Themenüberblick

Kämpferherz alleine ist zu wenig

Prag hat Österreich bei der WM 2015 doch kein Glück gebracht. Zum sechsten Mal in Folge stieg das Team aus der A-Gruppe wieder ab. Zwei Siege gegen die falschen Gegner waren erneut zu wenig. Daniel Ratushny und seine Mannschaft machten bei den Titelkämpfen in Tschechien fast alles richtig, nur dass man das sportliche Schicksal in die Hände von Frankreich und Lettland legte, wurde zum Eigentor.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Verdient hätte es sich die österreichische Mannschaft allemal, aus dem Fahrstuhl zwischen A- und B-WM auszusteigen. Das mit 14 WM-Debütanten angereiste Team redete nicht nur vom Willen, oben zu bleiben, sondern setzte ihn auch über weite Strecken des Turniers um. Gegen die Schweiz gelang eine Überraschung, und auch Deutschland wurde in die Knie gezwungen. „Wir haben mit einer jungen Mannschaft eine sehr gute A-WM gespielt. Das haben uns viele nicht zugetraut“, sagte Verteidiger Dominque Heinrich. Aber eben nicht alles funktionierte in Prag auf A-Niveau.

A-Niveau: Einsatz und Leidenschaft

Einsatz und Wille wurden schon bei früheren WM-Turnieren versprochen. Aber selten war das auch so auf dem Eis zu sehen wie in Prag. Die Spieler kämpften aufopfernd und gaben sich nie verloren. „Die Mannschaft hat Herz und Leidenschaft. Es hat jeder seine Rolle anerkannt, das hat man auch auf dem Eis gesehen“, sagte Nikolas Petrik, mit 31 der älteste WM-Debütant im Team. Der Einsatz wurde vor allem im Penaltykilling belohnt. In 24 Unterzahlsituationen kassierte man nur ein Tor - genauso viele wie zum Beispiel die NHL-Stars von Team Kanada.

Mario Fischer (Österreich) und Eric Blum (Schweiz)

Reuters/David W Cerny

Der Kampfgeist war den Österreichern nicht abzusprechen

Auch eine gute Stimmung im Team war schon früher oftmals nur vorgegaukelt worden. Die Realität sah man dann im Spiel. In Prag waren die Sprüche vom eingeschworenen Team keine Floskeln. Das schlug sich auch in der Leistung des von vielen Experten schon vor dem Turnier abgeschriebenen Teams nieder. „Ich weiß gar nicht, wann ich mich in der Nationalmannschaft das letzte Mal so wohl gefühlt habe“, sagte Michael Raffl. Jammereien über Kleinigkeiten gab es in Tschechien nicht.

B-Niveau: Die Chancenverwertung

Wären Einsatz und Kampf ebenfalls bewertet worden, Österreich hätte deutlich mehr Punkte auf dem Konto gehabt. Noch zählen im Eishockey aber die Tore, und davon schoss Österreich zu wenige. Acht Tore in sieben Spielen - Penaltys nicht mitgerechnet - sind bei einer A-WM eindeutig zu wenig. Den Frust darüber konnte auch Teamchef Ratushny nur schwer verstecken. Seine Analyse, zwei Tore seien eine Steigerung, war zwar lustig, im Kern traf der Kanadier aber genau den wunden Punkt. Nur 6,45 Prozent der Schüsse landeten im Tor. Nur Mitabsteiger Slowenien war ineffizienter (6,21 Prozent).

Die magere Torausbeute überrascht mit Blick auf die Ligastatistik nur bedingt. Brian Lebler (41 Saisontore) und Thomas Raffl (31), beide trafen in Prag zweimal, sind die einzigen Teamspieler die in der Erste Bank Eishockey Liga (EBEL) unter den Top 20 der Torjägerliste aufscheinen. Dort dafür auf den Plätzen eins und vier. Auch im Powerplay blieb Österreich alles schuldig. Fast 28 Minuten spielte man im Turnier in Überzahl, Tor gelang der Mannschaft aber keines - damit war man klares Schlusslicht.

A-Niveau: Der Trainerstab

Ratushny und seine Assistenten Dieter Kalt, Christoph Brandner und Reinhard Divis schafften es in einem Jahr, eine neue Mannschaft aufzubauen, die auch ohne langjährige Stammkräfte nur knapp am Klassenerhalt vorbeischrammte. Ratushny lebte seinen Spielern die verlangte positive und professionelle Einstellung vor. Das bei seiner Bestellung angekündigte einfache System wurde von den Spielern gut angenommen und umgesetzt.

Assistent Christoph Brandner, ÖEHV-Coach Daniel Ratushny und Assistent Dieter Kalt

APA/Helmut Fohringer

Die Anweisungen an die Spieler werden gemeinsam erarbeitet

Der Kanadier ließ sich wie sein Schweizer Kollege beim Fußballteam in Personalentscheidungen auch von außen nicht beeinflussen. Ratushny blieb hart, als Beobachter seine Entscheidung, auf Thomas Vanek und Michael Grabner bei einem frühen Play-off-Aus in der National Hockey League (NHL) in jedem Fall zu verzichten, heftig kritisierten. „Es waren zu diesem Zeitpunkt die richtigen Gründe, daher war es die richtige Entscheidung“, sagte Ratushny.

B-Niveau: Die Situation in der Heimat

Dass in Prag Spieler, die in der EBEL keine tragenden Rollen einnehmen, die Kohlen aus dem Feuer holen hätten sollen, wurde einmal mehr zum Stolperstein. „Es ist leider die einzige Mannschaft, die wir haben“, sagte ÖEHV-Sportdirektor Alpo Suhonen zum kleinen Kandidatenkreis. Vor allem in der Verteidigung war einigen Spielern die mangelnde Praxis in der Liga anzusehen. Wer auf EBEL-Niveau nicht üben darf, der tut sich bei einer A-WM eben besonders schwer. In der EBEL liegt die Verantwortung in der Hand von - teils mittelmäßigen - Legionären.

So bald wird sich daran auch nichts ändern. Den Appell von ÖEHV-Sportdirektor Suhonen, die Clubs sollten freiwillig verstärkt auf Österreicher setzen und langfristig einen Spielerpool aufbauen, wird sich kein Vereinsverantwortlicher zu Herzen nehmen. Auch für Teamchef Ratushnys Arbeitgeber Red Bull Salzburg ist der schnelle Erfolg vorrangig. Von Verbandsseite will man auf der WM 2015 aber weiter aufbauen. „Wir müssen unser eingeleitetes Aufbauprogramm ganz einfach weiter durchziehen“, sagte ÖEHV-Präsident Kalt.

Trotz des Abstiegs und des Umbruchs im Kader hat Österreichs Mannschaft in Prag einen großen Schritt nach vorne geschafft. Das nach Olympia in Sotschi angekratzte Image wurde aufpoliert. Das honorierten auch die Fans, die in großer Schar in die tschechische Hauptstadt pilgerten. „Die Fans haben uns durch die gesamte WM gepeitscht“, bedankte sich Petrik bei den Anhängern. Die nächste Auswärtstour zu einer A-WM können die Fans aber wieder erst frühestens in zwei Jahren starten.

Karl Huber, ORF.at, aus Prag

Links: