Bescheidenheit oberstes Gebot
Der 15. November ist einmal mehr ein gutes Datum für das österreichische Nationalteam gewesen. 25 Jahre nach dem 3:0 über die DDR in der WM-Qualifikation 1990 setzte am Samstag wieder eine ÖFB-Auswahl an diesem Tag einen wichtigen Schritt - diesmal Richtung EM 2016. Drei Siege und ein Remis lautet die stolze Bilanz der ersten vier Spiele. Doch die ÖFB-Kicker stehen weiter auf der Euphoriebremse.
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Frei nach dem Motto „Abgerechnet wird zum Schluss“ wollten die Spieler von Teamchef Marcel Koller nach dem Sieg über die Russen - es war der erste Erfolg über die „Sbornaja“ seit 1967 und der erste seit dem Ende der Sowjetunion überhaupt - die Wortkombination EM und Frankreich nicht in den Mund nehmen. „Es ist eine schöne Momentaufnahme“, sagte Rubin Okotie, der Österreich in der 73. Minute zum Sieg geschossen hatte, „aber wir sind erst dann bei der EM, wenn uns keiner mehr den Platz wegnehmen kann.“
Respektabstand zu Verfolgern
Nach vier Spielen in der Gruppe G muss der in der Vergangenheit nicht immer verwöhnte Fußballfan fast schon zweimal hinschauen, um sich nicht in einem Traum zu wähnen. Mit zehn Punkten führt die noch immer ungeschlagene ÖFB-Mannschaft die Tabelle vier Zähler vor Schweden und fünf Punkte vor Russland klar an. Und: Als einzige europäische Mannschaft ist man im Kalenderjahr 2014 noch ungeschlagen. Trotzdem bleibt auch Teamchef Koller weiter vorsichtig. „Die Tabelle sieht sehr schön aus, aber das kann auch trügerisch sein“, sagte der Schweizer.
In diesem Punkt hatte man sich in der ÖFB-Kabine sichtlich abgesprochen. „Es war wieder nur ein Schritt in die richtige Richtung. Wir müssen noch viele Punkte sammeln, bis wir unser Ziel erreicht haben“, sagte etwa Martin Harnik, der die Vorlage zu Okoties Tor lieferte. Oder wie es Verteidiger Aleksandar Dragovic formulierte: „Die EM ist noch sehr, sehr weit entfernt. Wir müssen die Kirche im Dorf lassen. Wir sind auf einem guten Weg, aber wir müssen hart arbeiten.“ Kapitän Christian Fuchs wollte ebenfalls nichts überstürzen: „Wir bleiben bescheiden, bis die Qualifikation schwarz auf weiß dasteht.“
„Es haben alle gerackert“
Wie gut das ÖFB-Team derzeit diesen Weg geht, dafür war die Partie gegen Russland der beste Beweis. Die ÖFB-Elf ließ sich wie angekündigt von David Alabas Ausfall nicht aus dem Konzept bringen. Und auch nicht, als im zentralen Mittelfeld nicht nur die - laut diverser russischer Aussagen vor dem Spiel - 60 Prozent Alaba, sondern auch die restlichen 40 Prozent in Form von Julian Baumgartlinger kurzfristig nicht zur Verfügung standen.

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Aleksandar Dragovic war gegen Russland der „Anker“ der ÖFB-Abwehr
Christoph Leitgeb und Stefan Ilsanker konnten zwar nicht zu hundert Prozent das angeschlagene Duo ersetzen, dank einer kompakten Mannschaftsleistung machten die „russischen Bären“ aber diesmal keinen Stich. „Wir haben in der Breite eine sehr gute Qualität. Wenn zwei Spieler im zentralen Mittelfeld ausfallen, springen zwei andere in die Bresche“, sagte Torhüter Robert Almer, der mit einem weiten Abschlag nach dem ersten nicht gegebenen Tor von Okotie den Siegestreffer einleitete.
Glück des Tüchtigen
Im Spielaufbau sah man dem Team die Ausfälle von Alaba und Baumgartlinger zwar an, die Nationalteamkollegen des Duos machten dieses Manko jedoch mit Einsatz wett. „Es haben alle gerackert. Wenn einer den Ball verloren hat, ist ein anderer zurückgelaufen“, sagte Dragovic, der gemeinsam mit Martin Hinteregger die Abwehr dirigierte, „wir sind eine Mannschaft, und ich glaube, das sieht man auf dem Platz.“ Von Goalie Almer gab es daher auch Lob: „Es waren immer Situationen, wo etwas entstehen hätte können. Aber die Verteidigung hat das zum Glück sehr gut gemacht.“
Almer hatte daher auch recht wenig zu tun. Seinen wichtigsten Auftritt hatte der Edelreservist von Hannover 96 kurz vor der Pause bei einem Kopfball von Sergej Ignaschewitsch (43.). Knapp 20 Minuten davor half Almer bei einem Schuss von Aleksandr Kokorin die Stange aus. Dass der derzeitige Erfolgslauf aber nur einem besonders guten Draht zur Glücksgöttin zu verdanken ist, wollte der Torhüter nicht gelten lassen. „Vielleicht erzwingen wir auch das Glück. Durch frühes Pressing zwingt man den Gegner zu Fehlern, und vielleicht ist das der ausschlaggebende Grund, warum wir gewinnen“, so Almer.
Okotie belohnt sich selbst
Ausschlaggebend war zum zweiten Mal in Folge auch, dass Teamchef Koller Okotie wieder eine Chance gab. Denn der 27-jährige Wiener war zum zweiten Mal in Folge der umjubelte Held. Nach diversen Verletzungen war Okotie noch vor eineinhalb Jahren im Tief, jetzt war er mit seinen Toren für sechs der zehn Punkte verantwortlich. „Im Fußball weiß man nie, was passiert. Es ist ein sehr schnelllebiges Geschäft“, sagte der Stürmer, „aber harte Arbeit wird immer belohnt. Man muss nach Rückschlägen aufstehen. Und das habe ich gemacht.“

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Rubin Okotie (M.) ist der Mann der Stunde im ÖFB-Team
Dass Okotie zum zweiten Mal in Folge in Form eines Teamtreffers belohnt wurde, freute auch seine Teamkollegen. „Er war eigentlich schon weg vom Fenster, und wie er sich zurück gekämpft hat, freut mich riesig“, sagte Dragovic. Und Zuschauer Alaba hatte für Okotie nur zwei Worte übrig: „Geiler Typ“. Am Dienstag beim Saisonkehraus gegen Brasilien wird der „geile Typ“ wohl wieder von Beginn an stürmen. Denn Marc Janko fliegt bereits am Sonntag wieder nach Australien. Sein Arbeitgeber Sydney FC will es so.
Vorfreude auf „Mutterland“ Brasilien
Erst nach der Verabschiedung Jankos wollte man sich beim ÖFB-Team auch mit dem Prestigeduell mit der „Selecao“ beschäftigen. Ein klein bisschen tat man das auch schon am Samstagabend. „Brasilien ist etwas ganz Besonderes für jeden Fußballer“, so Kapitän Fuchs, „es hat immer einen speziellen Reiz, gegen praktisch das Mutterland des Fußballs anzutreten.“ Als Mutterland des Fußballs gilt zwar England, aber in der Stunde des Triumphes über Russland durfte man dem Schalke-Legionär diese kleine Verwechslung ruhigen Gewissens nachsehen.
Karl Huber, ORF.at
EM-Qualifikation, Gruppe G
Vierter Spieltag:
Österreich - Russland 1:0 (0:0)
Wien, Ernst-Happel-Stadion, 47.500 Zuschauer, SR Martin Atkinson (ENG)
Tor: Okotie (73.)
Österreich: Almer - Klein, Dragovic (86./Prödl), Hinteregger, Fuchs - Ilsanker, Leitgeb - Harnik, Junuzovic, Arnautovic (92./Sabitzer) - Janko (59./Okotie)
Russland: Akinfejew - Parschiwljuk, Ignaschewitsch, Beresutski, Kombarow - Tscherischew (56./Ionow), Gluschakow, Schirokow, Schatow (81./Dsagojew), Fajsulin (75./Dsjuba) - Kokorin
Gelbe Karten: Hinteregger bzw. Gluschakow, Parschiwljuk
Moldawien - Liechtenstein 0:1 (0:0)
Chisinau, SR Gestranius (FIN)
Tor: Burgmeier (74.)
Montenegro - Schweden 1:1 (0:1)
Podgorica, SR Collum (SCO)
Tore: Jovetic (80.) bzw. Ibrahimovic (9.)
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