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Koller zwischen Lob und Tadel

Marcel Koller hat sich den ersten von zwei Tests im Hinblick auf die im September beginnende EM-Qualifikation anders vorgestellt. Das trotz klarer Dominanz vom Ergebnis her maue 1:1-Remis gegen Island führte dem Schweizer vor Augen, dass seine Mannschaft vor der EM-Qualifikation noch immer mit den gleichen Krankheiten zu kämpfen hat: Abschlussschwäche und Abwehrfehler zur falschen Zeit.

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Auch eine Woche Trainingslager in Seefeld konnte das größte Manko der Nationalmannschaft nicht beheben. Der nächste Test gegen Tschechien am Dienstag in Olmütz ist daher die letzte Gelegenheit den Ernstfall EM-Qualifikation zu proben. Im ersten Qualispiel im September gegen Schweden hätte Koller ein Remis sicher mit Handkuss genommen. Das 1:1 in Innsbruck gegen Island drückte jedoch auf das Gemüt des Schweizers.

Zu deutlich war auch ohne einige Stammspieler wie David Alaba die Überlegenheit, so unbefriedigend am Ende das Ergebnis. „Es ärgert mich immer, wenn wir nicht gewinnen. Wir hatten genügend Möglichkeiten, ein Tor zu schießen“, sagte Koller. Gelungen ist aber nur eines, jenes von Marcel Sabitzer in der 28. Minute der ersten Hälfte. Zahlreiche Hochkaräter wurden hingegen teilweise leichtfertig vergeben. Etwa von Kapitän Marc Janko, der den Ball nach einem Stanglpass einen Meter vor dem Tor verfehlte, anstatt ihn über die Linie zu drücken.

Marc Janko

GEPA/Florian Ertl

Janko ärgerte sich über die vergebene Gelegenheit

Österreicher nicht „geil“ genug

Wie schon so oft in der Vergangenheit musste Koller die Gründe für die fast schon chronische Abwehrschwäche seiner Mannschaft den Beobachtern erklären. „Es ist eine Erfahrungssache“, sagte der Teamchef und wiederholte schon mehrmals Gesagtes. „Uns fehlt in der einen oder anderen Aktion noch die Ruhe.“ Doch nicht nur die Ruhe, auch die Entschlossenheit geht dem Schweizer bei seinen Spielern weiter ab. „Es fehlt die Verbissenheit, die Geilheit vor dem Tor“, formulierte es Koller pointiert.

Der Teamchef sah auch im Zeitpunkt der Testspiele am Ende einer langen Saison einen Grund dafür, dass in den Köpfen der Spieler der Energielevel bereits im Sparmodus angelangt ist. „Es brauchen sicher einige Urlaub“, sagte Koller und lobte die Einstellung seiner Mannschaft. „Jeder hat alles versucht, was gerade geht“, so der Schweizer, der gegen Island vor allem in der zweiten Hälfte sein Team gehörig mit Wechseln durcheinanderwirbelte.

Das verflixte zweite Tor

Zu beheben sei das Manko Toreschießen aus der Sicht des Trainers bis zum Start der EM-Qualifikation leicht, nur die Möglichkeiten fehlen. „Wir müssten jetzt zwei Monate gemeinsam trainieren, um ein Bewusstsein zu entwickeln“, sagte Koller, „aber die Zeit haben wir im Nationalteam leider nicht.“ Daher versuchte der Teamchef, das Positive an der aktuellen Ladehemmung zu finden: „Jetzt tut es noch nicht so weh. Als Trainer würde ich mir natürlich wünschen, dass aus zwei Chancen zwei Tore gemacht werden. Aber wenn wir uns das für die EM-Quali aufgehoben haben, dann soll es mir auch recht sein.“

Hannes Por Halldorsson

GEPA/Florian Ertl

Islands Schlussmann Halldorsson musste sich nur einmal geschlagen geben

Ein zweites Tor hätte den Isländern wohl sprichwörtlich das Genick gebrochen. „Wir hätten das zweite Tor schießen müssen“, sagte auch Koller, „das wäre der Todesstoß gewesen. So lässt du dem Gegner immer noch eine Chance.“ Sein Gegenüber Lars Lagerbäck, aus dessen Sicht nur das Ergebnis stimmte, sah es ähnlich. „Die Österreicher hätten bereits in der ersten Hälfte das Spiel ‚killen‘ können“, sagte der Schwede. Mehr als ein Tor wollte den Österreichern zum dritten Mal in Folge nicht gelingen. Gegen die USA reichte ein Treffer noch zum Sieg, gegen Uruguay hieß es am Ende ebenfalls 1:1.

Unnötiger Abwehrfehler

Eine große Chance hatte Debütant Stefan Ilsanker. Der 25-jährige Salzburger rechtfertigte seine Einberufung ins Team mit einer starken Leistung. Das sah auch Koller so. „Er hatte einen super Einstand. Es hat Spaß gemacht, ihm zuzuschauen“, sagte der Schweizer, der dank der Vorstellung von Ilsanker und Christoph Leitgeb im defensiven Mittelfeld auch den Ausfall von Alaba etwas leichter verkraften konnte.

Und Koller schickte gleich noch ein Lob für einen weiteren Spieler hinterher, der diesmal Tordebütant war: „Sabitzer war trotz seiner zwanzig Jahre sehr aggressiv und hat ein super Tor gemacht. Es fehlt ihm noch ein wenig taktisches Verständnis, aber er wird noch viel lernen.“ Gelernt hat laut Koller Marko Arnautovic: „Er hat schon bei Stoke gezeigt, dass er reifer geworden ist. Die Mitspieler suchen ihn, und er übernimmt diese Verantwortung auch.“

Kolbeinn Sigthorsson

APA/EXPA/Johann Groder

Aus dem Spiel gelang ihm kein Tor, beim Freistoß war Sigthorsson aber zur Stelle

Zufrieden konnte der Teamchef auch über weite Strecken mit der eigenen Abwehrleistung sein. Die Isländer wurden meist bereits im Mittelfeld erfolgreich gestört und kamen kaum zu Chancen. Aber da Ausnahmen die Regel bestätigen, fingen sich die Österreich mit dem einzigen gefährlichen Torschuss der Gäste den Ausgleich ein. Sigthorsson nutzte eine kollektive Auszeit der Hintermannschaft nach einer Freistoßflanke aus. Das Abwehrverhalten in dieser Situation hatte sich auch Koller notiert: „Bei Standards musst du an deinem Mann kleben. Wenn du nicht weißt, wo dein Mann ist, dann hast du ein Problem. Wir sind schlecht gestanden und wurden dafür bestraft.“

Lob vom Gegner

Ein Straftraining haben Kollers Spieler deswegen aber nicht zu befürchten. Bereits am Dienstag wartet in Olmütz gegen Tschechien ein Gegner, der noch deutlicher zeigen wird, ob Österreichs Nationalteam für die EM-Qualifikation gerüstet ist. Dass einige Spieler im Vorfeld sich offenbar bereits geistig einen Reiseführer für die EM 2016 in Frankreich besorgt hatten, war Koller nur bedingt recht. „Bis auf Schweden kennen die Spieler keinen unserer Gegner. Wie kann ich da sagen, dass wir uns qualifizieren müssen? Zuerst muss man sich informieren und dann kann man schauen, was möglich ist. Natürlich wollen wir zur EM, aber einfach wird es nicht“, sagte der Trainer.

Was den österreichischen Teamchef freuen dürfte: Lagerbäck, sein Kollege auf der isländischen Trainerbank, gibt dem ÖFB-Team gute Chancen - und das schon gegen seine schwedischen Landsleute. „Österreich hat eine Mannschaft, die sich entwickelt hat. Für Schweden wird es schwer.“ So richtig schwer aber nur dann, wenn Rot-Weiß-Rot rechtzeitig die „Geilheit“ des Toreschießens wiederfindet - und in der Verteidigung 90 Minuten und etwas mehr standhaft bleibt.

Karl Huber, ORF.at aus Innsbruck

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