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Die Summe der Kleinigkeiten

Die 1:2-Niederlage Deutschlands im Halbfinale gegen Italien hinterließ eine ganze Fußballnation in kollektiver Schockstarre. Nach dem Scheitern in den Semifinale der WM 2006, der EM 2008 und der WM 2010 sollte nun endlich der Titel her. Doch ausgerechnet gegen die „Squadra Azzurra“, dem Team gegen das noch nie ein Turniersieg gelang, kam das Aus. Zehn Gründe für die missglückte Titelmission.

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1. Die „Squadra Azzurra“

Die Niederlage der Deutschen war in dieser Form zwar nicht abzusehen – kam aber ebensowenig überraschend. Nach den verhältnismäßig „leichten“ Aufgaben in der Gruppenphase (Portugal, Niederlande, Dänemark) und im Viertelfinale (Griechenland) zerschellte das DFB-Team am ersten richtigen Prüfstein.

Mit Kapitän Gianluigi Buffon, Mittelfeld-Abräumer Daniele de Rossi und Spielgestalter Andrea Pirlo bilden drei Weltmeister von 2006 eine Achse in der italienischen Mannschaft. Ergänzt werden die drei Leader mit staubtrockenen Verteidigern (Giorgio Chiellini und Andrea Barzagli) und unberechenbaren Freigeistern (Mario Balotelli, Antonio Cassano). Abgeschmeckt wird das Fußball-Menü mit einem gewieften Coach (Cesare Prandelli) und beherztem Teamgeist.

2. Die Rochade

Beim 4:2-Sieg gegen Griechenland im Viertelfinale hatte DFB-Bundestrainer Joachim Löw alles richtig gemacht: Er brachte Miroslav Klose (für Mario Gomez), Andre Schürrle (für Lukas Podolski) und Marco Reus (für Thomas Müller). Das Trio spielte begeisternd auf, Klose und Reus trafen – und Löw wurde für sein „goldenes“ Händchen gelobt. Dass er gegen Italien alle drei Aktivposten auf die Bank verbannte, überraschte. Mit der Einwechslung von Reus und Klose in der zweiten Hälfte wurde das Spiel der Deutschen dann auch klar besser – doch da lag das DFB-Team bereits 0:2 hinten.

„Im Nachhinein hätten wir dieses oder jenes machen können“, gab ein verbitterter Joachim Löw nach dem Halbfinal-Aus zu Protokoll. Auch sein Kalkül, dass mit dem Ausschalten von Andrea Pirlo das italienische Spiel lahmgelegt werden würde, ging nicht auf. Nach dem Aus ließen die kritischen Stimmen kontra Löw nicht lange auf sich warten: „Der Trainer hat vielleicht ein, zwei Wechsel zu viel gemacht“, sagte Ex-Nationalspieler Michael Ballack, der ein eher gespanntes Verhältnis mit Löw pflegt, dem amerikanischen Sportsender ESPN. Olaf Thon, Weltmeister 1990, diagnostizierte gar: „Der Bundestrainer hat es damit übertrieben. Er ist der Wechselkönig der EM.“

DFB-Trainer Jogi Löw mit Blick nach oben

GEPA/Christian Walgram

Löws Personalauswahl gegen Italien erscheint im Rückblick unglücklich

3. Der Plan B

Die 20. Spielminute im Warschauer Nationalstadion war ein Novum für die deutschen Teamspieler: Sie lagen nach dem wuchtigen Kopftor von Balotelli zum ersten Mal bei der Endrunde in Rückstand. Und das DFB-Team wusste sichtlich nicht mit der Situation umzugehen. Nach einigen Minuten Verunsicherung suchten die Deutschen ihr Heil in bedingungsloser Offensive – und wurden nach einem Eckball eiskalt ausgekontert.

Mit dem 0:2 vor der Brust war die DFB-Elf für den Rest der ersten Hälfte völlig von der Rolle. Geradezu paralysiert wegen des unerwarteten Rückstandes gelang es nicht, umgehend zurückzuschlagen. Mit zwei Toren zurückzuliegen, war im Matchplan der Deutschen schlicht nicht vorgesehen. Erst dank der Einwechslungen in der zweiten Hälfte und der Auflösung der Viererkette im letzten Viertel des Spiels wurde jener Druck entwickelt, der zuvor ausgeblieben war: „Wir mussten alles riskieren, mit neuen Spielern alles versuchen“, so Löw.

4. Der Bad-Boy-Sturm

Mit der Kombination aus den skandalumwitterten Antonio Cassano und Mario Balotelli traf die deutsche Hintermannschaft zum ersten Mal im Turnier auf einen Zwei-Mann-Sturm. Alle anderen Mannschaften hatten lieber einen Mann mehr in der Defensive aufgeboten, um dem Offensivdrang der Löw-Elf die Stirn zu bieten. Die beiden deutschen Innenverteidiger Holger Badstuber (Bayern München) und Mats Hummels (Borussia Dortmund) hatten damit nicht nur ständig zu tun – sie sind derlei Arbeit aus der Bundesliga nicht gewohnt.

In der deutschen Bundesliga spielen nur wenige Teams konsequent mit zwei Stürmern. Obendrein liefen mit Balotelli und Cassano zwei ausgewiesene Instinktfußballer gegen die deutsche Hintermannschaft an: Zwei „Straßenköter“ nannte sie ein entnervter ARD-Moderator Reinhold Beckmann in der Analyse nach dem Spiel. “Die beiden decken einen enormen Raum ab, schaffen mit ihren oft unerwarteten Laufwegen permanent Unordnung beim Gegner und sind technisch absolut hochklassig“, analysierte der österreichische Fußballtaktik-Blog Ballverliebt.eu.

5. Die Form

Die deutsche Mannschaft zeigte im gesamten Turnier nur sporadisch jenen begeisternden Offensivfußball, den die Elf bei der EURO 2008 und der WM 2010 noch ausgezeichnet hatte. Das lag zum einen an der Abkehr des Trainerteams vom zu risikoreichen „Hurrafußball“. Zum anderen befanden sich Schlüsselspieler des DFB-Teams nicht in Normalform: Bastian Schweinsteiger etwa kam nach mehreren schweren Verletzungen alles andere als fit zum Nationalteam. Sonst für seine Übersicht und die Fähigkeit, das Spiel zu beschleunigen gelobt, bremste der Bayern-Taktgeber den DFB-Tempofußball aus. Er glänzte nur mit seinen beiden Torvorlagen gegen die Griechen.

Sein Mannschaftskollege, Mittelfeld-Stürmer-Hybrid Thomas Müller, bei der WM 2010 noch Newcomer des Turniers und Torschützenkönig, war ein Schatten seiner selbst. Real-Spielmacher Mesut Özil wirkte mitunter überspielt und überfordert, das Spiel der Deutschen im Alleingang zu orchestrieren. Und die Frage, ob Mario Gomez als zentrale Spitze genug nach hinten arbeitete, spaltete nach der Kritik von ARD-Experte Mehmet Scholl beinahe die deutsche Fußballnation.

Bastian Schweinsteiger ärgert sich, im Hintergrund Mats Hummels (beide GER)

AP/Michael Sohn

Schweinsteiger hatte die vierte Titelchance der Saison - er scheiterte ebenso oft

6. Das „Verlierer-Gen“

DFB-Bundestrainer Joachim Löw setzte in seinem Kader völlig zurecht auf einen Bayern-Block: Gleich acht Spieler des deutschen Rekordmeisters fanden sich im EM-Aufgebot. Sie alle eint hervorragende fußballerische Qualität.

Sie eint aber auch eine schwarze Serie an knappen Niederlagen: In der Meisterschaft kämpften die Bayern lange um den Titel, mussten sich aber nach teils demütigenden Niederlagen gegen Borussia Dortmund zum zweiten Mal in Folge hintanstellen. Im DFB-Pokalfinale setzte es eine 5:2-Demütigung von Borussia Dortmund, im Champions-League-Finale, dem „Finale dahoam“, scheiterten die Bayern im Elfmeterschießen an Chelsea.

DFB-Coach Löw richtete die Bayern nach der Niederlagenserie in der EM-Vorbereitung zwar wieder auf. Aus den Köpfen der Spieler dürfte die Niederlagenserie allerdings nicht verschwunden gewesen sein.

7. Die Vorbereitung

50 Tage lang wollte sich Löw mit dem Team auf die EM in Polen und der Ukraine vorbereiten. Einen Gutteil davon musste er allerdings ohne zahlreiche Spieler bestreiten: Die acht Bayern-Spieler kamen wegen des Champions-League- und DFB-Pokalfinales deutlich später ins Teamcamp, zudem reisten auch die fünf Akteure von Double-Sieger Borussia Dortmund verspätet an. Die spanischen Meister von Real Madrid – Özil und Sami Khedira – waren ebenfalls nicht pünktlich beim Team. Folge: Die EM-Testspiele verliefen durchwachsen. „Eine zerrüttete Vorbereitung“, beklagte Löw Wochen vor dem ersten EM-Spiel.

8. Der Fluch

„Die Deutschen haben Angst vor uns“, hatte Italiens Regisseur Pirlo vor dem Halbfinal-Spiel postuliert. Gemeint hat er damit die beispiellose Serie der „Squadra Azzurra“, die noch kein einziges Pflichtspiel gegen Deutschland verloren hat. Seit dem ersten Aufeinandertreffen der beiden Mannschaften bei der WM 1962 in Santiago de Chile ist den Deutschen kein Sieg gegen die Auswahl vom Stiefel gelungen.

„Vielleicht war da der Respekt im Hinterkopf, dass wir bei einem großen Turnier noch nie gegen Italien gewonnen haben. Das hat vielleicht eine Rolle gespielt“, diktierte ein frustrierter DFB-Stürmer Klose den Reportern nach dem Aus in die Mikrofone. DFB-Kapitän Lahm verbannte den Fluch eilends ins Reich der Esoterik: „Das liegt nicht an unserer Generation, dass Deutschland noch nie gegen Italien gewonnen hat bei einem Turnier.“

Enttäuschter Deutschland-Fan

APA/EPA/Oliver Weiken

„Schwarz-Rot-Geil“: Die Fans wollten den Titel - und bekamen das Halbfinal-Aus

9. Der Druck

Fast 30 Millionen Deutsche saßen am Donnerstagabend vor den Fernsehschirmen, allein die Fanmeile in Berlin lockte mehr als 500.000 Fans an. In deutschen Medien war stets von „Schwarz-Rot-Geil“ statt der Landesfarben „Schwarz-Rot-Gold“ die Rede. Am Ende setzte es ein 1:2 in der schwarzen Nacht von Warschau. Die Deutschen sind möglicherweise am Titeldruck zerschellt – schließlich stellte das DFB-Team den jüngsten Kader aller Mannschaften bei der Endrunde. Und damit das größte Potenzial, sich von medialem Druck verunsichern zu lassen.

10. Der Faktor X

1990 gewannt er mit dem DFB-Team den Weltmeistertitel in Italien: Franz Beckenbauer, Altvorderer bei Bayern München, Kicker-„Kaiser“ von Deutschland, Gottseibeiuns der deutschen Fußballerszene. In seiner „Bild“-Kolumne stellte er unumstößlich fest: „Das war nicht die wahre deutsche Elf bei dieser EM. Irgendetwas fehlt uns noch.“ Doch was genau den Deutschen fehlt, ließ Beckenbauer wohlweislich offen.

Auch ARD-Experte Mehmet Scholl assistierte nach dem Halbfinal-Aus seinem früheren Trainer: „Es sind Kleinigkeiten.“ Und Italiens Trainer Cesare Prandelli wusste bereits vor dem Semifinal-Spiel : „Es wird ein enges Spiel, in dem es auf jede Kleinigkeit ankommen könnte.“ Er sollte Recht behalten.

Mario Wally, ORF.at

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