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„Historische“ Watschn für Kritiker

Spanien gab auch im Sommer 2012 im Weltfußball den Ton an. Nach der Euro 2008 in Österreich und der Schweiz und der WM 2010 in Südafrika setzte „La Roja“ ihren fast schon grimmigen Erfolgslauf auch bei der EM in Polen und der Ukraine fort. Ausgerechnet im Finale packten die Iberer am 1. Juli ihre beste Turnierleistung aus und kamen so zu einem völlig verdienten 4:0-Erfolg in Kiew gegen Italien.

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„Wir haben etwas Historisches geschafft“, sagte Spaniens Erfolgscoach Vicente del Bosque nach dem dritten großen Titelgewinn in Folge. All jene, die ihn wegen des oftmaligen Verzichts auf einen gelernten Stürmer in der Startformation im Turnierverlauf teils scharf kritisiert hatten, hatte der 61-Jährige eines Besseren belehrt. Del Bosque betonte allerdings, den Fußball durch diese Taktik nicht gerade revolutioniert zu haben. „Es gibt nicht nur eine Art, Fußball zu spielen“, sagte er nach dem Triumph.

„Eine außergewöhnliche Generation“

Das Wichtigste sei immer, Tore zu erzielen. Und das war den Spaniern auch mit Ausnahme des torlosen Halbfinales gegen Portugal in jeder Turnierpartie gelungen. „Wir haben gute Stürmer, uns aber entschieden, auf Fabregas zu setzen, der besser zu unserer Spielweise passt“, erklärte Del Bosque nach dem Finale. Der zumeist an vorderster Front aufgebotene Mittelfeldspieler hatte sich für das Vertrauen mit zwei Treffern und auch dem mustergültigen Assist zum 1:0 von David Silva im Endspiel bedankt.

Spaniens Teamspieler fahren mit einem offenen Bus durch das Zentrum von Madrid

Reuters/Susana Vera

Hunderttausende feierten ihre Helden in Madrid

„Es ist eine außergewöhnliche Generation. Die Spieler wissen genau, wie sie zusammenspielen müssen, sind sehr intelligent und haben das nötige Selbstvertrauen und die nötige Sicherheit“, lobte Del Bosque seine Truppe. „Wir haben ein großes Turnier gespielt.“ So deutlich wie das Ergebnis war der Klasseunterschied der beiden Teams aber nicht. Die Dominanz der Spanier in der Schlussphase kam vor allem durch die numerische Unterlegenheit der Italiener in der letzten halben Stunde zustande.

Jubel mit Pokal knapp vor Mitternacht

Der kurz vorher eingewechselte Motta war verletzungsbedingt ausgeschieden - das Austauschkontingent der Italiener war aber bereits erschöpft. „Sie waren ein starker Gegner, hatten aber kein Glück. Aufgrund des Ausfalls von Motta war es leicht für uns, das Finale zu gewinnen“, resümierte Del Bosque. Dank der Tore von David Silva (14.), Jordi Alba (41.), Fernando Torres (84.) und Juan Mata (88.) feierte Spanien als erstes Team nach Argentinien (drei Siege bei der damals noch jährlich ausgetragenen Copa America von 1945 bis 1947) zum dritten Mal in Serie einen großen Titel.

Acht Minuten vor Mitternacht Ortszeit streckte Kapitän Iker Casillas nach dem bisher höchsten Sieg in einem EM- oder WM-Finale den Siegespokal in die Höhe. Der Stargoalie hatte mehrere Gründe zu feiern, überstand er doch auch das zehnte K.o.-Spiel in Serie ohne Gegentor und durfte sich über seinen 100. Länderspielsieg freuen. Der Titel wurde mit einem Feuerwerk und Konfettiregen gefeiert.

Fernando Torres mit seinem Sohn Leo und seiner Tochter Nora

AP Photo/Vadim Ghirda

Fernando Torres mit seinen Kindern nach dem Triumph in Kiew

Erfolgshunger noch nicht gestillt

Casillas, EM-Torschützenkönig Fernando Torres, die überragenden Mittelfeldstrategen Xavi und der zum besten Spieler des Turniers gewählte Andres Iniesta und Co. ließen sich nicht nur von ihren Fans bejubeln. Auch die Kinder der Starkicker durften auf dem Rasen mitfeiern und schließlich genauso wie die Eltern und Ehefrauen in den Innenraum des Olympiastadions.

Und der Erfolgshunger des nun Rekord-Europameisters (gemeinsam mit Deutschland) ist noch immer nicht gestillt. Auch bei der WM 2014 werden die Iberer aller Voraussicht nach als großer Favorit ins Rennen gehen. Dass Siegen auch für Spanien keine Selbstverständlichkeit ist, betonte Del Bosque aber erst Anfang Dezember in Sao Paulo. Nach drei Titeln seien die Erwartungen natürlich noch größer geworden. „Wir stehen unter Druck, wir tragen eine große Verantwortung. Im Laufe der Jahre nimmt die Angst vor dem Versagen zu“, so Del Bosque.

Del Bosque hat kein Erfolgsrezept

In Spanien habe sich nach der Titelflut die Idee festgesetzt, dass das Siegen für die „Seleccion“ einfach sei. „Am meisten Angst und Zweifel bereitet mir, was auf uns zukommt, diese gestiegene Verantwortung“, erklärte der Ex-Coach von Real Madrid, der das Nationalteam nach der EM 2008 übernommen hatte. Mit sieben Punkten aus drei Spielen sind die Spanier in der WM-Qualifikation auf Kurs. Der Titelverteidiger führt die Gruppe I nach einem 1:1 im Schlager in Madrid punktegleich mit Frankreich an.

Spanien-Teamchef Vicente del Bosque

Reuters/Darren Staples

Vicente del Bosque hält die Fäden weiter in der Hand

Del Bosque kann es nachvollziehen, dass sein Team nach drei gewonnenen Turnieren in Serie als Vorbild gelte. Ein allgemeingültiges Erfolgsrezept gebe es aber nicht. „Es gibt keine einzigartige Formel“, sagte der 61-Jährige. Vor dem Nationalteam hatte Del Bosque Real zu zwei Champions-League-Titeln geführt. Angebote von anderen Mannschaften oder Clubteams habe er trotz der Erfolge bisher nicht erhalten. „Vielleicht schrecke ich die Leute ab“, meinte Del Bosque. „Aber ich möchte auch nirgendwo sonst hin.“

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