Themenüberblick

Große Erwartungen

Mit einem 41:10-Sieg der Gastgeber gegen Tonga hat am Freitag in Neuseeland die sechste Rugby-Weltmeisterschaft und damit eines der größten Sportereignisse weltweit begonnen. Auch die Erwartungen sind groß, vor allem im Austragungsland wartet man sehnsüchtig auf den zweiten WM-Titel der „All Blacks“ nach dem Erfolg bei der allerersten Weltmeisterschaft im Jahr 1987.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Seither dominiert Neuseeland zwar die internationale Rugby-Szene und sorgt immer wieder für Glanzpunkte, die ganz großen Erfolge - also WM-Titel - blieben aber aus. Nun soll Trainer Graham Henry sein Team beim „Heimspiel“ des Weltranglisten-Leaders nach 24 Jahren des Wartens endlich wieder zu WM-Ehren führen. Vom traditionellen Kriegstanz Haka vor Ankick der ersten Partie bis zum Schlusspiff des Finales am 23. Oktober im Eden Park von Auckland soll der Traum dauern - und mit einem Happy End enden.

Steht die WM-Zukunft auf dem Spiel?

Neben den Erwartungen der Fans sind auch die Anforderungen an die Weltmeisterschaft selbst beim Gastgeber beachtlich. Nach Meinung von Martin Snedden, einem ehemaligen Cricket-Internationalen und jetzigen Chef des WM-Organisationskomitees, hängt sogar die Zukunft der Weltmeisterschaften vom Verlauf des diesjährigen Turniers ab.

Bei den Rugby-Großmächten Neuseeland und Australien war die letzte WM vor vier Jahren in Frankreich auf nicht viel Gegenliebe gestoßen - und das angeblich nicht nur, weil beide Teams überraschend schon im Viertelfinale ausgeschieden waren. So monierte man etwa auch das ohne Try über die Bühne gegangene Paris-Endspiel, das Südafrika gegen England 16:5 für sich entschieden hatte.

Pass von Juan Smith (Südafrika) im Rugby-WM-Finale 2007 gegen England

Reuters/Charles Platiau

2007 holte sich Südafrika ohne einen einzigen Try im Endspiel den Titel

„Wenn das bei der WM zur Norm wird, könnte es ernste Probleme für die weitere Popularität der Veranstaltung haben“, verkündete Snedden. „Das beste Szenario wäre, wenn die Spiele spannend werden. Und wenn es vielleicht Neuseeland und Australien ins Finale schaffen, wäre das wirklich herrlich. Mit dem Stil, den diese beiden Teams pflegen, wäre ein fesselndes Finale, das einem WM-Endspiel würdig ist, fast sicher.“

Dämpfer für Neuseeland

Dieser Wunschtraum Sneddens könnte tatsächlich in Erfüllung gehen, allerdings verlief die Generalprobe nicht nach dem Wunsch der Gastgeber. Mit der 10:25-Niederlage gegen Australien im „Finale“ des Tri Nations (Turnier zwischen Australien, Neuseeland und Südafrika, Anm.) Ende August gab es einen Dämpfer für Neuseeland. Eine Woche davor hatten die „All Blacks“ schon in Südafrika 5:18 verloren und damit gegen die unmittelbaren Verfolger in der Weltrangliste Niederlagen kassiert.

Die „Wallabies“ aus Australien treten beim kleinen Nachbarn mit der jüngsten Mannschaft aller 20 Teilnehmer an und wollen als erstes Team die WM zum dritten Mal gewinnen. Die südafrikanischen „Springboks“, die auf eine erfahrenere Mannschaft setzen, hoffen wiederum, als erstes Team den Titel erfolgreich verteidigen zu können.

Europäer wollen ein Wörtchen mitreden

Neben den großen drei von der Südhalbkugel haben sich natürlich auch die europäischen Topteams viel vorgenommen. Sie kommen zwar allesamt als Außenseiter nach Neuseeland, die Hoffnung auf den zweiten Titel für Europa nach dem für England im Jahr 2003 haben sie aber alle.

Englands Spieler feiern den Rugby-WM-Titel 2003

Reuters/David Gray

Vor acht Jahren holte England den WM-Titel nach Europa

Englands Chancen auf den zweiten Coup oder auch das vierte Endspiel scheinen allerdings nicht allzu groß zu sein. Mit dem Six-Nations-Titel (Turnier mit England, Frankreich, Irland, Italien, Schottland und Wales, Anm.) im Gepäck und dank der recht günstigen Auslosung sollte aber zumindest das Halbfinale möglich sein. Ähnliches gilt in abgeschwächter Form auch für die Iren, die die Six Nations im Vorjahr gewonnen hatten und die Gruppenphase relativ sicher überstehen sollten. Mehr als das Viertelfinale war für Irland bei einer WM aber noch nie drinnen.

Wales hat von der Papierform her in Gruppe D mit Südafrika, Samoa, Fidschi und Namibia die schwerste Auslosung erwischt. Es dürfte zu einem Dreikampf mit den beiden Pazifikstaaten um Rang zwei hinter dem Titelverteidiger kommen. Frankreich hat von den Europäern vielleicht die besten Chancen, auch wenn es seit der Heim-WM, als man erst im Halbfinale scheiterte, gewisse Formschwankungen zu beobachten gab. Für Neuseeland waren die Franzosen schon zweimal als Spielverderber aufgetreten (Semifinale 1999 und Viertelfinale 2007), da beide Teams diesmal aber in einer Gruppe spielen, ist heuer ein Aufeinandertreffen in einer frühen K.-o.-Runde auszuschließen.

Was schaffen Tonga, Fidschi & Co.?

Abzuwarten bleibt, wie sich die Teams von den Pazifikinseln schlagen werden. Da die WM im Pazifik stattfindet, ist ein gewisser „Heimvorteil“ nicht von der Hand zu weisen. In Neuseelands größter Stadt Auckland gibt es die größte Ansammlung von Polynesiern auf der gesamten Welt, entsprechend waren die ersten Spiele, die nach dem Finale und den neuseeländischen Gruppenspielen ausverkauft waren, die von Samoa.

Tonga, Samoa und Fidschi bieten ihre bestmöglichen Mannschaften mit auf und können auf zahlreiche Spieler verweisen, die ihr Geld in Neuseeland, Japan und Europa verdienen. Teams von den Pazifikinseln standen 1987 (Fidschi), 1991 (Samoa), und 2007 (Fidschi) im Viertelfinale. Dieses Ziel haben sie sich auch für heuer vorgenommen.

Links: