Themenüberblick

„Eine ganz sensible Aufgabe“

„Willi“ Ruttensteiner kam, sah und warf einiges über den Haufen, was bis vor Kurzem noch als unumstößlich galt. Am Dienstagvormittag war der „Johann Strauß“-Saal in einem Wiener Hotel fast zu klein für das Medieninteresse, als ÖFB-Sportdirektor und Interimsteamchef Ruttensteiner die erste Pressekonferenz nach der Ära Dietmar Constantini hielt.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Österreich Fußballjournalisten wussten, was sie von dem 48-jährigen Oberösterreicher zu erwarten hatten. Zuallererst eine Gesprächskultur, in der auf Fragen sachlich geprägte Antworten gegeben werden. Es sei denn, der noch unbekannte, aber bald amtierende Teamchef ist das Thema - dann schweigt auch Ruttensteiner. Der Kurzzeit-Teamtrainer präsentierte sich jedenfalls vor den letzten beiden Spielen in der EM-Qualifikation als „Weichensteller“ für den künftigen Teamchef.

Neue Überlegungen zu alten Themen

Da er aber derzeit auch für zwei Spiele die Verantwortung als Teamchef hat, erklärte Ruttensteiner klar seine Überlegungen zu Abläufen in der Mannschaft und seine Standpunkte zu Betreuern und Spielern. „Ich baue auf der Arbeit von ‚Didi‘ Constantini auf. Ich habe aber in die Basis, die er gelegt hat, meine Überlegungen einfließen lassen“, sagte Ruttensteiner, der dabei keinen drastischen Bruch zur Ära Constantini sehen wollte.

Interims-Teamchef Willi Ruttensteiner, Co-Trainer Manfred Zsak und Tormanntrainer Franz Wohlfahrt

GEPA/Christian Ort

Interimsteamchef „Willi“ Ruttensteiner hat eine klare Vorstellung vom Team

Zu Ruttensteiners Überlegungen gehörte die erwartete Rückkehr von Andreas Ivanschitz ins Team. Unter Constantini war der bald 28-jährige Mainz-Legionär gleich als Wurzel allen Übels im ÖFB-Team identifiziert und somit zur „persona non grata“ erklärt worden. Ruttensteiner sieht die Sache anders, für ihn zählt Ivanschitz zu „den 23 besten Spielern Österreichs“.

Deshalb könnte der ehemalige Teamregisseur am 7. Oktober (18.00 Uhr, live in ORF eins) in Baku gegen Aserbaidschan sein 50. ÖFB-Länderspiel bestreiten. Ivanschitz habe im Gespräch klar signalisiert, dass er wieder spielen wolle - und auch kein schlechtes Wort über Constantini verloren. Das habe Ruttensteiner „sehr imponiert“. Ob der Mainzer auch wirklich zum Einsatz kommt, stehe aber noch nicht fest.

Boden aufbereiten und nichts zerstören

Am 11. Oktober (ebenfalls 18.00 Uhr, live in ORF eins) folgt der Abschluss der EM-Qualifikation 2012 in Kasachstan. Dann sollte auch wieder der Einsatz von Ruttensteiner als Teamverantwortlicher vorbei sein. Trotzdem will der Technische Direktor des ÖFB für zwei Spiele seine Ideen umsetzen. Die Kurzfristigkeit seiner Änderungen sieht Ruttensteiner nicht als Problem oder gar vergebene Mühe an.

„Für mich ist das eine ganz sensible Aufgabe. Ich möchte den Boden für den neuen Teamchef bereiten und nicht alles zerstören. Zu viel zu verändern, wäre auch nicht gut. Es geht nicht um persönliche Eitelkeiten“, sagte Ruttensteiner und betonte dabei „Optimierungsschritte“ unternommen zu haben. Neben der Causa Ivanschitz fiel dabei das Comeback von Roger Spry im Teambetreuerstab auf.

Individueller trainieren und mehr reden

Der 60-jährige Engländer war bei der Euro 2008 als „Conditioning Coach“ noch ein wesentlicher Bestandteil im Betreuerstab der ÖFB-Elf, verlor dann unter Karel Brückner an Bedeutung und galt schließlich als das erste Constantini-„Opfer“. Für Ruttensteiner zählt Spry zu den „besten Fitnesstrainern Europas“, deshalb sei der Brite wieder dabei.

Gemeinsam mit dem bisherigen Konditrainer Mike Steverding könne so besser auf die individuellen Bedürfnisse und Anforderungen der Spieler reagiert werden. „Wir müssen viel an der Regeneration und an der individuellen Betreuung arbeiten. Da ist es ein Vorteil, mehrere Coaches zu haben.“ Auch ein zweiter Zeugwart soll für mehr „Professionalität“ sorgen.

Weiter legt Ruttensteiner viel Wert auf eine verbesserte Kommunikation. Nicht nur er hat im Vorfeld verstärkt das Gespräch mit Spielern und Betreuern gesucht, auch die Kicker selbst sollen sich wieder mehr zu sagen haben. Der Interimsteamchef denkt dabei an eine gemeinsame Zeit der Spieler nach den Mahlzeiten. Ein schweigendes Verschwinden der ÖFB-Akteure auf die Zimmer soll es nicht mehr geben.

Taktik bleibt geheim, Test auf Kunstrasen

Die Vorbereitung auf Aserbaidschan und Kasachstan nimmt Ruttensteiner - ganz seiner Art - entsprechend genau. Zur besseren Einstellung auf die Kunstrasenspiele in Aserbaidschan und Kasachstan ist nächsten Dienstag ein Testspiel gegen Erstligisten Gratkorn eingeplant. Gegen die kunstrasenerprobten Steirer sollen die Bedingungen in Baku und Astana simuliert werden.

Eine mögliche Taktik gegen Aserbaidschan und Kasachstan ließ sich Ruttensteiner nicht entlocken, ganz Fußballdiplomat sagte er lediglich: „Wir versuchen, optimalst zu arbeiten.“ Er vertraue dabei auf die Fähigkeiten der Teamspieler, die „Grundprinzipien“ schnell zu lernen. Grundsätzlich sei mit dem Trainerteam bereits bei der Kadererstellung besprochen worden, welcher Spieler gut ins System passe.

Teamchef mit Ablaufdatum

Auch bei der Teamcheffrage war Ruttensteiner nicht aus der Reserve zu locken. Er wollte zu Spekulationen über Personen wie Franco Foda, Paul Gludovatz, Andreas Herzog und den zuletzt ins Spiel gebrachten Ex-Schweden-Coach Lars Lagerbäck keine konkreten Aussagen machen - ebenso wenig über einen möglichen Bestellungstermin.

Ruttensteiner sagte lediglich, dass, sollte bereits vor den letzten beiden EM-Qualifikationsspielen ein neuer Teamchef durch ÖFB-Präsident Leo Windtner berufen worden sein, der auch sofort die Amtsgeschäfte übernehmen möchte, er sich gerne wieder auf das Amt des Sportdirektors zurückzieht.

„Ich weiß, dass ich nicht Teamchef bleibe“, so Ruttensteiner, der zu den kommenden Spielen und einem teamcheflichen „Kaltstart“ ergänzte: „Ich glaube aber nicht, dass das jemand machen will.“ So liegt die Verantwortung bei dem 48-Jährigen, für einen versöhnlichen Abschluss einer verkorksten EM-Qualifikation zu sorgen. „Wir wollen Österreich würdig vertreten, den vierten Platz verteidigen und beide Spiele gewinnen. Das wird aber eine schwierige Aufgabe unter schwierigen Rahmenbedingungen.“

Martin Wagner, ORF.at

Links: