Themenüberblick

Die Hausaufgaben für das ÖFB-Team

Österreichs Nationalmannschaft ist seit vier Spielen sieglos. Sollte am Dienstag in der Türkei (19.30 Uhr, live in ORF eins und im Livestream) eine fünfte Partie ohne vollen Erfolg hinzukommen, wäre der EM-Traum wohl bereits zur Halbzeit der Qualifikation geplatzt, denn mit danach zweimal Deutschland „werden die Gegner nicht leichter“, so Christian Fuchs.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Mit der Türkei erwartet das ÖFB-Team als nächste Aufgabe zwar ein Gegner, der aktuell auch nicht in Hochform agiert, mit einer inferioren Leistung wie am Freitag gibt es für die Mannschaft von Dietmar Constantini in Istanbul aber garantiert nichts zu bestellen. ORF.at analysiert, was im Spiel der letzten Chance besser laufen muss als gegen Belgien, damit auswärts der erste Pflichtspielsieg in sechs Jahren gelingt.

Konzentrierter Beginn unerlässlich

Ein schnelles Gegentor wie gegen Belgien wäre fatal. Ein konzentrierter Beginn des ÖFB-Teams ist unerlässlich, um im Sükrü-Saracoglu-Stadion zu bestehen. Die Gastgeber werden von Anpfiff weg versuchen, eine Vorentscheidung herbeizuführen, und sehr offensiv auftreten. Für individuelle Patzer, Stellungsfehler und billige Gegentore gibt es auf diesem Niveau keinen Spielraum, daher gilt es ganz besonders, in den ersten Minuten kompakt, sicher und geordnet aufzutreten - und danach diesen Level womöglich zu halten.

David Alaba und Emanuel Pogatetz

ORF.at/Dominique Hammer

Das Spiel zu beruhigen ist legitim, aber der Mut zur Offensive ebenso.

Mehr Mut und Kreativität

Wie das Kaninchen vor der Schlange zu erstarren ist nicht angebracht. Mehr Mut zum Risiko und Kreativität müssen an den Tag gelegt werden. Gegen Belgien wurde kaum in die Tiefe gespielt. Eine Vielzahl an Pässen ging entweder auf die Seite, wurde nach hinten oder überhaupt zum Gegner gespielt. „Wir wussten, was wir vorhaben, konnten es aber nicht umsetzen“, brachte Fuchs das Dilemma gegen Belgien auf den Punkt. Eine gewisse Sicherheit im Spielaufbau auch in der Türkei ist nötig, aber ohne das Suchen von Eins-gegen-eins-Situationen und eine Orientierung Richtung gegnerisches Tor wird ein Sieg kaum gelingen.

Plan B muss her

Gegen Belgien wurde die Taktik mit dem 0:2 wenige Minuten nach der Pause über den Haufen geworfen. Beim 4-2-3-1-Basissystem wäre spätestens zu diesem Zeitpunkt eine Umstellung angebracht gewesen. Aussagen von Constantini wie „ich hatte nicht das Gefühl, dass wir das noch gedreht hätten“ und „wen hätte ich einwechseln sollen“ sind unzulässig. Die Mannschaft muss einen Plan B und mehr Flexibilität haben, um sich auf geänderte Spielverläufe - ob negativ oder positiv - einzustellen.

Mehr Leidenschaft und Aggressivität

In puncto Einstellung muss mehr Leidenschaft, Engagement und Aggressivität gezeigt werden. Gegen Belgien hat das ÖFB-Team keine einzige Gelbe Karte bekommen. Zwar sagte Constantini, dass Marko Arnautovic für ein von ihm begangenes Foul verwarnt werden hätte müssen, diese Attacke gleich zu Beginn fiel aber eher unter die Kategorie unnötig. Die Türkei muss den Eindruck bekommen, dass sie es mit einem Team zu tun hat, das sich wehrt und als Kollektiv auftritt.

Die Torchancen nutzen

Die einzige und daher gleichzeitig auch größte Torchance gegen Belgien vergab Marc Janko, der mit einem Treffer dem Team wieder Selbstvertrauen geben hätte können. In Istanbul müssen die Gelegenheiten eiskalt genutzt werden, denn die Türkei wird es Österreich nicht so leicht wie Belgien in Brüssel machen und gleich vier Gegentreffer kassieren.

Marc Janko vergibt eine große Chance zum Ausgleich gegen Belgien

ORF.at/Dominique Hammer

Einen sorglosen Umgang mit Chancen wird sich Österreich nicht leisten können.

Geringere Erwartungshaltung als Chance

Bei all den Kritikpunkten ergeben sich für das ÖFB-Team im Vergleich zum Belgien-Spiel aber auch aus den geänderten Voraussetzungen zwei neue Vorteile. Die von Constantini monierte viel zu hohe Erwartungshaltung der Öffentlichkeit fällt nach dem Desaster am Freitag völlig weg. Die Euphorie ist verflogen. Die Spieler haben zwar auch in Istanbul den Druck, gewinnen zu müssen, die Ausgangsposition ist allerdings eine gänzlich andere.

„Wir sind krasser Außenseiter. Keiner traut uns etwas zu. Das ist vielleicht die angenehmere Ausgangsposition“, sagte der Teamchef, der aufgrund der Ausfälle von Franz Schiemer, Zlatko Junuzovic und Janko personelle Veränderungen vornehmen muss, aber auch taktische Umstellungen ankündigte.

Offensive Türken als Vorteil

Eine weitere Chance ergibt sich aus der unterschiedlichen Taktik des Gegners. Die Belgier zogen sich nach dem frühen Führungstor zurück, standen sehr eng und zwangen damit das ÖFB-Team in eine Aufgabe, die ihm gar nicht liegt, nämlich das Spiel gegen eine defensiv orientierte und disziplinierte Mannschaft durch Kreativität selbst zu gestalten.

Zwar könnte auch die Türkei diese Taktik unter Trainerfuchs Guus Hiddink praktizieren, die Gastgeber werden sich aber wohl eher dazu verpflichtet fühlen, vor ihren kritischen und derzeit höchst unzufriedenen Fans das Spiel zu machen, offensiver aufzutreten und dem Gegner daher mehr Räume für Kombinationsspiel zu überlassen. Eine Spielanlage, die dem ÖFB-Team sicher mehr entgegenkommt und daher die Chance für eine Überraschung bietet. „Die Türken erwarten sich drei Punkte, das können wir vielleicht ausnutzen. Wir werden sicher mehr Torchancen als gegen Belgien haben“, ist sich Ekrem Dag sicher - vorausgesetzt, die erwähnten Verbesserungen werden umgesetzt.

Christian Wagner, ORF.at

Links: