Feinschliff an mehreren Ecken
Die Zeit des Ausprobierens ist für Österreichs Nationalteam vorbei. Beim nächsten Einsatz von Marcel Kollers Mannschaft geht es bereits um die Wurscht. Am 14. Juni wartet mit Ungarn in Bordeaux die erste von drei Bewährungsproben bei der EM 2016 in Frankreich. Dann muss das Team jenes Gesicht zeigen, dass die Fans in der Qualifikation in Euphorie versetzte. Arbeit gibt es noch genug.
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Insgesamt vier Testspiele absolvierte die Mannschaft in der Vorbereitung auf die Endrunde in Frankreich. Die Bilanz fällt durchwachsen aus. Zwei Siegen gegen Albanien und Malta (jeweils 2:1) stehen zwei Niederlagen gegen die Türkei (1:2) und bei der Generalprobe gegen die Niederlande (0:2) zu Buche. Auch wenn Teamchef Koller und seine Mannen weder die Siege noch die Niederlagen überbewerten wollten, zeigten die Spiele, was bis zum 14. Juni noch geschliffen werden muss.
Abwehr muss aufwachen
In der Qualifikation war die Abwehr für Rot-Weiß-Rot noch ein Trumpf. In zehn Spielen ließ Österreich nur fünf Tore zu, die Gegner mussten sich schon richtig anstrengen, um den Abwehrriegel zu knacken. Anders das Bild in den vier Länderspielen 2016. Dort stand kein einziges Mal die oft zitierte Null. Die Tore schossen sich die Österreicher mehr oder weniger selbst.

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Aleksandar Dragovic (r.) wirkt nach Verletzung noch nicht auf der Höhe
Da gab es gegen die Türken den haarsträubenden Fehlpass von Goalie Ramazan Öczan, gegen Malta schoss sich das ÖFB-Team in Form von David Alaba selbst ins Knie, und gegen die Niederlande verließ sich die Abwehr auf den Torhüter und umgekehrt. „Wenn man gesehen hat, wie die Tore passiert sind, dann waren wir meistens selber schuld“, sagte Teamchef Koller. Bei Abwehrchef Aleksander Dragovic schien in den letzten beiden Tests seine Knöchelverletzung noch etwas nachzuhängen.
Kommunizieren und konzentrieren
Die Schnitzer im Defensivverhalten haben zumindest für den Teamchef einen Hauptgrund: Seine Spieler reden auf dem Platz zu wenig miteinander. Ein Umstand, den Koller nach dem 0:2 gegen die Niederlande offen ansprach. Lieber einmal mehr Kommandos untereinander, als stille Messe, so die Devise des Schweizers. „Wenn ich meinem Mitspieler etwas zurufe, er hat es aber eh gesehen, dann macht das nichts. Doppelt hält besser“, so Koller.
Verdoppeln muss sich auch die Konzentration im Spiel, sowohl defensiv als auch offensiv. Mag es am Charakter der Freundschaftsspiele gelegen sein, aber so hundertprozentig bei der Sache wie in der Qualifikation wirkten die Österreicher in einigen Phasen der Testpartien nicht. Daraus resultierten Blackouts wie beim 1:0 der Niederländer oder Fehlpässe im Angriff. „Es gilt, die Konzentration auch auf die Mitspieler zu lenken und mehr zu kommunizieren“, so Koller.
Balanciertes Umschalten
Mit besserer Kommunikation sollte auch das Umschaltspiel zwischen Defensive und Offensive gegen Ungarn besser funktionieren. Der Spielaufbau verlief bei den Österreichern in den Testspielen oft schleppend. Mehrmals klaffte zwischen Abwehr und Angriff eine große Lücke, die raffinierte Gegner immer wieder zu nutzen wussten. Teamchef Koller ortete das als logische Konsequenz des Offensivdrangs. Hat der Gegner bei Kontern zu viel Raum, kann das aber ins Auge gehen.
Die Offensive wirkte heuer noch nicht richtig ausbalanciert. Besonders gegen die Niederlande war das offensichtlich. Sehr viel lief über die linke Angriffsseite, rechts war weniger los. Dort probierte Koller auch im letzten Test noch etwas aus. Gegen Malta machte rechts noch Martin Harnik Meter, gegen die Niederlande durfte sich Marcel Sabitzer bewähren. Beide Varianten schienen aber aktuell nicht der Weisheit letzter Schluss.
Tore, Tore, Tore
Zum ungünstigsten Zeitpunkt meldete sich ein altes Problem im österreichischen Fußball zurück: die Abschlussschwäche. Besonders gegen die Niederlande wollte der Ball trotz guter Möglichkeiten nicht ins Tor. Erstmals seit dem 0:3 gegen Deutschland m September 2013 in München schoss Österreich kein Tor. Kein Wunder, dass Koller einmal mehr Abgebrühtheit und Präzision vor dem gegnerischen Kasten forderte. Dazu kämpft Marc Janko noch mit seiner Form. Auch dem Torjäger hängt eine Muskelverletzung im Oberschenkel nach.

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Rot-weiß-roten Torjubel gab es in den Testspielen nicht so oft wie erhofft
Die Chancenverneblerei und die damit verbundenen Diskussionen gehen auch den Spielern selbst auf die Nerven. „Die Entschlossenheit, dass wir Tore machen, ist extrem wichtig“, sagte Zlatko Junuzovic. Kollege Marko Arnautovic pflichtete bei: „Wenn wir die Chancen nutzen, sieht es anders aus.“ Der Wiener hofft, dass der Knoten genau zum richtigen Zeitpunkt platzt. „Hoffentlich heben wir uns das für die EM auf“, so Arnautovic.
Selbstvertrauen passt
Zumindest eines schafften die Ergebnisse in der Vorbereitung nicht: die breite Brust der österreichischen Spieler zu schmälern. Von Koller („Wir werden bereit sein“) abwärts ist man im ÖFB-Team davon überzeugt, bei der EM wieder sein bestes Gesicht zu zeigen und auch die entsprechenden Ergebnisse einzufahren. „Wir sind heiß auf die EM, jeder wird 120 Prozent geben“, versprach Arnautovic nach der verlorenen Generalprobe.
Auch dem Teamgeist konnten die Testergebnisse nichts anhaben. „Wir haben keine Sorge, aber natürlich muss mehr kommen“, sagte Dragovic. Die dank den Pleiten gegen die Türkei und die Niederlande erfolgte Rückkehr in die Realität kam für die Spieler sogar zum richtigen Zeitpunkt. „Ein Problem für die Stimmung ist das nicht. Es ist vielleicht gut, dass nicht immer alles super läuft“, so Torhüter Robert Almer. Super laufen muss es erst ab 14. Juni.
Karl Huber, ORF.at
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