„Das ist im Fußball manchmal eben so“
Huub Stevens ist in Salzburg quasi beim Aufstellen der Aufwärmhütchen für das Abschlusstraining von einem Anwalt über seine Entlassung informiert worden. Louis van Gaals vorzeitiger Abschied von Bayern München kam noch „vorzeitiger“. Von allen in den letzten Tagen offenbarten, seltsam komischen Facetten des Fußballs gestaltete sich der Abgang von Peter Pacult bei Rapid aber am unwürdigsten.
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Sportlich war es bei Rapid in der bisherigen Saison ganz und gar nicht rund gelaufen. Da waren der heldenhafte Aufstieg in die Europa-League-Gruppenphase gegen Aston Villa und natürlich zwei Auswärtssiege über die Austria, sonst aber nicht allzu viel. Auch die Schwingungen zwischen dem ohnehin nicht gerade als Kumpeltypen bekannten Pacult und der Mannschaft befanden sich mangels sportlicher Erfolge eher auf bescheidenem Niveau. Und Konfliktpotenzial mit Ex-Sportdirektor Alfred Hörtnagl und der Presse gab es für Pacult offenbar reichlich.
Versöhnliche Worte nur vom Kapitän
Auch bei den Rapid-Fans erreichte der unbequeme Trainer nicht annähernd die Beliebtheitswerte eines Josef Hickersberger. Einige Gruppierungen lehnten Pacult nicht zuletzt wegen seiner Austria-Vergangenheit auch in erfolgreichen Zeiten grundsätzlich ab. Das alles erklärt aber noch lange nicht, warum die Ära des Rapid-Meistertrainers 2008 so würdelos zu Ende gehen musste. „Im Fußball ist das manchmal eben so“, brachte es Steffen Hofmann nach dem ersten Training von Pacults Interimsnachfolger Zoran Barisic vielleicht sogar auf den Punkt.

GEPA/Mario Kneisl
Pacult mit dem Meisterteller 2008, ein Bild aus besseren Tagen
Der Kapitän, der mit seinem ehemaligen Chef auch den einen oder anderen Strauß ausgefochten hatte, strich zum Abschied die positiven Aspekte der fast fünfjährigen Ära Pacult bei Rapid heraus: „Es hätte sicher ein schöneres Ende geben können, aber wir haben mit ihm sehr viele gute Sachen erlebt.“ Der von Pacult zwischenzeitlich zur Nummer zwei im Tor degradierte Helge Payer hatte kaum Lust, den möglichen fliegenden Wechsel des Trainers zu Red Bull zu kommentieren.
„Es waren vier Jahre, die sehr erfolgreich waren. Zum Schluss hat es nicht mehr gepasst, deshalb hat der Verein reagiert“, übte sich Payer in Pragmatismus. „Es ist viel passiert, am Schluss ein paar negative Sachen, aber die müssen wir hinter uns lassen. Wir haben ein Ziel zu erreichen, und das ist zumindest ein Europacup-Platz.“ Dass dieser verpasst werden könnte, war für Präsident Rudolf Edlinger gar nicht der Grund für die Trennung von Pacult gewesen. Er war von dessen Vorgangsweise menschlich schwer enttäuscht, und wer Edlinger bei der Pressekonferenz am Freitagnachmittag sah, glaubte ihm das.
Nicht mehr mit voller Kraft für Rapid
Mit ernster Miene und sichtlich erschöpft schilderte der Rapid-Boss die grotesken und auch peinlichen Vorgänge der letzten Tage - von Pacults Heurigenbesuch mit Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz über ein Dementi und ein Dementi des Dementis, bis zu den vergeblichen Versuchen, den am Montagvormittag nicht zum Training erschienenen Pacult auf dem Handy zu erreichen. „So ist eine Zusammenarbeit nicht mehr möglich“, erklärte Edlinger die fristlose Entlassung.
„Ich konnte nicht mehr das Vertrauen haben, dass der Trainer mit voller Kraft und ausschließlich für Rapid arbeitet.“ Geheime Gespräche über einen Wechsel Pacults zu RB Leipzig hinter seinem Rücken erschienen Edlinger im Lichte der jüngsten Aussagen des gefeuerten Trainers mehr als wahrscheinlich. Eine Nachricht von Pacult auf der Mobilbox, wonach „frei erfundene“ Gerüchte offenbar doch nicht so frei erfunden waren, hatte die Ereignisse beschleunigt.

ORF.at/Christian Öser
Präsident Rudolf Edlinger muss nun den Scherbenhaufen wegräumen.
„Wenn er gekommen wäre ...“
Was den Rapid-Präsidenten schwer traf, war der Mangel an Offenheit und Ehrlichkeit. „Wenn er gekommen wäre und gesagt hätte, dass er weg will, hätten wir ihm sicher keine Steine in den Weg gelegt“, verwies Edlinger zu Recht auf den Abgang des damaligen Meistertrainers Josef Hickersberger 2006 zum ÖFB. „Aber das ist eine Frage des Stils“, zeigte er sich von Pacult enttäuscht. „Man hätte den Vertrag auch freundschaftlich auflösen können wie damals. Hickersberger ist im Hanappi-Stadion immer ein gerngesehener Gast.“ Nach diesem Abgang kann man sich das bei Pacult wohl kaum noch vorstellen.
Auch bei der Suche nach einem Nachfolger - als heißester Kandidat gilt Peter Schöttel - will Edlinger an einem „Grundprinzip“ des Clubs festhalten, „das nicht ‚hire and fire‘ ist“. Man werde sich die nötige Zeit nehmen, bis zum Saisonende genießt „Zoki“ Barisic das Vertrauen des Präsidiums. Der Interimstrainer ist wie Schöttel ein Europacup-Held der Saison 1995/96, als man erst im Finale des Cups der Cupsieger gegen Paris SG verlor. Carsten Janker, damals der Sturmtank unter Trainer Ernst Dokupil, ist auch so einer. Der Deutsche gilt als möglicher Nachfolger von Hörtnagl als Rapid-Sportdirektor.
Wird Barisic vielleicht zum Lederer?
Von der Mannschaft wurde Barisic jedenfalls gut aufgenommen. „Zoki war sehr lange beim Team, er kennt fast jeden Spieler und war eigentlich der logische Nachfolger“, sagte Hofmann. Und Payer erinnerte sich auch an die 2009 von Pacult forcierte Abschiebung von Barisic in die Rapid-Jugendabteilung: „Mich freut es für ihn, weil er es sich verdient hat“, sagte der Keeper über die Barisic-Rückkehr. „Weil sein Abgang sehr untypisch war, wie es sich nicht gehört. Ich wünsche ihm alles Gute und damit auch uns allen.“
Blieb nur noch die unvermeidliche Frage an Edlinger, ob die Interimslösung im Falle eines Siegeslaufs im Saisonfinish zu einer Dauerlösung a la Franz Lederer in Mattersburg werden könnte. Und wenigstens einmal an diesem Tag konnte der Rapid-Präsident lachend antworten: „Fragen Sie mich das bitte nach dem Siegeslauf.“
Harald Hofstetter, ORF.at
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