hannes Reichelt

GEPA/Mario Kneisl

Hart erkämpftes Edelmetall

Ein bisschen weicher darf es für den Salzburger schon sein. Doch mit der Motivation seines Weltcup-Heimsieges in Hinterstoder, der den insgesamt fünften seiner Karriere markierte, bahnte er sich auch über die härtesten Wellen den Weg zur Silbermedaille. „So richtig realisiert habe ich das noch immer nicht“, sagte er bei der späteren Pressekonferenz.

Grenzwertige Bedingungen

Über die Bedingungen im Rennen hatte es davor keine Diskussionen gegeben. Die Fahrer stimmten überein: „Extrem unruhig und sehr eisig, in manchen Abschnitten sogar stockfinster. Es war anstrengend, die Beine wurden schnell müde. Aber auf Sicherheit konnte ich nicht mehr fahren“, sagte Reichelt. Der sechstplatzierte Romed Baumann dazu: „Man fühlt sich brutal beschissen. Unruhig bis zum Geht-nicht-mehr. Nie im Rhythmus, nie ein gutes Gefühl.“ Und sogar Michael Walchhofer stimmte in den Klagechor ein: „Das ging an die Substanz, kostete Kraft. Schwierig war die Kombination aus schlechter Sicht und eisiger Piste“, haderte der 35-Jährige nach Platz elf in seinem letzten WM-Super-G.

Reichelt machte das Beste draus. Ob der grenzwertigen Bedingungen glänzte Silber für ihn wie Gold, immerhin war er gesund geblieben, wie auch am Vortag die Deutsche Maria Riesch beim Sieg der Steirerin Elisabeth Görgl. Riesch wurde Dritte und sagte danach: „Man musste wirklich voller Spannung sein. Es hat geschüttelt und gerüttelt. Ich habe die Verhältnisse aber ganz gut im Griff gehabt. Das war der Schlüssel zum Erfolg.“ Ähnlich erging es Reichelt bei seinem Höllenritt zur WM-Silbermedaille. Nach einem Fehler musste er riskieren. Was optisch zwar nicht einwandfrei wirkte, aber die Zeit nach unten drückte. Im Ziel hätte er keinen Cent auf sich gesetzt, er dachte nur: „Jetzt bin ich einen gescheiten Blödsinn zusammengefahren.“

Reichelt ist „überglücklich“

Doch an seiner Silbermedaille wurde nicht mehr gerüttelt. Und so war Reichelt gerührt, er konnte sein Glück kaum fassen. Im vierten Anlauf hatte es endlich zur ersehnten ersten Medaille bei einem Großereignis gereicht. Bei den Olympischen Spielen 2006 in Turin war er Zehnter geworden. In Vancouver fehlte er im Vorjahr wegen einer Verletzung.

Hannes Reichelt

APA/Roland Schlager

Reichelt war nach seinem Lauf überglücklich.

„Nun überschlagen sich die Ereignisse“, erklärte der Vizeweltmeister, „nach drei Jahren Durststrecke bin ich wieder fast ganz oben und zurück in der Weltspitze. Ich bin überglücklich.“ Im Ziel hatten seine Eltern und engsten Verwandten mit ihm gezittert und ihm die Daumen gedrückt.

Taktieren gab es für Reichelt diesmal nicht. „Weil es so unruhig war und ich genug damit zu kämpfen hatte, überhaupt im Rennen zu bleiben. Und nach unten hin wurde es nicht leichter, sondern noch schwieriger“, sagte Reichelt, der mit Schaudern zurückblickte. „Da konnte ich nur schauen, die Ski annähernd auf der Kante zu halten und die vielen Schläge so gut wie möglich zu kompensieren.“ Der Blick auf die Anzeigetafel fiel schwer. Auch habe er sich im „schwierigsten Rennen“ seiner Karriere nicht schnell gefühlt. „Dieser Super-G raubte mir jede Kraft, die Laufzeit war am Limit. Ich war wirklich froh, als ich im Ziel war“, erzählte Reichelt.

Erinnerungen an Nierlich

Dort gesund angekommen, wäre er am liebsten gleich wieder schlafen gegangen, so müde sei er gewesen. Für die folgende Siegerehrung reichten die Kräfte gerade noch. Diese habe ihn übrigens an seine Kindheit erinnert, als er in Saalbach vor 20 Jahren bei der WM dem vier Monate später bei einem Autounfall verunglückten RTL-Weltmeister Rudi Nierlich zujubelte: „Das wollte ich irgendwann auch schaffen.“ Für Reichelt sollte diese WM-Silbermedaille freilich nur „einen weiteren Meilenstein“ seiner Karriere bedeuten, nicht den letzten. Silber wird sein „Leben versüßen“. „Den Druck, bei einem Großereignis noch keine Medaille gewonnen zu haben, bin ich endlich los. Das hat mir noch gefehlt und macht das sportliche Leben für mich um einiges leichter.“

Als Garantie für den vierten ÖSV-Startplatz in der Abfahrt am Samstag ließ Reichelt WM-Silber trotzdem nicht gelten. Wobei er sich als fairer Sportsmann erwies. „Das wird auf der Piste entschieden, so wie wir das mit den Trainern im Vorfeld besprochen haben“, so Reichelt. „Dass ich eine Medaille gewonnen habe, soll daran nichts ändern. Wir fahren Qualifikation, und das finde ich super so. Denn den freien Startplatz soll jener Fahrer bekommen, der sich auf der Strecke am besten zurechtfindet und die größten Medaillenchancen hat. Das ist nur fair.“ Er selbst hat wenigstens im Riesentorlauf noch eine weitere Chance. Dabei gilt Reichelt als Fixgröße.

Michael Fruhmann, ORF.at aus Garmisch

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