Entscheidung für das Kollektiv
„Mir hat das schnelle Spiel und der Wille der Österreicher gefallen, vor allem Fuchs und Alaba waren sehr stark.“ ÖFB-Teamchef Dietmar Constantini nach dem 3:1-Erfolg seiner Elf im Testspiel gegen Lettland am Dienstag in Graz? Nein, sondern der lettische Teamtrainer Aleksandrs Starkovs und seine Meinung zum Auftritt der rot-weiß-roten Teamkicker.
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
ÖFB-Team und modernes Spiel waren bis vor kurzem noch zwei sich diametral gegenüberstehende Begriffe, zum Leidwesen der Fans scheinbar unvereinbar. Oft war der Wille das einzig Positive an den Darbietungen der Constantini-Elf. Fehlte auch dieser, passierten Unspiele wie etwa das 0:2 gegen Belgien. Das 1:2 in der EM-Qualifikation gegen Deutschland gab dann jedoch wieder Auftrieb.

ORF.at/Christian Öser
Constantini über spielerischen Aufschwung erfreut
Ein Schritt nach vorne ... und noch einer
Gegen den überlegenen Leader der Qualifikationsgruppe A und den Vierten der Weltrangliste war ein deutlicher spielerischer Fortschritt erkennbar. Doch auch hier war der gelernte Fan der österreichischen Nationalmannschaft vorsichtig. Nur allzu oft folgen beim ÖFB einem Schritt nach vorne im besten Fall ein stolperfreier Schritt zur Seite, eher aber gleich zwei zurück.
Das Spiel von Graz bewies das Gegenteil, auch wenn keine Weltklassespieler auf dem Platz standen, sondern die Nummer 77 im FIFA-Ranking. „Das Positive war, dass wir spielerisch entsprochen haben. In der ersten Hälfte haben wir es zeitweise sogar übertrieben und uns selbst kastriert“, meinte Constantini in seiner Matchanalyse und schränkte ein, dass so eine Leistung erst gegen „Top 20“-Gegner gebracht werden müsste.
„So war es schon lange nicht mehr“
Ein Fortschritt war auch, dass sich Christian Fuchs und Co. von dem Rückstand nicht völlig aus der Bahn werfen ließen. In vergangenen Monaten war ein 0:1 immer schon das Ende vom Lied für die ÖFB-Elf. Dem überraschenden 0:1 durch Pavels Mihadjuks (49.) folgte zwar eine „hektische Phase“, so Constantini, doch nach dem 1:1 durch Debütant Christopher Dibon (75.) kam die Wende und gelang ein Schlusssprint mit zwei weiteren Toren durch Martin Harnik (81., 96./Elfer).
Hauptgrund für den spielerischen Aufschwung im Vergleich zu den Partien gegen Belgien und die Türkei war für den Stürmer die neue Liebe zum Kurzpassspiel. „Wir haben es vor kurzem für uns entdeckt“, meinte Harnik. „So wie wir jetzt Chancen herausspielen, war es schon lange nicht mehr.“ Doch lange gab es gegen Lettland nur Möglichkeiten, die Tore blieben aus.
Constantini und der Systemwechsel
Das Team agierte mit zu wenig Nachdruck bei den Offensivaktionen. Das Hauptproblem der mangelnden Chancenauswertung beschäftigte den Teamchef vordergründig nicht so sehr. „Wichtig ist zuerst, dass man überhaupt Chancen kreiert“, so der Tiroler, der jedoch offensichtlich ein Problem mit seinen „großen“ Stürmern Marc Janko, Stefan Maierhofer und Roman Kienast hat.
Janko ist oft angeschlagen und kommt im Team nicht so zur Geltung wie bei seinem Klub Twente Enschede, Maierhofer ist zwar ein unermüdlicher Arbeiter, aber auch kein Torjäger im Team. Kienast bot sich mit einer schwachen Vorstellung am Dienstag nicht als Alternative an, fand keine Mittel gegen die Defensive des Weltranglisten-77. Für Constantini ein Zeichen, möglicherweise auf Dauer sein bevorzugtes System der großen Solospitze zu den Akten zu legen. Das System der Zukunft könnte sich an große Vorbilder anlehnen.
Austro-Barcelonismus
Das ÖFB-Team wandelt dabei auf den Spuren von Barcelonas Fußballzauber, ein mit Abstrichen versehenes Austro-Barca sozusagen. „Ich habe mich für das Kollektiv entschieden, und es hat gegriffen“, so Constantini. „Wir haben jetzt viele kleine Spieler, die gut kombinieren können.“ Das kommt dem Fußballfan bekannt vor. Am Dienstag bewies das Mittelfeld mit Zlatko Junuzovic, Alaba und Harnik als Dreh- und Angelpunkt des ÖFB-Teams seine spielerische Ausrichtung.

ORF.at/Dominique Hammer
Stefan Kulovits unterstützte das Mittelfeld hervorragend.
Präzises Kurzpassspiel in der Bewegung wurde gewürzt mit gelungenen Wechselpässen, so wurden Räume für Angriffe geöffnet. Außerdem stimmt das Auge für den besser positionierten Mitspieler. Immer wieder kamen die Österreicher über die Seiten zu Chancen. Hervorragend unterstützt wurde das Mittelfeld von Stefan Kulovits, dessen Leistung als omnipräsenter „Sechser“ auch Constantini gefiel.
Die Kreativen im Team
Der Zuschnitt des Spiels auf einen Solostürmer oder das Hoffen auf die Genieblitze eines Einzelnen dürften Geschichte sein. Das Experiment „Arnautovic“ scheint vorerst gescheitert, obwohl der Teamchef eine Rückkehr des Werder-Legionärs bei entsprechender Leistung und Verhalten nicht ausschließen wollte.
Auffallend war auch der Seitenwechsel von Junuzovic und Alaba Mitte der ersten Halbzeit. Er erfolgte aus Antrieb der Spieler, war keine Anweisung von Constantini. Der nahm diese Eigenmächtigkeit nicht weiter tragisch: „Wenn die Spieler immer nur auf den Trainer hören, dann kommt nichts Kreatives dabei heraus. Als es nicht mehr so gut lief, habe ich sie zurückgeschickt.“
„Wenn’s rennt, dann sind immer alle happy“
ÖFB-Präsident Leo Windtner war jedenfalls zufrieden: „Die Leistung war okay und hat das Deutschland-Match bestätigt. Jetzt können wir ruhig in die Sommerpause gehen und uns auf die großen Aufgaben vorbereiten.“ Am 10. August wartet die Slowakei in einem Freundschaftsspiel in Klagenfurt auf das Nationalteam, dann folgen die EM-Qualifikationsspiele auswärts gegen Deutschland (2. September in Gelsenkirchen) und am 6. September in Wien gegen die Türkei.
Für Constantini war das 3:1 gegen Lettland notwendig, um die Stimmung im Team zu konservieren. „Der Sieg war insofern wichtig, als jetzt alle mit Freude weitermachen und der Zusammenhalt stimmt. Wenn’s rennt, dann sind immer alle happy.“
Martin Wagner, ORF.at
Links: