Vierte Endrunde für den Dauerbrenner
Als Viktor Szilagyi im Februar 1998 sein Debüt für die österreichische Nationalmannschaft gegeben hat, war ÖHB-Teamkollege Raul Santos gerade fünf Jahre alt. Das Internet steckte in den Kinderschuhen, Hermann Maier machte sich in Nagano zur Olympialegende, und allfälliges Handyläuten während einer Matchbesprechung stand noch in keinem mannschaftsinternen Strafenkatalog.
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„Seither hat sich wahnsinnig viel verändert - im Handballsport allgemein und in Österreich sowieso“, resümierte der 36-jährige Ausnahmespieler vor seiner wohl letzten großen Mission. Die für Österreich am Freitag (17.00 Uhr, live in ORF Sport +) mit dem Match gegen Kroatien beginnende WM-Endrunde in Katar ist für den bald 200-fachen Internationalen (bisher 190 Länderspiele) das vierte große Turnier. Die Heim-EM 2010, WM 2011 in Schweden und die EM 2014 in Dänemark hat der Aufbauregisseur schon in den Knochen.
Heim-EM 2010 als Schlüsselerlebnis
„WM- oder EM-Turniere waren immer das große Ziel. Es hat lange gedauert, bis wir es geschafft haben“, erinnerte sich Szilagyi an harte Jahre im rot-weiß-roten Trikot. Was seine Karriere auf Clubebene betrifft, ging es in der deutschen Bundesliga ab 2000 bei Dormagen, Essen, Kiel, Gummersbach, Flensburg und nun Bergischer HC erfolgreich dahin. Mit dem Nationalteam musste Szilagyi einige Rückschläge einstecken. Bevor die euphorische EM 2010 mit Platz neun den Aufwärtstrend einleitete, scheiterte man oft unglücklich.

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Viktor Szilagyi ist im ÖHB-Team der Mann für die entscheidenden Momente
„Im Endeffekt war es der richtige Weg. Wir haben immer wieder an den richtigen Schrauben gedreht, und schließlich hat es auch geklappt - sicherlich auch begünstigt durch die Heim-EM 2010“, blickte der mehrfache deutsche Meister und Champions-League-Sieger (mit dem THW Kiel) zurück. „Aber auch danach hat uns nie irgendjemand irgendetwas geschenkt. Wir haben uns alle Teilnahmen hart erarbeitet“, so Szilagyi. „Die Mannschaft wäre schon früher bereit gewesen. Aber so ist das im Sport: Aus allen Rückschlägen und aus allen positiven Erlebnissen bastelt man sich etwas, das einen weiterbringt.“
Kein zweites „Japan“ in Katar
Auch die Erfahrung bei der WM vor vier Jahren in Schweden, als die Österreicher in der Vorrunde eine bittere Niederlage gegen Japan hinnehmen mussten und nicht zuletzt deshalb den Aufstieg verpassten, stimmt den in Budapest geborenen Vollbluthandballer zuversichtlich. Im Hinblick auf die vermeintlich leichteren Vorrundenaufgaben in Katar gegen den Iran und Tunesien geht Szilagyi davon aus, dass ein solcher Umfaller nicht mehr passiert. „Damals lieferten wir im wichtigsten Spiel unsere schlechteste Leistung ab. Jetzt sind wir einen Schritt weiter.“
Das primäre WM-Ziel steht für Szilagyi und Co. außer Frage: „Erfolgreich spielen wäre für mich zunächst einmal, das Achtelfinale zu erreichen. Dann kann man sich neue Ziele setzen“, betonte der ÖHB-Kapitän, der dem Team im November in den verlorenen EM-Qualiduellen mit Spanien und Deutschland an allen Ecken und Enden gefehlt hatte. Verletzungen im Rückenbereich und am Daumen sind mittlerweile abgeklungen. „Wäre ich nicht hundertprozentig fit, würde ich nicht hier sein“, stellte Szilagyi schon vor der Testspielserie klar.
Konstanz als größte Herausforderung
Zwei klar gewonnene Probeläufe gegen die Schweiz und eine knappe Testspielniederlage in Frankreich lassen für die WM auf einiges hoffen. „Man darf aber nicht einen Punkt herschenken“, warnte der einzige Handballer weltweit, der sowohl Champions League (Kiel) als auch EHF-Cup (Essen, Gummersbach) und Europacup der Pokalsieger (Flensburg) gewonnen hat. „Die Herausforderung wird sein, Konstanz reinzubringen. Dass wir an guten Tagen große Gegner schlagen können, haben wir bewiesen. In einem Turnier mit vielen Spielen und kurzen Regenerationsphasen muss man aber Konstanz zeigen.“
Die oft zitierte „Mischung“ aus erfahrenen und jungen, unbekümmerten Spielern stimme jedenfalls. Dass vielversprechende Zukunftshoffnungen wie etwa der 18-jährige Nikola Bilyk (Fivers Margareten) schon früh Endrundenerfahrung sammeln, sieht Szilagyi als enormes Plus für die Zukunft des Nationalteams. „Aber Entwicklung braucht Zeit“, warnte der Routinier davor, vom Youngster zu viel zu erwarten. Von sich selbst erwartet der selbstkritische Szilagyi immer sehr viel. Seinen Karriereherbst plant er mittlerweile aber „in sehr kleinen Schritten“, wie er im Gespräch mit ORF.at lachend bestätigte.
„Natürlich gibt es Signale des Körpers“
„Je älter man wird, desto mehr lernt man, wie kurzlebig das Ganze ist. Es war auch keine Show, dass ich die Entscheidung über meinen WM-Start erst sehr spät getroffen habe“, sagte der im Laufe seiner langen Laufbahn auch von Verletzungen geplagte Rückraumwerfer. „Aber ich weiß mittlerweile, welche Fitness ich für so ein Turnier brauche. Wenn ich fit bin, bin ich hundertprozentig da. Und ich glaube hundertprozentig an unsere Ziele.“ Gedanken an ein Karriereende schiebt Szilagyi in diesen Momenten ganz klar zur Seite. „Aber natürlich gibt es Signale des Körpers. Lust habe ich jedenfalls noch genug.“
Der Trainingsalltag habe sich natürlich geändert. „Ich mache keine hundert Sprünge mehr. Dafür muss ich in anderen Bereichen mehr machen. Aber wenn man einen guten Plan verfolgt, kann einem das ermöglichen, lange zu spielen“, erläuterte Szilagyi das würdevolle Altern eines Weltklassehandballers. „Ich bin auch nicht mehr in der deutschen Bundesliga, um wie noch vor ein paar Jahren 200 Tore pro Saison zu machen. Man verändert sein Spiel. Beim Verein (Bergischer HC/Anm.) trage ich jetzt mehr Verantwortung, dafür kann ich die Dinge im Spiel jetzt aber besser verteilen. Genauso mache ich es in der Nationalmannschaft. Es hängt nie von einem Spieler alleine ab.“
Fast alles richtig gemacht
Zu einem kleinen Karriererückblick ließ sich Szilagyi vor dem Abflug nach Katar dann doch noch hinreißen: „Alles war nicht erfolgreich, das ist klar.“ Zwölf Jahre lang habe man mit der Nationalmannschaft „herumgegurkt“, bis es bergauf ging. „Aber auf Vereinsebene waren alle Entscheidungen richtig. Ich war gut beraten. Gewisse Voraussetzungen und Hindernisse hat jede Karriere. Aber ich hatte immer Toptrainer - von der Jugend bis heute“, bilanzierte Szilagyi, der in seiner Kindheit und Jugend von seinem Vater Stefan Szilagyi (langjähriger Trainer in St. Pölten und später Krems) zum Handballer geformt wurde.

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Fast 900 Tore hat Szilagyi für Österreich schon geworfen
„Was danach auch immer kommen wird - es wird auf jeden Fall im Handball sein“, kündigte er für das irgendwann wohl doch nahende Ende seiner aktiven Spielerlaufbahn an. „Und ich werde eine Funktion machen, von der ich hundertprozentig überzeugt bin. Es hat sich schon in den letzten Monaten viel ergeben, auch für mich überraschend. Auch ein Trainerangebot auf hohem Niveau war dabei“, berichtete Szilagyi. „Beruhigend, dass man viele Möglichkeiten hat. Aber es kostet noch so viel Energie, Spieler zu sein, dass man damit genug beschäftigt ist.“
Was die WM im nicht gerade als handballverrückt geltenden Katar betrifft: „Ich bin ein offener Mensch wie viele Sportler, weil wir viel unterwegs sind. Katar war nicht nur wegen Handball, sondern vor allem wegen der Fußball-WM ein großes Thema. Ob man diese Dimensionen gut findet, muss jeder für sich selbst entscheiden“, sagte Szilagyi. „Es ist auf jeden Fall eine spannende Geschichte. Organisatorisch wird alles passen. Wenn man das Thema Nachhaltigkeit betrachtet, muss man kein Fachmann sein, um zu sehen, dass das sehr fragwürdig ist.“
Harald Hofstetter, ORF.at
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