Heimvorteil als zweischneidiges Schwert
Gastgeber Neuseeland geht mit einem schweren Rucksack in die Heim-WM. Die „All Blacks“ sind - wie eigentlich immer - der Titelfavorit, doch gewinnen konnten sie das Turnier bisher nur einmal, bei der allerersten WM im Jahr 1987. Im eigenen Land soll nun natürlich der zweite Titel her. Die Erwartungen sind also hoch im „Land der langen weißen Wolke“.
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Ein gutes Omen könnte sein, dass der WM-Titel 1987, als Neuseeland und Australien gemeinsam Veranstalter waren, in Auckland erobert wurde, wo auch heuer das Endspiel stattfindet. Doch ein Blick auf die Ergebnisse der vergangenen Titelkämpfe lässt die Fans der dominierenden Mannschaft im Welt-Rugby erblassen: Dreimal (1991, 1999 und 2003) war im Halbfinale Endstation, 1995 gab es eine Finalniederlage gegen Südafrika. Am schlimmsten erwischte es die „All Blacks“ bei der bisher letzten WM, als sie sich 2007 Gastgeber Frankreich im Viertelfinale geschlagen geben mussten.
„Es ist immer der gleiche Druck“
Auf Trainer Graham Henry, der trotz der Pleite seinen Job behielt, Kapitän Richie McCaw & Co. kommt jedenfalls einiges zu. Zwar wurden unter Henry mehr als 80 Prozent der Spiele gewonnen, doch was wirklich zählt, ist der zweite WM-Titel. Der Druck ist in den 24 Jahren seit dem ersten nicht kleiner geworden. McCaw versucht die Tatsache, dass man gerade daheim von seinem Team besonders viel erwartet, herunterzuspielen: „Wo auch immer die WM stattfindet, es ist immer der gleiche Druck. Wenn man sich den Platz aussuchen kann, wo die WM stattfinden soll, dann wählt man sein Heimatland. Darum freue ich mich so darauf.“

Reuters/Daniel Munoz
Die „All Blacks“-Fans wollen den Gegnern bei der Heim-WM das Fürchten lehren
McCaw ist einer von zehn „All Blacks“, die schon 2007 dabei waren, und einer von fünf, die ihre dritten Weltmeisterschaften bestreiten. Der Kapitän sieht darin einen Vorteil: „Du weißt, warum du dabei bist und was dich erwartet. Viele von uns, die das letzte Mal dabei waren, haben seither eine Menge Rugby gespielt und viel Erfahrung gesammelt. Das garantiert noch gar nichts, aber für die engen Spiele weißt du, was du machen musst.“
Im Kopf nicht reif genug?
Nach dem Viertelfinal-Aus vor vier Jahren waren wieder einmal Stimmen laut geworden, die beklagten, dass Neuseeland zu oft zwischen den Weltmeisterschaften auf höchstem Niveau spielte, in entscheidenden Momenten aber dem Erwartungsdruck nicht standhalten konnte. Das soll sich nun ändern. „Wir haben daran gearbeitet“, sagte Centre Conrad Smith auf die Frage, ob das Team im mentalen Bereich etwas unternommen habe. „Falls sie es nicht bemerkt haben sollten: Wir haben nicht viele Weltmeisterschaften gewonnen“, erklärte er weiter. „Aber wir sind entschlossen, das zu ändern. Wir müssen uns der Realität stellen und damit umgehen.“
„Wir haben darüber gesprochen, dass diese WM anders ist, einzigartig. Wir wollen nicht einfach ins Turnier gehen und erwarten, dass Dinge, die früher funktioniert haben, wieder funktionieren werden“, so der 29-Jährige. „Wir spielen die ganze Zeit auf einem ziemlich hohen Niveau und haben in der Vergangenheit vielleicht darauf vertraut, dass die Dinge, die uns Länderspiele gewinnen haben lassen, auch für die WM passen würden. Aber andere Teams können sich in bestimmten Situationen steigern, und das haben wir vielleicht nicht gemacht. Aber wir haben darüber gesprochen, was wir bei dieser WM anders machen wollen.“
Die WM im Hinterhof
Ein Schlüsselspieler wird auf jeden Fall wieder Flyhalf Daniel Carter sein, der es in 83 Länderspielen auf die Rekordmarke von 1.219 Punkten gebracht hat. Obwohl seine Leistungen heuer etwas schwankend waren, wäre ein Ausfall des schon ein paarmal verletzt gewesenen Carter wohl fatal für das Team. Doch daran oder an den zu erwartenden Druck denkt er nicht: „Eine WM im eigenen Hinterhof zu haben, ist großartig. Alle Spieler freuen sich schon darauf. Die Freude über die Unterstützung in Neuseeland überwiegt den Druck und die Erwartungen bei weitem. Darum lieben wir es, in Neuseeland zu spielen.“

APA/EPA/Kim Ludbrook
Für Flyhalf Carter ist die WM in Neuseeland „großartig“
Teamchef Henry wiederum glaubt, dass sein Team durch die Erwartungen der Fans gestärkt wird. „Eine der besonderen Qualitäten des neuseeländischen Rugbys ist die Erwartung des neuseeländischen Publikums. Ich glaube nicht, dass es irgendwo im Rugby größere Erwartungen als bei den All Blacks gibt. Darum sind sie so erfolgreich. Sie sind die erfolgreichste Mannschaft in der Geschichte des professionellen Sports, und darauf sollten wir stolz sein.“ Man wird sehen, wie stolz die Fans in acht Wochen auf ihr Team sein können.
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